
SPORE
(Warnung: Dieser Artikel wird bei Nicht-GamerInnen Schlaflähmungen im Gesicht verursachen. Müsst ihr jetzt halt einfach durch.)
Vor etwa drei Jahren fleuchte ein digitaler Furz durchs Internet: Will Wright, Schöpfer von grossartigen Simulationsspielen wie den Sims, Sim Earth oder Sim City, plane einen neuen Wurf. Das Spiel solle komplexer, spannender, vielfältiger und abgefahrener sein als alles bisher Dagewesene. Was man auf den Videos sehen konnte, schien diese Aussage zu bestätigen. Und seit dem 7. September 2008 ist es soweit: Spore ist erhältlich. Natürlich habe ich vorher bereits den Creature Creater gekauft. Natürlich war ich Preloader. Und natürlich war ich am Rande des Nervenzusammenbruchs, als nach drei Jahren des Wartens der “Play”-Button im EA Download-Manager erschien, der mir anzeigte, dass es endlich, endlich, endlich losgehen konnte.
Und was ist nun mein Fazit?
Als erstes dies: wenn man unbedingt möchte, dass ein Game als Totgeburt erscheint, ist die Firma Electronic Arts der erste Ansprechpartner. Bekanntlich bietet dieser Publisher langjährige Erfahrung und ein kompetentes Team, wenn es darum geht, auch das genialste Spiel komplett zu versauen. Kaum ein Publisher ist so auf Wal Mart-Kompatibilität getrimmt wie EA und mit Spore haben sie diesbezüglich einen neuen Meilenstein gesetzt. Das Game ist dermassen konsequent von allem befreit, was auch nur im Ansatz an Blut oder Sex erinnert, dass es auch für sechsjährige Amish mit Angst vor Gummibärchen geeignet ist.
Mein Tipp an Will Wright: wenn es irgendeinen Weg gibt, aus dem Vertrag mit EA rauszukommen, tu es. Tu es, solange Spore noch positive Kritiken im Stil von ‘grundsätzlich geil, aber…’ bekommt. Mach Spore so, wie du es geplant hast und schiebe die Änderungen als Expansion nach. Wenn es nicht von EA kommt, gebe ich dir und deinem Spiel noch eine Chance, ehrlich. Und mein Tipp an den Rest der Menschheit: falls EA irgendwann beginnt, Sicherheitsgurte, Schwimmwesten oder Verhütungsmittel zu produzieren – RENNT, FLÜCHTET, EVAKUIERT!!!
Der erste Kritikpunkt betrifft die Länge der Spielphasen vor der Space-Phase. In ungefähr drei Stunden hat man seine Kreatur vom Einzeller bis zum Raumfahrt-Zeitalter gebracht. Ich hätte schon erwartet, dass ich mich da während paar Tagen beschäftigen kann. Bedenkt man aber, dass die Level bei jedem Spