Archiv für die Kategorie ‘Scheisskultur’

Kurz notiert

Dank unserem flotten Admin Charlie steht unser kleiner Elfenbeinturm wieder in seiner ganzen Pracht im Netz der Netze. Besten Dank hierfür. Und auch für die Geduld, verehrte Leserschaft.

And now for something completely different:

Orange und sunrise heiraten bekanntlich demnächst, die Verlobung wurde heute gross verkündet. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich nur skeptisch oder gar angepisst sein soll, habe ich doch eines dieser günstigen Abos, für die sunrise berühmt und berüchtigt ist. Ich bin aber auch Swisscom Kunde, ich diversifiziere gerne ein wenig, um meine Risiken als Kunde zu verkleinern oder zumindest zu verteilen. Meine Erfahrung ist bisher, dass der Schweizer Telekom-Markt eine einzige Fehlkonstruktion ist, und das wird sich auf absehbare Zeit kaum ändern, bei diesen News erst recht nicht…

Die Simpsons müssen am Teevau neu angewarnt werden. Ja mei, die armen Kinder. So eine leicht subversive Zeichentrickserie kann schon Kinderseelen vergiften, das muss man klar sehen. Ja ja, humorfrei und Spass dabei. Wie war das schon wieder mit diesen Anime für Erwachsene, die in Fronkräisch in leicht geschnittener Fassung im Nachmittagsfernsehen für Kinder(!!!) liefen? Hab’ ich da was verpasst?

Last but not least kommen wir zum unvermeidlichen Schmankerl aus den News: der angeschossene Bär und sein Revier-Intruder. Die Diskussion hierzu ist in weiten Teilen einfach nur bescheuert. Wenn mich an der ganzen Sache etwas aufregt, dann ist es die Passivität der Leute. Dieser junge Mann hat scheinbar Minuten lang auf der Mauer gekauert, bevor er runter ging. Da müssen etliche Leute an ihm vorbei gegangen sein, ohne auch nur einen müden Finger zu rühren. Für mich ist da der Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung gegeben, es ist einfach immer das Gleiche. Ach übrigens, den beiden geschlagenen Herren wünschen wir gute Besserung.

Echt jetzt.




Im Knast, exponiert und gut nachgemacht.

Da der Kollege Beinhart bereits erfolgreich aufgespurt hat, bleiben wir noch kurz beim Thema Arschloch: Carl “Penisguided” Hirschmann, so schrei(b)t man beispielsweise bei 20Min.ch, wurde offenbar wegen sexueller Nötigung angezeigt und sitzt nun in Untersuchungshaft. Wie auch immer die Sache ausgeht, wir werden es garantiert mitbekommen.

Apropos Mitteilungsdrang, in den USA läuft wieder mal eine Geschichte mit Vorbildcharakter, was das Recht auf Attention-Whoring von Minderjährigen auf Social Networks angeht. Auf Spiegel Online gibt es einen guten Artikel dazu.

Ein Pflichtfach für Schauspieler ist meiner bescheidenen Meinung nach die Imitation von anderen Menschen. Kevin Spacey hat mich diesbezüglich sehr überrascht und unheimlich zum Lachen gebracht, aber seht selbst:




Anglizismen reloaded und Götter auf Brettern

Mein aktueller Favorit bei den üblen Anglizismen (sinngemäss, im Radio gehört im Zusammenhang mit Robbie Williams):

“Mis Mami findet dä hotter than July!”

Klar, und ich finde den Spruch colder than January. Was für ein Bullshit.

Und nun, meine sehr verehrten Damen und Herren, ein Glanzstück aus den Neunzigern, das mir auch heute noch genickschädigendes Headbangen entlockt. Bühne frei für die mittlerweile aufgelösten Guano Apes mit der rattenscharfen Sandra Nasic am Drücker:

Meine Fresse ist der Song geil. Ich habe jetzt das Bedürfnis, sehr laut zu schreien.




No, i don’t eat pork.

Craig Ferguson ist ein echt witziger Typ:




Schwein hat die Sau!

*SCHNORCHZ!*

OK, den Dschango hat es böse erwischt. Keine Ahnung, ob es was Schweinisches ist oder nur eine normale Grippe, aber verdammt, bin ja noch wirrer im Hirn als sonst. So wird das nix mit Bloggen.

*SCHNAUB!*

Aber damit dieser Post nicht völlig in der Sinnlosigkeit endet, habe ich noch was für euch. Also, wer sich mal wieder so richtig aufregen will, dass ihm oder ihr die Galle schier überschäumt, der oder die klickt hier bzw da.

*KROCHELHUST!*

Und wer sich mal wieder verblüffen lassen will, klickt am besten hierdrauf. Vielleicht die ersten 90 Sekunden überspringen, wenn man in Eile ist.

*SCHNEEEEEEEEEUZ!*

So. Das wars für diese Woche. Dschango geht jetzt mal sterben. Euch auch noch n’schönes Leben.

*HUSTWÜRGLUFTSCHNAPPNIESVIRENSPEI!!!*




Stiefelknechte oder ich bin auch ein Auge

Da haben sich wohl einige Bauern aus dem Jura ein gutes Beispiel am irakischen Schuhwerfer genommen:

Schau mir in die Augen, Kleines

Schau mir in die Augen, Kleines

Das Bundesratsdorli wurde doch tatsächlich anlässlich einer Rede an der Käseolympiade in Saignelégier von einer erzürnten Menge der Bauerngewerkschaft mit Stiefeln beworfen.

Das ist ja jetzt an und für sich nicht sehr originell. Was mich an dieser Geschichte viel mehr interessiert: Kann sich der Hypnoseblick unserer Volkswirtschaftsministerin im Schockzustand wohl noch intensivieren? Man weiss es nicht genau…




Itauiänisch reloaded

Wir waren ja mal wieder in Italien, Hases Genpool besuchen gehen. Diesmal gaaaanz tief runter: “finibus terrae” hat die Ecke mal geheissen, und tatsächlich, danach kommt nur noch Afrika und Griechenland. Und um dasjenige, das eh alle am meisten interessiert, gleich vorwegzunehmen: 4,3 Kilo in sieben Tagen. So. Man munkelt, dass sich die Insassen einer hier ungenannt wollenden Berner Trainingslokalität bereits schelmisch darauf freuen, nächste Woche einem fetten, alten Zigeuner den faulen Arsch grün und blau zu schlagen. Und ich habs ja verdient, soviel restzwinglianischer Masochismus muss mir erlaubt sein.

Labern, fressen, labern, fressen, schlafen. Repeat.

Habe ich schon mal erwähnt, dass sowohl der Italiener als auch die Italienerin an sich kein Gramm normal sind? Sogar, wenn ich dies schon getan hätte – es ist dermassen wahr, dass es kaum oft genug gesagt werden kann.

Zwei Hauptpunkte: die Fresserei und die Schwaflerei. Beides sind die Hauptsäulen, auf denen die italienische Kultur steht. Und beides wird bis zum Exzess betrieben.

Gut, OK, es waren ja Verwandte, da ist klar, dass mit der grossen Kelle angerichtet wird. Aber einmal haben wir fünfzehn Gänge über den ganzen Tag verteilt gezählt, da war noch nicht mal ein Frühstück drin. Kann das noch gesund sein?! Und man verstehe mich jetzt richtig: nicht so Chrüter-Oski-Nouvelle-Wobischdu-Portionen, sondern solche, die dazu geeignet sind, Holzfäller oder Kampfhunde nach härtestem Einsatz zu sättigen. Ich kann wirklich fressen wie gestört, aber nach drei Tagen habe auch ich aufgegeben: es war, wie wenn meine Verdauung einfach nicht mehr nachkäme, all das Zeug, das oben reingestopft wird, zu verarbeiten, bevor schon wieder Nachschub kam. Gefühlsmässig habe ich deshalb noch eine Woche nach der Rückkehr in die Schweiz italienische Nahrungsmittel defätiert.

Und dann haben sie uns dauernd versichert, dass es an “normalen” Tagen bei ihnen nicht so wäre, dass sie nur für uns ein Festessen veranstalten. Und im nächsten Satz erzählen sie, wie man vor drei Tagen (ohne, dass Schweizer oder sonst ein erkennbarer Grund zur Völlerei vorhanden gewesen wäre) wie deppert geschaufelt habe, einfach so. Und wie zwischen erstem Advent und Stefanstag der Tisch in der Regel gar nie abgeräumt, sondern einfach nur immer das Leergegessene wieder aufgefüllt werde. Und dass Weihnachten im Vergleich zu Ostern geradezu harmlos sei.

Aber eben: erzählt wird viel an italienischen Tischen. Verdammt, elend, unglaublich viel sogar. Wir lernten einmal eine gebildete junge Frau kennen, die sogar ausländisch parlieren konnte (Französisch, Englisch, sogar bissi Deutsch), was in Italien wirklich eine Ausnahme darstellt. Ihre Sprechleistung von ungefähr zweitausend Silben Italienisch pro Sekunde sprengte die Kapazität meines Gehirns bei weitem, weshalb ich vorschlug, in eine mir etwas näher stehende Sprache zu wechseln. Nachdem ich ihr etwa drei Minuten beim Französischsprechen zugehört habe, sagte ich ihr, sie könne auch genauso gut wieder Italienisch sprechen – die Sprache hatte zwar gewechselt, sowohl Betonung als auch Tempo blieben aber unverändert.

Meine Theorie ist ja, dass alle, die nördlich des Gotthards geboren sind, eine Verengung in ihrem Gehörgang angeboren haben. Dank (oder Fluch, je nachdem) derer ist man nicht in der Lage, mehr als eine gewisse Anzahl Worte aktiv zu hören, geschweige denn, sinnvoll zu verarbeiten. Entsprechend sind auch unsere Sprechwerkzeuge aufgebaut: darauf optimiert, die diffizile Architektur eines nördlichen Gehörgangs zu berücksichtigen, ihn ja nicht mit zu viel Sprachleistung zum Bufferüberlauf zu treiben. (Dass dies mit einer erhöhten Leistung beim Bedenken des zu Sagenden einhergeht, ist zwar naheliegend, die Erfahrung zeigt aber, dass es eine Fehlannahme ist.)

Das südländische Ohr hingegen ist ein bodenloser Krater, der völlig ungerührt auch die unglaublichste Menge an Worten aufnehmen und verarbeiten kann. Entsprechend sind auch südländische Zungen gefertigt: als linguistische Maschinengewehre, wartungsfrei und nur dann wirklich glücklich, wenn sie auf höchsten Touren feuern können.

Es ist mir bisher erst einmal gelungen, einen Tisch mit immerhin fünfzehn italienischen Dransitzenden für ein paar Sekunden zum Schweigen zu bringen, und das ging so: man wollte mich zum Verzehr irgendeiner Widerlichkeit nötigen, ich glaube, es war Fischgehirn. Normalerweise bin ich solchem Mist ja nicht ganz abgeneigt – mein Top-Team aus Gaumen und Magen erträgt zumindest rein theoretisch eigentlich alles, was kreucht und fleucht. Bockig werde ich aber dann, wenn ich etwas “muss” – wenn ich etwas probieren muss, etwas machen muss, etwas erledigen muss. Dann stellen sich bei mir die Nackenhaare auf, die Augenbrauen ziehen sich zusammen und bevor es denkt, sagt es schon “sicher nicht”. Muss was genetisches sein.

Item, man sagte mir also, ich müsse dieses Fischgehirn jetzt unbedingt probieren, weil, nebst seiner kulinarischen Qualitäten habe es auch noch… andere. Aha, so fragte ich, welcher Art diese Qualitäten denn seien, und bekam zur Antwort, diese Qualitäten seien besonders, wenn nicht gar explizit, für Männer geeignet. Gut, gab ich zurück, dann macht es uns also so intelligent wie Frauen? Kopfschütteln über den Barbaren aus dem Norden war die Folge, neiein, das hätte ich falsch verstanden, es wirke mehr… unten. Achso!, ich wieder, dann sei ja gut, und fragte mit grösster Unschuldsmiene, weil, ich hätte da unten keineswegs Performance-Probleme – ob das bei den anderen Herren hier am Tisch etwa der Fall sei?

Tatsächlich schwiegen jetzt alle – Männer und Frauen – während etwa dreissig Sekunden, in einer Stille, die andere als beklemmend empfunden hätten, ich aber genoss, da ich endlich mal in Ruhe und ohne Störung einen oder zwei Bissen kauen konnte.

Echte Männer

Sowieso, es ist ja eine Freude, Italien als Mann zu bereisen, der tradierten Insignien der Männlichkeit im besten Fall mild belächelnd, im weniger guten Fall offensiv bekämpfend begegnet. Konkret: ich hasse Autofahren, ich scheisse auf rote Sportwagen, ich schlafe bei Fussball ein, ich glaube jeder Studie, die behauptet, dass mehr als 30 Minuten Velofahren im Tag impotent macht, ich koche gerne, ich putze mehr als die Frau, ich verdiene weniger als ebendiese, ich definiere mich nicht über meinen Job und wenn mir ein Geschlechtsgenosse über seine böse Alte vorjammert, bin ich reflexartig auf deren Seite. Männersolidarität finde ich selten mehr als bemitleidenswert und ja, verdammt, ich tausche halt lieber mit der Hausfrau Rezepte aus, als virtuelle Schwanzlängenvergleiche mit den klötentragenden Jammerlappen im Wohnzimmer auszutragen.

Der Italiener ist ja überzeugt davon, dass es nördlich von Milano eigentlich keine Männer mehr gibt. Der globale Brennpunkt des Testosterons ist irgendwo zwischen Lecce und Rom anzusiedeln, alles andere sind ja nur verweichlichte Memmen. So meint der Italiener.

Dazu passt, dass der Italiener eine Art von Homophobie entwickelt hat, die geradezu Jööööh-Charakter hat. Und zwar wird ganz einfach die Existenz von Homosexualität negiert. Das heisst, man weiss zwar, dass es schwule Italiener gibt, diese leben aber ganz einfach alle in Milano. Irgendwie muss es da einen Botty-Magneten haben, der einfach alle Homos früher oder später da hochzieht. Und weil eben alle Schwulen in Milano leben, kann es an Orten wie zB Lecce gar keine mehr geben. Ist ja logisch, oder?

Entsprechend kann man sich in Süditalien so tuntig aufführen, wie man will, es wird sich niemand daran stören. Solange man nicht mit dem Pimmel im Hintern eines anderen Mannes erwischt wird, ist alles in Ordnung und man wird glauben, dass derjenige eben “die Richtige” noch nicht gefunden hat. Und sogar wenn man auf einer öffentlichen Toilette in eindeutiger Pose erwischt wird: eher ist man bereit, an einen schrägen Unfall zu glauben, an einen Ausrutscher auf glitschigem Boden, wobei man, Gesicht voran und “Goooooooooooooal!” schreiend, zufällig auf dem – unerklärlicherweise voll erigierten – Genital eines Priesters gelandet ist, als dass den Betroffenen homosexuelle Absichten unterstellt werden.

Erklärungsnotstand herrscht nur, wenn der Priester zufälligerweise aus Milano stammt.

Sprachliches

Moskitos fisten!

Fistare gli zanzare!

Wir kennen eine aus Apulien stammende Frau, die seit über zwanzig Jahren in der Deutschschweiz lebt (und zeitweise arbeitete) und nach all dieser Zeit noch nicht ein einziges Wort Deutsch oder Schweizerdeutsch versteht, geschweige denn spricht. Sie hat es geschafft, zwei Kinder grosszuziehen und sich selbst während dieser ganzen Zeit in einem selbstgewählten italienischen Ghetto zu halten. Der nächste SVP-Wasserträger, der mir irgendwas vorjammert, weil der Jugo von nebenan nach drei Jahren in Bern noch immer kein Goethe-fähiges Hochdeutsch spricht und keine Schiller-Sonette freihändig vortragen kann, dem muss ich glaub echt mal die Kutteln so richtig durchputzen.

Ich bin ja, was romanische Sprachen angeht, wirklich kein Genie – Legionen von Franz-LehrerInnen aller möglichen Niveaus, Stufen, Ebenen und Lehrkörper können das bestätigen. Aber nach einer Woche nur Zuhören war ich soweit, dass ich zumindest kapiert habe, um was es in einer umgangssprachlichen Unterhaltung ungefähr geht. Ist ja auch selten Quantentheorie, über die da diskutiert wird. Aber die Ignoranz, die in Italien Fremdsprachen gegenüber geübt wird, ist wirklich sensationell. Es scheint, als ob italienische Gehirne einfach abblocken, sobald was ausländisches an ihre akkustischen Sensoren gerät.

Entsprechend gibt es an italienischen Unis auch so gut wie keine Veranstaltungen, die nicht in Italienisch abgehalten werden. Englisch als Lingua Franca zumindest der Natur- und Wirschaftswissenschaften ist dort auf jeden Fall noch nicht durchgedrungen. Was in einem Land mit einer traditionell rekordhohen Marke an arbeitslosen Uni-Abgängern doppelt idiotisch wäre, eigentlich.

Auf die eigene Sprache jedoch ist der Italiener stolz wie sonstwas. Völlig irrelevant, dass sie ausserhalb der eigenen vier Wände nur noch in der Schweiz (und da auch eher zum Erhalt des Lokalkolorits und um die Restschweiz zu nerven) gesprochen wird: wenn es um Italienisch geht, wird jeder Bauarbeiter zum linguistischen Experten und Ästheten. Völlig normal, dass man mit einem doppelten Doktor nur Italienisch sprechen kann. Ebenso völlig normal, dass man von der Kellnerin augenbrauenhebend korrigiert wird, wenn man ein falsches Geschlecht vors Wort setzt.

Die Sprache ist aber auch immer wieder zu Spässen aufgelegt. So heisst ja bekanntlich “es stinkt” auf Italienisch “puzza”. Daraus nun abzuleiten, dass “Trepuzzi” einfach “drei Stinker” seien, ist aber komplett falsch – es handelt sich hier um eine Stadt, deren Geruchsemissionen sich durchaus im italienischen und gesamteuropäischen Durchschnitt halten. Dass der Mano weiblich ist, ist da nur noch der Tüpfelchen auf das i und konsequent.

Aber auch bei den Namen findet sich allerlei Spassiges: ganz besonders zu erwähnen sicherlich der Name Sturzo für einen Katholenpolitiker.

Strandfreuden

Hase und ich haben eine Tätigkeit kultiviert, die wir “simulierten Strandurlaub” nennen. Man geht dazu an dem Ort, wo man sich gerade aufhält – das kann im Urlaub an einer x-beliebigen, nicht wirklich für ihre Traumstrände berühmte Destination sein oder zur Not auch im Marzili oder im Badezimmer in der Bümplizer Wohnung – dorthin, wo sich Touristen und Einheimische in der Regel zum Eintunken ihrer Glieder in Salz- oder Süsswasser treffen.

Warum wir das tun? Ganz einfach: als Dink-Vorzeigemodelle sind wir ja prädestiniert für Urlaub auf den Malediven, den Seychellen…. Hauptsache schön weit weg, schön Strandsonnepalmen und, vor allem, schön teuer. Nun wissen wir ja ganz genau, dass wir es in der Regel selten länger als zwei Stunden an einem Strand aushalten. Wo der Erholungsfaktor beim kollektiven Hautkrebs kultivieren, während links und rechts ein textil unterdotierter, ziemlich repräsentativer Querschnitt durch die ZuschauerInnen des RTL-Nachmittagsfernsehens liegt, krakeelt und… einfach ist, liegen soll, hat sich für uns noch nie so wirklich erschlossen. Aber trotzdem, man ist ja den ständigen, vierfarbigen Illusionen der Reiseindustrie machtlos ausgesetzt. Und so kommt es halt auch bei uns mal vor, dass wir, meist nach Wochen, in denen die Welt zwanzig mal eingerissen, neu aufgebaut und wieder in Stücke gehauen wurde, schmachtend vor Bildern von weissen Stränden stehen, die nur eines suggerieren: nichts tun.

Das Problem ist nur: wir können nicht nichts tun. Geht nicht, irgendwie. Absenz von Aktivität hat keinerlei Erholungswert für uns. Wenn wir nichts tun, dann möchten wir etwas tun. Sachen anschauen. Lesen. Das Hotelzimmer umräumen, egal. Und auf den Maledellen kann man nichts tun, ausser eben: nichts tun. Und bevor sich da wieder Besserwisser zu Wort melden: Schnorcheln und tauchen ist für uns genau dasselbe wie nichts tun, einfach noch mit bunten Fischlein drumherum.

Und genau aus diesem Grund, um uns von dieser uns innewohnenden Unmöglichkeit zur Untätigkeit immer mal wieder aufs Neue zu überzeugen, machen wir eben simulierten Strandurlaub. Was haben wir schon an Geld und Nerven gespart, indem wir eben nicht auf die Maledellen gefahren sind! Wenn mehr Leute simulierten Strandurlaub machen würden, das Klima wäre im Fall schon fast gerettet, alleine schon nur durch die nicht zurückgelegten Flugmeilen!

Item.

Apulien ist recht berühmt für seine Strände, die zur Hauptsaison vor allem von Italienern, Deutschen und Schweizern frequentiert werden. In dieser Zeit muss die Gegend die absolute Hölle auf Erden sein. Wir haben da wesentlich mehr Glück gehabt, im Wesentlichen waren die Strände nämlich leergefegt, und das trotz, so sagt zumindest Hase, durchaus angenehmen Wassertemperaturen. All die Gummienten-Schnorchel-Badehosen-Shops, die das Bild von solchen Orten sonst prägt, war gnädigerweise bereits grösstenteils weggeschlossen, übrig blieb die stellenweise tatsächlich atemberaubende Landschaft, klarstes Wasser und trotz Bewölkung mehr als genug Sonne für zwei Bleichhasen. Beste Voraussetzungen für simulierten Strandurlaub!

Wir gingen da also an den Strand und profitierten gleich vom “Liegestühle und Sonnenschirm zusammen für nur zehn Euro”-Sonderangebot, haben uns mit ausreichend, aber nicht allzu schwerer Lesekost in zu bratender Absicht in den Sand gelegt, das bereits millionenfach als malerisch besungene Meer in unverbaubarer Frontalsicht.

Es war schon todlangweilig, als wir noch standen. Aber im Liegen fühlte ich sofort, wie mein Gehirn im Sekundentakt “Mami, wie lang geits no? Mami wie lang geits no? Mami wie…” in Richtung meines Aufmerksamkeitshorizonts feuerte. Und so schön es auch war, links und rechts über mehrere hundert Meter keinen Grind ansehen zu müssen, irgendwie fehlte etwas. Ich meine, ja, Meer, schön. Aber irgendwann hat man sich doch sattgesehen an Wellen, nicht? Zumal nie zum Beispiel ein Wal angespült wird oder ein Geisterschiff oder ein Hai gesichtet wird oder so. Immer nur dieses dröge Rauschen, das mich ständig in einen lethargischen, passiv-aggressiven Zustand befördert und mich final auf einer mechanisch-tierischen Ebene spitz wie Nachbars Lumpi macht, dass es auch nicht mehr schön ist.

Aber eben, niemand um uns herum. Niemand, den man herzhaft auslachen könnte. Niemand, mit dem man einen Streit vom Zaun brechen könnte. Und das (höchstwahrscheinlich) endvierzige Schweizer Paar, das sich in gerade noch Sichtweite befand (Illustrationsvorschlag: Er Geo-Lehrer im Muristalden, Sie Katechetin und/oder Sozialarbeiterin), mittels Sandwürfen und dem demonstrativen Ziehen eines Burggrabens zu einer zünftigen Schlägerei zu provozieren, erschien mir dann doch als Zeitverschwendung.

Zum Glück begann es nach etwa 45 Minuten zu regnen, was einerseits eine von uns hochgeschätzte Betriebsamkeit am Strand auslöste, andererseits die Möglichkeit eröffnete, uns ohne grösseren Gesichtsverlust (Andrea: jetzt nicht übersäuern!) von unserem Sonderangebot zu trennen.

Und wieder zweimal SFr. 4′000.- für Maledellen-Urlaub gespart!

Mafia, Wirtschaft, Kirche, Politik

Der staatstragende, klassisch-italienische Vierklang, hier in absteigender Wichtigkeit geordnet.

Diese Woche hat der Cavaliere ja mal wieder aufs Maul bekommen, von einem ultralinken, die Gesetze politisch ausnutzenden Verfassungsgericht. Diese verfluchten Kommunisten in Roben wollen einfach nicht begreifen, dass zwar alle Tiere gleich sind, die grösste Sau unter ihnen aber gleicher als alle anderen sein muss, weil sonst der Staat zusammenbrechen zu droht. In Italien ist dies mehr oder weniger allen (zumindest 70% der ItalienerInnen stehen nach wie vor hinter B.) völlig klar.

Sowieso: man hat in diesem Land eine Form der Betriebsblindheit kultiviert, die von aussen betrachtet sprachlos macht. So sprachen wir beispielsweise die Leute auf die zig-tausenden von Bauruinen an, die jeden Ort, jede Gegend, jedes Feld und jeden Strand zu einer Häuserkampfkulisse machen: auf der Autoreise zwischen Lecce und Brindisi habe ich innert 15 Minuten einmal über dreissig Runien gezählt. Völliges Unverstehen schlug uns entgegen – wie bitte, Bauruinen? Wir erklärten dann, was wir meinten, zB da die drei Mauern, die offensichtlich seit Jahrzehnten einfach als Mauern mitten im Dorf stehen (“ach ja, da wollte einer mal eine Fabrik bauen, aber die Regierung hat dann gewechselt”), oder das Haus, das direkt an der Strandpromenade steht und offenbar nie aus der Rohbau-Phase kam (“ah. ja, dem ist der Gemeindepräsident mal mit dem Bulldozer übers Haus gefahren”), oder auch das Villenquartier für gehobene Ansprüche, das einen ganzen Berg für sich beansprucht, laut Baureklame seit 2002 fertig ist, bisher erst aus rohen Mauern besteht und, dem Überwucherungsgrad des Grundstücks nach zu urteilen, seit mindestens drei Jahren keine Baumaschine mehr gesehen hat (“achso, natürlich, dem ist halt das Geld ausgegangen”).

In Italien scheint es eine lustige Regelung zu geben: wenn man ein Haus ohne Baubewilligung baut, und man es schafft, bis zum Dachgiebel zu bauen, bevor ein Gericht den Bau untersagt, wird der Bau, nach Zahlung einer “Gebühr” selbstverständlich, legalisiert. Wenn ein Gericht einschreitet (lies: man zuwenig “Gebühren” gezahlt oder den falschen Empfänger eingesetzt hat), verfügt das Gericht den sofortigen Bauabbruch. Punkt. Keine Verpflichtung, den ganzen Scheiss wieder wegzuräumen. Und da man, genug Kapital vorausgesetzt, erstens sowieso gleich wieder mit der Bauerei von vorn beginnen kann, kauft man halt ein paar hundert Meter weiter ein Stück Land und versucht, möglichst schnell bis zum Giebel zu bauen. Rinse, repeat.

Eine schöne Parabel zur italienischen Politik ist die Strassenbeschilderung. Manchmal meint ein Pfeil, der nach links weist, eigentlich rechts, oder umgekehrt, oder aber, und das ist wohl der Normalfall, er bedeutet einfach geradeaus, einer vagen Mitte folgend, die sich mehr über die Bezeichnung der Strasse (“super”, “mega”, oder wie auch immer) definiert als über deren tatsächliche Richtung.

Es macht auch durchaus Sinn, dass, wenn man von der Stadt Trecase auf die Autobahn fährt und während einer Stunde dieser geradeaus folgt, nach besagter Stunde dann auf eine Ausfahrt namens “Trecase” stösst. Keine Angst, wir sind nicht in einem Wurmloch gelandet, dies ist bloss die… anders intelligente italienische Strassensignalisation.

Eng mit der Politik (und somit dem organisierten Verbrechen) ist in Italien die Kirche verwoben. Man hat sich da offenbar darauf geeinigt, den Kuchen fair aufzuteilen, getreu dem biblischen Wort, wonach das Weltliche dem Cavaliere und seinen Kumpels, der Rest der Kirche gehören soll. Oder so ähnlich.

Apropos Kirchen: Wir waren ja auch in ein paar solchen (nicht wirklich spannend, die meisten sind aufgehellte, radikal totrenovierte Bauten im apulischen Barok), unter anderem in einer, die auch der Pappa Ratzi mit seinem Besuch beehrt hat. Ich habe sogar einen Stuhl gesehen, auf dem der Ratzi höchstselbst seinen pontifikalen Arsch drauf gesetzt hat. Es mag auf den ersten Blick verwirren, dass dieser Stuhl, im Übrigen kein sonderlich erwähnenswertes Exemplar süditalienischer Schreinerkunst, deswegen nicht als Heiliger oder zumindest seliger Stuhl bezeichnet werden kann, sondern bloss als “der Stuhl, auf dem der olle Bene, seines Zeichens Heiligstuhlbesitzer im wahrsten Sinne, mal gehockt ist”.

Leider war es mir nicht vergönnt, mich auf das gebenedeite Sitzwerkzeug zu lagern. Ob es daran lag, dass man befürchtete, die Heiligkeit des Stuhls könnte eventuell auf meinen atheistischen Zigeunerarsch abfärben, konnte ich nicht abschliessend klären. Vielleicht lag es auch nur daran, dass der Wärter meinen Witz vom “Papa Nazi” nicht verstanden hat. Seis drum. Man hat es schliesslich auch nicht verstanden, als ich an jedem Padre Pio-Denkmal den Schalter zum versteckten Waffenlager gesucht habe.

Statistisch sind die Apulianerinnen übrigens die eifrigsten Kirchenbesucher Italiens: mehr als 43% besuchen mindestens 1x pro Woche (!) eine Messe. An Apulien kann man übrigens auch schön darstellen, wie Gläubigkeit einiglich mit materieller Armut einhergeht: wenn nur die Hälfte dessen, was in die Kirche und ihre Repräsentanten an Arbeit, Zeit und Kapital investiert wird, stattdessen in eine Volkswirtschaft geleitet würde, die diesen Namen auch verdient und tatsächlich die katastrophalen Infrastrukturprobleme anpacken würde, Apulien wäre wohl die Schweiz Italiens, halt einfach mit einem Meer statt Bergen.

Es passt übrigens auch wie die Faust aufs Auge, dass es in Italien eine Versicherungsgesellschaft namens “Cattolica” gibt.

Alles Scheisse?

War jetzt der ganze Urlaub eine Reise in die tiefste Hölle, ist Italien das Afghanistan Europas?

Nunja, manchmal war es schon hart an der Grenze zum Erträglichen. Vor allem das nicht-hinsehen-Wollen war zeitweise extrem schwierig für uns. Wie kann man mit Bergen von Müll vor dem Haus leben, ohne diesen Müll überhaupt noch wahrzunehmen? Wie kann man ein antidemokratisches Regime verteidigen, mit dem einzigen Argument, dass “die Kommunisten es auch nicht besser gemacht” haben? Wie kann man eine derartige Denkblockade haben, wenn es darum geht, die Verbrechen der Kirche ihrer guten Taten gegenüberzustellen? Ich weiss es heute noch nicht.

Aber eben, da gab es auch dies:

Der gesamten Mannschaft von Sud Sound System beim Wellenreiten am Strand zuschauen. Geile neue Rezepte bekommen, zB Orechiette an einer Sauce aus Cime di Rape. Ein schwuler, kommunistischer Katholik, der zum Präsidenten der Region gewählt wird. Mit Hase am sturmgepeitschten Meer entlanglatschen. Zum ersten Mal im Leben einen früchtetragenden Pfefferstrauch (-baum?) sehen. Die Erkenntnis, dass es auch in Italien eine erstarkende Grüne Bewegung gibt. Und Zia Teresas Sugo, der, mit einer Handvoll Vongole angereichert, für einen Atheisten die wohl grösstmögliche Annäherung ans Paradies darstellt.

Ich weiss, das alles macht einen Berlusconi nicht ungeschehen. Aber es macht ihn zu einer Nebenfigur, einem Störgeräusch, einer Randnotiz einer Fussnote einer Marginalie, in einem ansonsten wunderschönen Buch, das dringend einen anständigen Lektor und eine etwas anspruchsvollere Leserschaft bräuchte.

Viva Italia – trotz allem.




Bescheuert in Paris

Jüngst hat es mich für keine 24 Stunden nach Paris verschlagen, natürlich geschäftlich, sonst wäre das doch eher ein bisschen fragwürdig. Item, dort gabs etwas Feines zu Essen von einem sogenannt “edlen” Auslieferservice, doch beim Abfallkonzept dahinter ist mir beinahe das Gesicht abgefallen.

Es scheint aus einer Zeit zu stammen, als man das Wort Abfallkonzept noch nicht buchstabieren konnte. Man muss sich beim Betrachten der Bilder einfach bewusst sein, dass alles, wirklich alles à fond perdu ist.

(Für Grossansicht auf die Bilder klicken)

Mahlzeit!




Prioritätenmanagement

Montag Morgen, 06.30 Uhr, der Kaffee dampft, die Frisur sitzt. Die Themen in Presse und Radio:

  • Was bedeutet die neue deutsche schwarz-gelb Regierung (YB-Koalition quasi) für die Schweiz? Wird der Herr Westerwelle, seines Zeichens Aussenminister in spe, aufgrund seiner sexuellen Präferenzen bei einem allfälligen Iranbesuch umgehend vom Achmeschlagmichtod verhaftet und gefoltert?
  • Ist die Verhaftung des Herrn Polanski gerechtfertigt oder bloss ein weiterer Versuch der Schweizer Regierung, das Ansehen im Ausland aufzupolieren? Ein Aufschrei geht durch die lokale Filmszene (ist ja auch unverschämt, einem flüchtigen Kinderschänder den Prozess zu machen, auso ehrlech!).
  • Ach ja, fast vergessen: Die neue Miss Matterhorn wurde ja auch noch gekürt. Blondiert und streng gläubig – eine verheerende Mischung aus dumm und weltfremd.

Zur Erinnerung: Am Wochenende haben wir über die eine oder andere wichtige Vorlage abgestimmt. Ich finde es irgendwie seltsam, dass dies in der Montagspresse und den Onlinemedien mehr oder weniger als Randnotiz zu finden war. Eine Prioritätenanpassung im Newsbereich wäre wünschenswert.




Abgründig demokratisch

Leider nicht das, wonach es aussieht

Leider nicht das, was der Name suggeriert

Angenommen, es wäre  Donnerstag Abend und ihr hättet zwar wahnsinnig Lust auf Unterhaltung, leider aber kein Geld zur Verfügung. Kann ja mal vorkommen. Normalerweise wärt ihr in dieser Situation voll angeschissen, weil bekanntlicherweise kostet hierzulande alles, ganz besonders Unterhaltung.

Normalerweise, ja, aber nicht, wenn ihr euch zufälligerweise in der Stadt Bern aufhaltet. Hier gibt es nämlich seit viiielen hundert Jahren schon eine Anstalt, die sich zumindest seit einiger Zeit dafür einsetzt, einmal in der Woche auch dem kleinen Geldbeutel Zerstreuung zu bieten. 80 Freiwillige geben jede Woche ihr Bestes, um auf und hinter der Bühne ein Spektakel aufzuführen, hinter dem jede griechische Tragödie zur Soap verblasst. Es werden neu auch Elemente des Theatersports aufgenommen: oft ist unklar, ob die Protagonisten (man darf hier ruhig einmal ausschliesslich die männliche Form benutzen) nun Schauspieler oder Publikum sind.

Und wo findet man diese ehrenwerte Institution? An pittoresker Lage im Herzen der Berner Altstadt, am Rathausplatz, da in dem Gebäude mit den hohen Treppen links und rechts. Mag ja sein, dass dieser Ort ursprünglich nicht als Musentempel vorgesehen war, spätestens seit der gestrigen Budgetdebatte ist aber klar: will Bern als Kulturhauptstadt punkten, muss sie für den Stadtrat einen Posten im Kulturbudget reservieren!

Hauptakteurin war mal wieder die Fraktion “SVPplus”, die sowohl den tragischen wie auch den komischen Teil der Aufführung in Eigenregie inszenierte. Als Kullissenschieberin amtete, zumindest, bevor es sogar diesen Herrschaften zu blöd wurde (und das will etwas heissen), Juniorpartnerin FDP.

Ah, apropos FDP: ihr wisst ja alle (*hüstel*), dass der höchste Berner momentan der FüDläParteiler Ueli Haudenschild ist. Witzig übrigens, wenn nicht gar von prophetischer Qualität: ich habe zuerst “Huahaschild” geschrieben, und eigentlich müsste man ihn genau so umbenamsen. Falls man mich irgendwann mal anfragen wird, ob ich einen Lexikonartikel zu den Stichworten “Unfähigkeit”, “Führungsniete” und “Rückgratschwund” verfassen würde, mit dem Foto vom Herrn Huahaschild wüsste ich im Fall grad sofort eine diese Stichworte visualisierende Illustration. Aber mich fragt ja keiner. Deshalb wird auch mein Artikel zum Thema “schwanz- und eifrei (s.a.: ‘Huahaschild’)” bloss geistige Makulatur bleiben.

Schade eigentlich.

Wahrscheinlich muss ich an dieser Stelle dem Teil der Leserschaft, der sich nicht für Politik interessiert (ich verstehe euch jeden Tag ein bisschen besser), etwas Hintergrundinformationen liefern. Es wurde gestern nämlich in einem zweiten Anlauf das Budget der Stadt Bern fürs Jahr 2010 beraten. Dazu hat die Fraktion ‘SVPplus’ (das sind im Wesentlichen die SVP, deren Blocherjugend, ein paar scheintote Schweizer Demokraturisten sowie “mini Harley het i mim Ranze Platz, mis Hirni näbem Boschettli” Jimy Hofer) ein Paket von 180 Änderungsanträgen eingereicht. Ziel dieses ‘Planes’ war, dass die Debatte derart verzögert wird, dass das Budget nicht mehr vor den Herbstferien verabschiedet und somit auch im November nicht den StimmbürgerInnen zur Abstimmung vorgelegt werden kann. Damit wollte man bei der SVP erreichen, dass – ja, was eigentlich? Dass die Stadt Bern möglichst bald vom Kanton zwangsverwaltet wird, in der Hoffnung, dass dann die vom Kanton vorgeschriebenen Auslagen, welche die SVP streichen wollte, direkt vom Kanton an den Kanton überwiesen werden? Man weiss es nicht. Falls ihr hierzu mehr Informationen haben wollt, fragt doch am besten direkt beim Herrn Wurmbandführer Hess nach. Wenn ihr viel, viel Geduld mitbringt und alle Fragen mit Worten formuliert, die aus nicht mehr als zwei Silben gebildet werden, besteht vielleicht eine gewisse Chance, dass er euch das erklären kann.

Wobei – man muss ja ganz klar sagen, dass die Qualität von Hess’ Voten der Qualität seiner Anträge in nichts nachstand: auf jeder Ebene, egal ob formal, rechtlich, inhaltlich oder rhetorisch unter jeglicher jemals über den Hof galoppierten Sau. Und weil ihm die Argumente fehlten (logisch, bei unter 12 Gramm aktivierbarem Resthirn), musste er die Redezeit von fünf Minuten pro Antrag halt eben mit Extrem-Bärndütsching dehnen:

Miiiiiiiiir stiimmmmmmmeeeeee iiiiitz üüüüübere Aaaaaaaaatraaaaaag füüüüfesäääächzg bis siiiiibeeeeeneeeesääääächzg aaaaab… daaaaaas siiiiii drüüüüüüüü Aaaaaaaträääääg zuuuu füüüüüf Minuuuute, das maacht ausoooo… ääääääääh… füfzäääääääh Minuuuuuteeeee, odeeeer, angerscht gseit, ä Vieeeeertuuuuuustuuuuuuuuuuund…

Aber zum Glück sass ja noch Ziehvater und Puppenspieler Thomas Fuchs auf der Zuschauertribüne (keine Sorge, sie wurde extra zu diesem Zweck im Vorfeld mit zusätzlichen Stahlträgern verstärkt). Mit dem Natel in der Hand gab er seinem Führer-Stellvertreter unten im Saal Anweisungen, was zu tun sei – selbiger war dann auch noch dämlich genug, während diesen (keineswegs in konspirativer Lautstärke geführten) Gesprächen ständig zu seinem Idol hochzuschauen. Schon interessant, wie jemand von der Zuschauertribüne aus die Politik im Stadtrat steuern kann, ohne dass dies dem Stadtratspräsidenten negativ auffallen würde. Huahaschild halt, sag ich doch.

So war es auch an der Grenze zur Realsatire, als Jimy Hofer während einem Votum mitten im Satz abbrach und zurück an seinen Platz ging. Erstaunen im Rat, was war geschehen? Nun, wie man uns aus zuverlässiger Quelle mitteilte, knurrte er, wieder in den Sitz gezwängt:

Ha ke Ahnig gha, um was es geit, aber dr Hess het gmeint, ig müess derzue ga rede.

Heil, Führer befiehl, die Broncos folgen!

Spassig wurde die Sache natürlich erst so richtig, als gegen Mitternacht die elektronische Abstimmungsanlage ausfiel und der Stadtrat mit Einzelnamensaufruf (“Hanspeter Aeberhart?” – “Ja” – “Michael Aebersold?” – “Nein” …) über die letzten hundert Anträge abstimmen durfte. Morgens um 3 war dann der Spuk vorbei.

Und als Fazit? Fast zweihundert Änderungsanträge, die allermeisten davon rein rechtlich gar nicht umsetzbar, in der Folge genau keiner (0, null, zero, zilch) angenommen. Zig Chefbeamte und Gemeinderäte während fast 24 Stunden in Geiselhaft (wo ist der Bundesmerz, wenn man ihn braucht?!?) einer Partei, die sich einen schlanken, effizienten Staat und den Abbau von Bürokratie auf die braunrandige Fahne geschrieben hat. Eine Partei, die sich als singuläre Repräsentantin von Volk und Demokratie darstellt und die bei jeder ihrer Aktionen, welche nichts anderes tun, als die Grundfesten der Demokratie zu diskreditieren, klar und deutlich zeigt, wie sehr sie im Grunde genommen auf genau dieses Volk, auf genau diese Demokratie scheisst.

Dazu passt doch der Spruch von Hases Mami, zwar nicht in dem Zusammenhang geäussert, aber trotzdem wie der Nagel auf den Kopf:

Ig ha gchotzet wie nä Gärbihung.

In diesem Sinne: ich freue mich schon auf nächstes Jahr, wenn wir uns wieder zum fröhlichen Theatersport im Berner Stadtrat treffen!

PS: Dschango fährt diesen Sonntag mal wieder auf Urlaub, zu Hasenverwandten nach Italien. Kann also gut sein, dass ihr nächste Woche auf mich verzichten müsst. Aber keine Sorge: euer Dschango kommt sicher zurück – und voraussichtlich bringe ich wieder amüsante Einsichten mit aus dem Land, wo die Zitronen blühn.

Bis bald!




Cliché lass nach…

8 Jahre. 8 verdammte Jahre haben meine wilde Süsse und meine Wenigkeit gebraucht, um so etwas wie anständige Ferien zu planen und letztendlich auch umzusetzen. Entweder fehlte das Geld oder die Zeit oder beides. Wir hatten es effektiv nicht hinbekommen, mehr als ein verlängertes Wochenende im Inland oder im angrenzenden Ausland zu verbringen. Und das ist beileibe kein Scherz, sondern bitterer Ernst, also bitteschön.

Doch das spielt jetzt keine Rolle mehr. Heute morgen haben wir unsere Kutsche vollgetankt, bis unter die Dachkante beladen, den Hund eingepackt und sind gen Süden losgefahren. In der Tasche hatten wir eine Buchungsbestätigung und den Wegbeschrieb zu einem klitzekleinen Steinhäuschen irgendwo in der Provence.

Eine Bolognaise (aus lokalen Zutaten) und ein paar Gläser Rosé später sieht die Welt schon ganz anders aus. Sogar die Zigaretten schmecken nicht gleich wie zu Hause.

Die Tomaten sind regelrecht von der Sonne getränkt worden, die Zwiebeln schmecken schon fast süss und der Knoblauch riecht einfach nur episch. Auch der Rosé, der vom Hof der Vermieter stammt, ist eine Klasse für sich.

Das geneigte Lesewesen mag sich jetzt fragen, ob der alte Nasse dermassen ferienreif ist, dass sogar der Billigst-Espresso von der Autobahntanke irgendwie nach Milano schmeckt.

Nein, meine Lieben, im Französischen Süden gibt es diese Amélie-Welt zum Teil noch, wo der Bauer jeden Morgen seine Kühe mit dem Namen anspricht, bevor er zart die Milch aus den Eutern seiner Mädels massiert. Wo der Metzger am Samstag Abend, eine halbe Stunde vor Ladenschluss, die Kunden immer noch mit dem selben Charme bedient wie am frühen Morgen in aller Frische. Wo der Schinken noch nach Landleben duftet, weil die glücklichen Säue provenzalischen Mais und hochwertige Küchenabfälle gefüttert bekamen.

Klar, es ist nicht alles Gold, was im Süden glänzt. Aber die Qualität der Lebensmittel ist hier einfach anders, besser, man spürt die Liebe der Leute zu ihren Produkten. Mit jedem Bissen und mit jedem Schluck wird man daran erinnert, dass es eine Welt abseits von Food Engineering, McDingsbums und Light-Produkten gibt.

Diese Welt ist jetzt für eine Woche unser Zuhause. Oder, um es mit Yello zu sagen:

Oh yeah!




Von Memmen, Mönchen und Mongolen

Ich kurvte also mit meinem klimafreundlichen Wohnwagen durch das Mittelland und versuchte, der sesshaften Bevölkerung meinen Tand zu überrissenen Preisen anzudrehen, auf einmal steht da so ein pubertierender Mittelstandsknilch vor mir und meint: “Ey, Dschango, was is eigentlich mit deinem Blog los?”

Verdammte Scheisse. Der Blog!

Kann ja schon mal passieren, bei der Hitze, dass man etwas aus dem Tritt gerät. Und bei mir geht ab 30° genau überhaupt nix mehr; bin dann schon genug damit beschäftigt, nicht an allen möglichen Flächen kleben zu bleiben.

Letzthin habe ich übrigens Cutthroat Capitalism: The Game gespielt. Das Game geht ziemlich bald auf den Sack, aber die Kommentare sind der Hit. Schon witzig, wie ein simples Game, bei dem man verschiedenfarbige Punkte auf einer stilisierten Landkarte herumschiebt, der Anlass zu einer leidenschaftlich geführten Diskussion darüber sein kann, ob der Kapitalismus nun ein Segen oder ein Fluch für die Menschheit ist. Und ob das, was wir unter “Kapitalismus” verstehen, nun tatsächlich der “Wahre Kapitalismus” (TM) sei.

Ja, und apropos verschobene Weltsicht: Campino, Sänger der Toten Hosen und eigentlich ein ganz sympathischer Zeitgenosse, liess neulich verlauten, seine Band verweigere den Auftritt am Jonschwil Festival, weil dessen Organisator MItglied der SVP sei. Verstehe ich ja schon irgendwie, weil SVP und Punkopas, das will einfach nicht so recht zusammenpassen. Schon eigenartig aber, wie verengt der politische Blick sein kann: hier wird gegen eine rechtsbürgerliche Partei Flagge gezeigt, dort hing das Wahlposter von Jimi Hofer, mittlerweile Mitglied der stadträtlichen SVP-Fraktion, lange Zeit im Backstage-Bereich der Hosen. Ist halt nicht so einfach, das Schweizer Politsystem, da ist man ganz froh um eindeutige Labels (SVP=bös, alles andere=lieb). Mittlerweile hat man sich bei den Hosen auch eines anderen besonnen und sie haben dann trotzdem in Jonschwil gespielt, SVP hin oder her. Sicher bloss, um die armen Fans nicht zu enttäuschen.

Das ist ja so wie beim Dalai Lama. Da zahlen ganz viele Leute ganz viel Geld, um einen Mönch anschauen zu gehen. Sogar die erzkatholische Nationalratspräsidentin eilt hin, um dem Lama den Hintern zu küssen. Natürlich nur symbolisch. Ein paar Leute sind dann sogar beim Mönch zum Tee eingeladen, wo er ganz lange, ganz viele Sachen sagt, die aber nur zu höchstens 80% verständlich beziehungsweise als eigentliche Sprache zu verstehen sind. Das hat dann den Vorteil, dass man sich die Zwischenräume frei füllen (bzw sie ausblenden) kann. Da spielt es dann auch gar keine Rolle mehr, dass der olle Lama eine im Grunde genommen höchst patriarchalische, frauenfeindliche und erzreaktionäre Weltsicht vertritt – wer dauernd so süss bekifft rumgrinst, kann doch gar kein schlechter Mensch sein. Ausserdem wird er als “Seine Heiligkeit” angesprochen, also muss er weise sein.

Ja, übrigens, da kam auch mal was am TV, ein Bericht über einen Bauern, der seine Rüebli nach vedischen Grundsätzen anbaut. Stört nicht, macht keinen Lärm und Kinder werden auch nicht misshandelt dabei, also von mir aus. Bemerkenswert fand ich aber seine Antwort auf die Feststellung, dass seine Methode bei einigen Leuten als Scharlatanerie gelte, worauf er überzeugend wie folgt argumentierte (aus dem Gedächtnis zitiert):

Also, ‘vedisch’ kommt ja von den Veden. Und ‘Veden’, das heisst ja ‘Weisheit’. Die Veden sind also eine Sammlung uralter Weisheit – das kann also gar keine Scharlatanerie sein.

Ja eben, die Bibel ist das Wort Gottes, weil, das steht ja schon so in der Bibel, ne?

Wo wir bei Dummbatz sprechenden Glatzköpfen angelangt sind: der Herr Kuhn, da der Stöckelschuh-Fetischist, Ästhetik-Experte, Russland/DomRep-Honorarkonsul im Geiste und gewesene SVP-Politiker, zeigt sich pikiert darüber, dass er mit “Fäkalien verschmierte Briefe” als Reaktion auf seine persönliche Abrechnung mit Frauen, die ihn ignorieren, erhalten habe. Schon nicht nett, sehe ich ein. Prall gefüllte Kotztüten hätten von wesentlich mehr Stil und auch von mehr politischem Feingefühl gezeugt.

Und letzte Woche, da sass ich im Zug von Zureich nach Bern, da war die Hölle los. Eine Horde mongolischer Barbaren stürmte hoch zu Ross durch den Waggon, plünderte und brandschatzte alles, was nicht niet- und nagelfest war. Nein, es waren nicht italienische Reisegruppen, sondern die zwei Kinder einer vor lauter Verständnis am Rande des Zusammenbruch stehenden Mutter. Nunja, statt dass die Mutter (immerhin eine Mittdreissigerin, das “zu jung”-Argument griff hier also nicht wirklich) zumindest den Versuch unternahm, ihre Teufelsbrut einigermassen in den Griff zu bekommen, schlurfte sie mit Büssermiene durch den ganzen Waggon, blieb vor jedem Abteil stehen und entschuldigte sich bei allen Reisenden persönlich für ihre “viel zu lauten” Kinder. Ich hab ihr dann gesagt, wenn sie zu sehr nervten, würde ich sie sonst aus dem Zug schmeissen und über ihre Reaktion habe ich mich gewundert: zwar hat sie offensichtlich gemeint, das wäre bloss ein Witz von mir gewesen, trotzdem spürte ich in ihrem Lachen eine Spur von “oh wenn es doch nur so wäre…”.

Sie tat mir schon ein bisschen leid.




Gut gelacht

Tja, der Sommer hat uns fest im Griff. Unser selbst auferlegter Publikationszwang wird von der gesamten Redaktion ignoriert, von wegen Sommerloch.

Daher bleibt auch meiner Wenigkeit nichts anderes übrig, als in die Mottenkiste zu greifen. Ich habe mich für zwei witzige TV-Ereignisse entschieden.

Bitteschön:




Silo8: leider doch nur ein Deppen-Apostroph

Kollega Hymnos ist schier begeistert, Tausende pilgern vier Nächte pro Woche ins Nebelloch der Schweiz, wahrscheinlich dem ganzen verdammten Land gefällt es, bloss der Dschango, die olle Unke, der findet es mal wieder nur soso-lala: das Jubiläumsprogramm von Karl’s Kühne Gassenschau, genannt ‘Silo8‘.

Zuerst mal das Freundliche vorweg, dann haben wir das hinter uns. Höchst positiv aufgefallen sind mir (in eher typo-ästhetischer Reihenfolge):

  • die Explosionen am Schluss
  • die DarstellerInnen
  • das Bühnenbild
  • die Band

Die Leute haben Vollgas gegeben und ihre Rollen mit Verve gespielt. Das grotesk-absurde Element wurde konsequent und vollendet durchgezogen, die Gesangseinlage von Frau Ida war schier berauschend. Beeindruckt haben mich auch die technische Infrastruktur, die hinter so einer Produktion stehen muss, sowie die Techies, die all das Zeug bedienen. Gott helfe uns und ihnen, damit das folgende, von einer endblonden Teenie-Frau hinter mir, am Ende des Stücks (sehr) laut gedachte Szenario nie eintrete:

Iiiiihhh… we die mau uf die fauschi Siite kippä…!!

Nein, ich spoile nicht. Geht hin und seht es euch an, wenn ihr mitlachen wollt.

Item.

Ich denke, mein Hauptproblem war eine falsche Vorstellung davon, was mich erwarten sollte. Ich habe mir Trash vorgestellt, Underground, BlutScheisseTränenFeuerAkrobatik, sowas in der Art. Der Deppen-Apostroph war für mich Signal für Anarchie und Wahnsinn, für Chaos und Burlesk! Und stattdessen?

Der grosse Ablöscher begann für mich ja schon ganz am Anfang, als ich aufs Areal trat. Das bin jetzt sicher auch nur wieder ich, aber wenn es etwas gibt, was mir sowas von auf den Sack geht, sind es die ganzen verfluchten Event-Zonen. Da diese Frissmich-Trinkmich-Kaufmich-SchenkmirdeineAufmerksamkeit-Meilen, die ihre Ursprünge wohl auf irgendeinem versifften Open Air im letzten Jahrtausend haben. Anmerken muss ich ja, dass die ganzen 1200 (man korrigiere mich, wenn ich hier falsch liege) Personen absolut smooth und schmerzlos abgefüttert wurden: unseren – durchaus leckereren – Abendhappen hatten wir, trotz langer Warteschlange, innert weniger Minuten.

Hat sich niemand über die Zahl da oben gewundert? Ja, ist schon ein Haufen Leute. So richtig bewusst wurde mir das, als ich ins Vorstellungs-Areal eintrat und in die Runde blickte. Ebenfalls bewusst wurde mir in diesem Moment, dass es schlicht nicht möglich ist, tatsächlich Underground zu bleiben, wenn man an rund 80 (?) Abenden 1200 Leute ins Theater holen will.

Und das ist wohl das Problem: das Stück gibt sich zwar laut und dreckig und total schrill, in Tat und Wahrheit ist es aber nichts mehr als Trash Light, gerade so viel, dass das Grosi noch ein bisschen rot wird, aber ja nicht so viel, dass es wirklich jemandem umsgottswill weh tun könnte. Der obligate, zehnmillisekündige Schnäbiblitzer wäre da ein Beispiel. Die Gags sind selten unvorhersehbar, nie wirklich originell, orientieren sich an klassischem Slapstick, nur halt mit viel, viel mehr Gadgets.

Am besten waren die Kärle dann, wenn sie die Sau rauslassen konnten. Umso quälender waren dann die “poetischen” Momente. Im Grunde genommen weiss ich ja schon, dass es mir jetzt dann gleich die Fussnägel hochrollen wird, wenn ich das Wort “poetisch” höre/lese/denke: was danach kommt, dient in aller Regel dazu, Emotionen im Fast Food-Verfahren an die Leute zu bringen. Möglichst auffällig verpackt, mit möglichst wenig Nähr- oder Ballaststoffen, viel Zucker und Zuckeraustauschstoffe, schnell produziert, schnell geliefert, schnell verzehrt, schnell verdaut. Und so lief es dann auch jeweils ab. Die vorne wussten, auf welche Dur- oder Moll-Knöpfe sie in welcher Reihenfolge drücken mussten, das Publikum dankte es durch braves Abspulen der eigenen Emotionsrolle. Bin sicher auch nur wieder ich, aber ich kann mit der zuckersüssen Samstagabend-Romantik halt nichts anfangen. Klebt mir das Hirn von.

To-tal was anderes, aber artverwandt: was ist das eigentlich für eine komplett verblödete Unsitte da mit der Klatscherei? Früher, da gab es sowas, das nannten wir damals ‘Applaus’: ein komplett unkoordiniertes Durcheinander von Klatschgeräuschen, ausgelöst von dem in reinster Form autonomen Zusammenschlagen von vielen, immer aber ausschliesslich individuell koordinierten Handpaaren. Das konnte schon mal einen ganz schönen Lärm machen! Ausserdem gab es Nuancen: es gab den verhaltenen Applaus, den Verlegenheits-Applaus, den frenetischen Applaus, den brausenden… und heute? Alle synchron: *KLATSCH!!-KLATSCH!!-KLATSCH!!-KLATSCH!!*, wie damals, als der Führer noch gelebt hat. Oder als ob die alle auf Valium und per Elektroschocks ferngesteuert wären. Kann es für einen Schauspieler etwas Frustrierenderes geben, als wenn du völlig ausgekotzt da vorne stehst und dir gegenüber sitzen 1200 Applaus-Faschisten, die den Mussolini klatschen? OK, 1200 minus ich und den paar Rhythmospasten im Publikum… was die Sache auch nicht besser machte.

Und am Schluss merkten wir, dass wir von 1200 ZuschauerInnen mit einem Grüppchen von vielleicht… 30? 50? weiteren Nasen die einzigen waren, die mit dem ÖV da hoch kamen. Und das bei Gratis-Shuttle, optimalen Zugs-Anbindungen und allem Pipapo. Eine endlose Schlange von Autos jeglicher Bauart, die bunte Wahrzeichen aller möglichen Kantone trugen, fuhr im Schritttempo durch Olten, heimwärts. Und dieses Spiel jeden Abend, an dem Silo8 spielt. Das war dann der Zeitpunkt, wo ich mich im Jahre 1990 wähnte, weit weg von Finanz-, Klima- und Energiekrisen. In Happy Olten scheinen diese auf jeden Fall noch nicht angekommen zu sein.

Gut, für ihr bescheuertes Publikum können die Kärle nun wirklich nichts.




Musik mit Sand und Bäumen

Irgendwie eine coole Idee:

Klingender Sand

Klingender Baum




Lecker ist anders

Heieiei… da leiere ich mir einen ab, wie sehr in die Gesellschaft integriert wir Gitanen doch heutzutage seien, und da stolpere ich in meiner nächsten Nachbarschaft über dieses Schild.

Schrecklich. Dass man uns jagt, erlegt und zu Steaks verarbeitet, ist ja schon schlimm genug. Aber das verdammte stundenlange Einlegen in Marinade vorher… einfach nur grauenhaft.

Damit dieser Freitag nicht ganz trostlos endet, empfehle ich euch noch, un-be-dingt bei der Allee der Spackonauten vorbezuschauen. Herr banana hat da eine Abhandlung zur Verteidigung von Analog-Käse und Gel-Schinken hingehauen, dass mir die Schwarte gekracht hat vor Lachen.

Übrigens, von wegen Analog-Käse… ist ja ein supigeiles Wort, aber welcher Scheiss-Nerd von Lebensmitteltechniker kommt auf die Idee, was zu Essen auf den Markt zu bringen, das den Wortteil ‘Anal’ im Produktnamen enthält?

Der Käse ist voll fürn Arsch, ey.




Wer hat Angst vor den bösen Piraten?

Ich weiss ja nicht, wie das bei euch so ausschaut, aber jedesmal, wenn ich das Wort ‘Raubkopierer’ höre, streckt sich mein Rückgrat durch, meine Brust bläht sich auf und ich bin mindestens zehn Zentimeter grösser. Der Grund dafür ist die Silbe ‘Raub’ im Wort:

  • Raubfisch
  • Raubtier
  • Raubkatze
  • Raubvogel
  • Raubwanze

Gibt definitiv schlimmere Nachbarschaften für einen popeligen Zigeuner in den Enddreissigern. Gut, da gibt es auch noch:

  • Raubtierkapitalismus (ok, können die armen Viecher jetzt nichts für)
  • Raubbau
  • Rauber (eine Ex-Arbeitskollegin bzw Ex-Arbeits- und Ex-Kollegin von mir, die meinetwegen gern geraubt, höchst ungern aber kopiert werden darf)

Apropos Enddreissiger. Letzthin mal wieder mit Kollega Magnussen geplaudert, kamen auf das Thema Midlife-Crisis (ja Nasse, ich weiss, du wirst so eine nie kriegen; die Diskussion darf dort bleiben, wo wir sie abgebrochen haben). Auf jeden Fall merkte ich, dass ich über kurz oder lang vor einem riesigen Dilemma stehen werde. Weil, was macht jemand, der irgendwie findet, er sei jetzt dann langsam alt genug für eine Midlife-Crisis, der aber mit seinem Hasen total glücklich ist, sich nicht für Autos interessiert und extremste Höhenangst hat? Es wird eine schwierige Zeit auf mich zukommen, soviel ist schon mal sicher.

Aber zurück zu den Raubkopierern. Schauen wir doch mal, wie die gute alte Wikipedia den Raub definiert:

Raub ist nach deutschem Strafrecht die Wegnahme (Besitzübergang) einer fremden beweglichen Sache mittels Gewalt gegen eine Person oder unter Androhung einer gegenwärtigen Gefahr für Leib und Leben mit der Absicht, die Sache sich oder einem Dritten rechtswidrig zuzueignen.

Wer ein Gehirn besitzt, dessen Kapazität nur wenig mehr als die Ansteuerung von Photosynthese erlaubt, wird unschwer erkennen, dass alleine schon das Wort ‘Raubkopieren’ ein Widerspruch in sich ist – das Anfertigen einer Kopie ist nun mal kein Besitzübergang. Und, das darf ich wohl sagen, noch nie hätte ich gegen jemanden Gewalt ausgeübt, nur damit er mich seine mp3-Sammlung kopieren lässt, isch schworen.

Der Begriff ‘Raubkopierer’, so falsch er auch ist, griffig kommt er allemal daher. Unter diesem Begriff lassen sich auch gut sämtliche Strohmänner einordnen, die PolitikerInnen mit wenig Ideen und noch viel weniger Plan gerne in ihre eloquenten Reden streuen. Pädosexuelle? Lösen wir en passant mit dem Raubkopierer-Problem. Rassismus? Ist obsolet, sobald alle Raubkopierer kastriert sind. Klimawandel? Mal ein paar Raubkopierer verbrennen, die sind CO2-neutral.

Ich meine, ist ja ganz witzig, mal wieder zu einer anderen sozialen Gruppe zu gehören, die von der Mehrheit als Paria angesehen wird. Macht Laune, weil schliesslich die ganzen Gitanen schon längst vollständig in diese Gesellschaft integriert sind und der Dschango sonst nichts mehr zu Jammern hätte.

Trotzdem wurde letzten Sonntag in Zürich die Piratenpartei Schweiz gegründet und Dschango findet das gut. Womit wir endlich am Kern dieses Artikels angekommen wären.

“Nanu!”, so interjektiert nun die besorgte LeserInnenschaft. “Schon wieder so eine Ein-Themen-Partei? Was wollen diese Piraten denn? Anarchie im Tarngewand einer politischen Partei? Hemmungsloser Konsum für alle, gar die Geilheit des Geizes als Parteiprogramm?”

Nun ja, ganz so schlimm ist es auch nicht.

Im Kern geht es der Piratenpartei um eines: die Re-Demokratisierung unseres Kulturguts. Dazu gehört sowohl die Einschränkung des Urheberrechts (das sich mehr und mehr vom Konsumenten und vom Urheber entfernt, um immer näher beim Rechteverwerter zu stehen), ein Verbot von Kopierschutz-Technologien, Abschaffung von Patenten, bedingungsloses Grundeinkommen für alle, etc.

Klingt utopisch, ja, weil die Forderungen der Piratenpartei die Grundfesten dessen, was wir als unseren Reichtum und als Basis unserer Gesellschaft ansehen, angreifen. Und so meint auch die NZZ, schon lange bekannt als grosse Verfechterin von Konsumentenrechten und Bewahrerin der individuellen Freiheit:

[Die Piraten] stören sich daran, dass jemand ein Buch schreibt oder eine Musik komponiert und daraus das Recht auf Entschädigung durch die Nutzniesser ableitet.

(…)

Die Freiheit, von der die Piraten reden, meint die freie Selbstbedienung im Internet und bedeutet nicht weniger als die Enteignung der Künstler. Das Urheberrecht mag ein Auslaufmodell aus dem Geist des aufgeklärten 18. Jahrhunderts sein und wird vielleicht nicht lange dem Ansturm der digitalen Verwerter standhalten. Aber wir brauchen es nicht gleich im Namen vermeintlicher Bürgerrechte zu Grabe zu tragen.

Man kann knapp danebenliegen, oder auch komplett. Die NZZ hat hier aber eindeutig eine neue Rekordmarke in der Disziplin ‘Merkbefreitheit’ aufgestellt. Nicht nur, dass sie Urheber- und Verwertungsrechte verwechselt. Offenbar war bei der NZZ zum Zeitpunkt des Artikelschreibens das Internet kaputt, so dass der Schurni nicht mal die Website der Piraten besuchen konnte. Nur so lässt sich erklären, warum eine Zeitung wie die NZZ die Faktenlage komplett ignoriert und sich stattdessen auf ein Pamphlet im bewährten neoliberalen Stil beschränkt.

Gut, es gäbe noch die Möglichkeit, dass die NZZ ein gewisses Eigeninteresse daran hat, den Status Quo zu erhalten. So etwas über ein derart seriöses und objektives Blatt zu behaupten wäre allerdings wahnsinnig unschicklich. Lieber dumm als bös, das haben schon die Christen gemerkt, und die NZZ preist in der Folge auch im Jahre 2009 noch ihren Gott ‘freier Markt’ als Lösung aller Probleme. Also, das heisst natürlich, ‘frei’ innerhalb der Freiheit, in der Monopolisten wie genanntes Blättchen ihr angegrautes Geschäftsmodell rentabel halten können. Ist ja nur logisch.

Wer jetzt immer noch nicht weiss, warum die Piratenpartei durchaus diskussionswürdige Ansätze vertritt, kann sich gerne mal von der deutschen WirtschaftsWoche (WiWo) aufklären lassen.

Ob ich der Partei beitreten werde? Mal schauen. Die einzige Partei, bei der ich bisher Mitglied war, hat sich knapp ein halbes Jahr nach meinem Eintritt aufgelöst. Von dem her weiss ich nicht, ob es wirklich als Unterstützung anzusehen wäre, würde ich der Piratenpartei beitreten.

Ob ich sie wählen werde? Mal schauen. Am Schluss entscheiden halt schon Personen und nicht Parteien, bei wem ich mein Kreuzchen mache. Mein Vertrauen in parteilich organisierte Interessenvertretungen hat sich bei mir in den letzten Jahren merklich abgekühlt. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis auch die Piraten vom parlamentarischen Irrsinn auf ein ‘konstruktives, lösungsorientiertes, aus der Mitte heraus politisierendes’ Format geschrumpft werden.

Und ob die Piratenpartei eine wirkliche Zukunft hat? Dreimal könnt ihr raten… genau: Mal schauen! Auch die Grünen haben vor gefühlten 100 Jahren als Spinner und Wirtschaftsfeinde angefangen. Heute nennen sie sich ‘grünliberal’, können rechnen, gelten als sexy und spinnen immer noch – neu aber mit einer gewissen politischen Relevanz.

So, jetzt brauche ich noch einen knackigen Schlusssatz. Oh, da ist ja einer, garantiert 100% raubkopiert:

KLAR MACHEN ZUM ÄNDERN!




Liberal im Jahre 2009

Es gibt heute ja bekanntlich viele, viele bunte Blätter, die dem und der Gläubigen ihren Überschuss an Phantasie satt befriedigen: “reformiert” (formerly known as “saemann”), das katholische Pfarrblatt und noch viele weitere, selten wirklich auflagenstarke und/oder relevante Blättchen tummeln sich im Pfuhl der medialen Verkündigung. Das ist auch gut so: erstens hat selbst der Dümmste im Lande ein Recht darauf, in seiner Ignoranz bestätigt zu werden, zweitens müssen all die Absolventen der Ringier-Journalistenschule zu Zeiten des medialen Kollapses ja irgendwohin.

Was ich aber partout nicht verstehen will: warum entwickelt sich der Bund, frisch “gerettet” (die paar Entlassungen sind ja sowas von nicht relevant) zum neuen Berner Pfarrblatt?

Wer auch nur mit minimal offenen Augen durch diese Zeitung blättert, staunt, denn mehr und mehr dominieren religiöse Themen. Selbstverständlich wird möglichst “tolerant” berichtet (lies: verniedlichend), möglichst “neutral” (lies: anbiedernd) und möglichst “objektiv” (lies: kompatibel mit den eigenen Glaubensvorstellungen).

Beispiel gefällig? Nun denn. Nehmen wir doch mal die Ausgabe vom 1. Juli diesen Jahres. Unter dem Titel “Betende Banker” werden solchige portraitiert – auf etwa 2/3 Seite. Völlig widerspruchsfrei dürfen da Erzfundamentalisten ihre frohe Botschaft verkünden, inklusive intelligenten Behauptungen wie “Gebet verbessert Betriebsklima” (das tut regelmässiges Lüften auch) oder “die UBS gehört Gott Vater” (dann soll er den Mist gefälligst auch selbst finanzieren).

Dann, auf Seite 19, darf auch noch EVP-Mann Ruedi Löffel salbadern. Zugegeben: hier sehe ich eine gewisse Relevanz, da Löffel als Vater des Antirauch-Gesetzes gilt, das hier seit 1. Juli in Kraft ist. Natürlich bekommt auch Löffel eine 2/3 Seite, inklusive Foto mit Agentur C-Bild im Hintergrund (“Seid still und erkennet, dass ich euer Gott bin” – wenn die Argumente ausgehen, hilft halt nur noch “STFU!”). Natürlich fühlt sich hier ein Bund-Schurni bemüssigt, einen Zusammenhang zwischen dem Rauchverbot und Löffels religiösem Background zu konstruieren. Was dieser im Übrigen recht gekonnt umschifft.

Weiter, diesmal mit einer 4/5 Seite, wird noch ein Seelsorger-Ehepaar portraitiert – ironischerweise unter der Rubrik “Arbeit”.

So geht das im Bund schon eine ganze Weile. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht mindestens einmal an prominenter Stelle irgendwelche Spinner von Gottes Gnaden zu Wort kommen. Dass sich der Bund übrigens während vielen Jahren dem Wunsch konfessionsfreier LeserInnen entzogen hat, bei den Todesanzeigen nicht nur immer Bibelsprüche, sondern vielleicht zumindest ab und zu mal einen neutraler Text abzudrucken, passt hier ja bestens hin. Soweit ich weiss war der 13. Juni insofern eine Premiere, als dass man hier tatsächlich zum ersten Mal eine Bund-Todesanzeigenseite anschauen konnte, ohne der Bibelpropaganda ausgesetzt zu sein. Und auch die Tatsache, dass in der Regel erst 20Minuten, dann eventuell die BZ, und erst dann – eventuell – der Bund über Aktionen der Freidenker, der Brights oder anderer säkularer Bewegungen berichtet, passt in dieses Konzept.

Die Frage ist nun: ist diese neue Richtung eine Art vorausschreitender Gehorsam, um die Zwinglianer aus Zürich gnädig zu stimmen? Oder ist sie vielmehr Ausdruck einer neuen Stossrichtung als Nischenprodukt?

Wahrscheinlich ist “gläubig” halt einfach das neue “liberal”. Von dem her hat die FDP durchaus das Recht und die Verpflichtung, in der neuen Landesregierung vertreten zu sein.

Nein, ich meine jetzt nicht den Bundesrat, sondern den Vatikan.

Santo subito!




Der King hat ausgepoppt

Schon saublöd.

Eigentlich wollte ich über etwas ganz anderes schreiben, da stirbt der Jackson Michel (das ist der, der den Begriff ‘Gesichtsverlust’ auf ein völlig neues Level gehoben hat) weg und ich hab eine Überschrift, die einfach zu gut ist, als dass man sie ignorieren kann.

Henusode.

Nicht, dass es mich jetzt gross (oder auch nur am Rande) in meiner Lebensqualität beeinträchtigen würde, wenn der weisseste Schwarze aller Zeiten nicht mehr unter uns weilt – er hat mich auch nicht gross beschäftigt, als er noch lebte, schliesslich habe ich keine Kinder. Irgendwie hab ich den Zugang zu der Figur verloren, ungefähr zu demselben Zeitpunkt, als MTV Scheisse wurde. An ‘Beat it’ kann ich mich noch erinnern, und an die ‘Dirty Diana’, und natürlich an ‘Thriller’. Aber sonst? ‘Black or White’? Ja, entscheide dich mal… ‘Heal the world’? Pffffft… heil dich doch selber…

Weil ich ein alter Masochist bin, habe ich mir aber einen Blick ins Michael Jackson Forum nicht verklemmen können, und siehe da, Perlen warten darauf, ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt zu werden!

Schon ziemlich geil beginnt es ja im Foren-Header, wo die Betreiber versuchen, Schadensbegrenzung zu betreiben:

Für alle die alleine sind oder mit einem unbeteiligten sprechen möchten, empfehlen wir die TelefonSeelsorge. 24 Stunden täglich – anonym, vertraulich, gebührenfrei.

So meint beispielsweise sana24:

mich trift es schwer den ein mänsch den wir lieben ist von uns gegangen

Nimm es easy, liebe sana24, weil, ob MJ überhaupt noch unter die Kategorie ‘mänsch’ gefallen ist, das würde ich als zweifelhaft ansehen. War ja eher ein Cyborg, mit all dem Plastikzeug drin. Und der positive Aspekt: jetzt hast du endlich wieder den Kopf frei, um im Deutschunterricht mitzumachen und musst nicht mehr die ganzen Hefte mit “I love U Michael!”-Einträgen füllen. Hat eben alles zwei Seiten im Leben.

Andere Leute sind schockiert, wie die Welt mit ihrem Idol posthum umgeht, so zB MJJmyLOVE:

Die Leute sind schrecklich, sogar jetzt noch sagen die: “man muss sagen, dass seine Beziehung zu kleinen Jungs krank war” wie unfassbar!!!

Ja, es ist total schlimm. Weil, spätestens dann, wenn sie tot sind, sollte man Pädophile nicht mehr schmähen, sondern ihnen ein Denkmal setzen – oder ein Kirchenfenster, siehe nebenstehendes Bild.

Als etwas unsensibel empfinde ich die Signatur von CptChaos:

MICHAEL!!! GO 4 LONDON!!!

Vielleicht ist der gute Cpt aber auch nur überoptimistisch.

(Unter uns: ich glaube ja immer noch, dass das ganze Gesterbe nur a) ein Marketing-Trick ist oder b) ein easy Weg, um die bereits ausverkauften Konzerte im Januar möglichst kostenneutral abzusagen.)

Dafür macht cyplone auf Fatalismus:

HEUTE NACHT IS DIE MUSIK GESTORBEN!!!!!!

Hauptsache, die Grossbuchstaben überleben.

Etwas unorthodox dann die Frage von sunshine1974:

Weiß jemand wo ich vielleicht mit gleichgesinnten Michael Jackson Fans Trauern kann? Ein Gottesdienst oder so etwas ähnliches.

Ich verwette meine linke Arschbacke darauf, dass irgend ein schlauer Pfaffe in den nächsten Tagen genau dies anbieten wird. Denen ist ja mittlerweile nichts mehr zu blöd, um ihre Hütten vollzukriegen. An sunshine1974s Stelle würde ich sogar noch einen Schritt weitergehen und eine Initiative starten, damit die ganze Welt kollektive Global-Trauer verhängt. Und einen globalen (ja was red ich da, einen UNIVERSALEN!) MJ-Gedenktag brauchen wir auch. Dringend!

Sowieso: theologisch sind MJ-Fans offenbar recht gebildet. So auch Littlesister:

Möge Gott ihn beschützen und ihn oben im Himmel einen Popstern schenken.

Einen Popp-Stern? So wie den hier?

Und auch Blacky09 ist Hobby-Theologin:

Doch, ich glaube, es gibt einen Gott. Er hat Michael zu sich geholt, um ihn nicht noch mehr zu quälen. Er meinte es sicher gut und will, dass Michael nun ein besseres und schöneres und ruhigeres Leben hat.

Komm Blacky, sprich Klartext: MJ ist Gottes eingeborener Sohn, der zu uns geschickt wurde, die Sünden der Welt von uns zu nehmen. Er ist nun wieder vereint mit seinem Vater im Himmel und betreut im Moment gerade die Vorhölle, wo er sich den ungetauften Kindern annimmt. Halleluja! Amen!

(BTW: ziemlich geil ist die Tatsache, dass wegen MJs Tod jetzt in diesem Forum eine Diskussion über die Existenz Gottes entbrannt ist, im Sinn von “wie kann ein Gott existieren, der MJ von uns nimmt?!?”…)

Darüber, dass die meisten Unfälle im Haushalt passieren, ist man heutzutage ja informiert. Trotzdem ist es immer wieder wichtig, dass man da drauf hinweist, so wie MJJusic:

Als ich heute morgen ganz gemütlich duschen gehen wollte, das Radio angeschalten hab und diese Nachricht gehört habe, brach ich förmlich zusammen.

Merke: nie gleichzeitig gemütlich duschen und Radio hören! Das kann nämlich zu Zusammenbrüchen führen. Man spricht in dem Zusammenhang bereits von Killer-Radios und Koma-Duschen.

Etwas orientierungslos kommt Zagros in seinem selbst verfassten Gedicht rüber:

Ein kurzes Gedicht von mir an Michael:

Wenn ich Gott anflehen würde, könnest du dann kommen?
Wenn ich ein Teil meines Lebens dir gebe, würdest du dann zurück kommen?
Der Tod steht Michal Jackson nicht, ich habe nicht genug von dir. Wo willst du hin Michael wohin?

Ich rate mal: Six feet under. Zur Wurm-Party. Radieschen von unten ansehen. Perma-AFK. Und das Gedicht ist so toll, dass Blacky09 meint:

Ein sehr schönes Gedicht! Wie schön wäre es, wenn es wahr werden könnte. Ich würde sofort einen Teil von mir geben, wenn er nur wieder da wäre!

Mit dem Teil von dir meinst du wohl dein Gehirn, aber das wird nicht klappen, weil Gott Gehirne nicht so toll findet. Das sind Zombies, die da drauf abfahren, als MJ-Fan solltest du das eigentlich wissen.

So, dann mal ab in die Grusel-Ecke. Lischen83 mag ja eine ganz flotte sein. Total nett und so, ey. Aber stellt euch jetzt plastisch vor, wer hinter so einer Aussage stehen könnte:

Er hat mich sowohl künstlerisch geprägt als auch meinen Beruf als Sozialarbeiterin…

Also wie jetzt? ‘Künstlerisch’ im Sinn von ‘künstlichem Gesicht’? Und Sozialarbeit im Sinn von… hoffentlich nicht mit kleinen Jungs, oder?

Wirklich gruslig ist aber das hier, aus dem Foren-Header:

Seine Kunst ist unsterblich.

Uuuuuuuhhh… jetzt hab ich aber wirklich Angst…




Home Sweet Home

Meine Fresse, was habe ich einen Jetlag. Meine Schlafsysteme spielen verrückt und ich wache zu den irrsten Tageszeiten auf. Kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann ich das letzte mal am Sonntag um fünf in der Früh aufgestanden bin und gegen sechs gefrühstückt habe. Jetlag machts möglich…

L.A. ist zu vielschichtig, um mal eben kurz gebloggt zu werden. Es bietet sich eher an, die Top und Flop 10 aufzulisten, alles wie immer subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Top 10:

Flop 10:

  • Der Verkehr im Grossraum Los Angeles.
  • Der omnipräsente Chlorgeschmack im Wasser.
  • Der Chlorgeschmack im Eis, das in praktisch jedem Getränk im Offenausschank drin ist.
  • Die Versorgungslage bei kompatiblen Netzteilen für eeePCs im Grossraum Los Angeles.
  • Die Prozedur bei der Rückerstattung von Swiss Traveller Cheques in Geschäften von Radio Shack.
  • Die Empfindlichkeit der Karten für das Türsystem im Hotel Grafton On Sunset.
  • Die omnipräsenten und äusserst fragwürdigen Heizpilze auf Terrassen von Restaurants und Clubs.
  • Die Gastronomie und ihre bescheuert hohen Preise im Los Angeles Convention Center.
  • Das eine Parfum, das gefühlte 90 Prozent der Frauen in L.A. benutzen.
  • Die jeweils aufgetragene Menge von dem einen Parfum, das gefühlte 90% der Frauen in L.A. benutzen.

Wie man sieht gabs keine grösseren Probleme. Wenn man sich an die gröbsten Regeln hält kommt man ziemlich beschwerdefrei durch diese relativ hässliche Grossstadt.

Aber wirklich gefallen hat mir L.A. nicht, dafür bin ich wohl zu gemütlich und provinziell eingestellt.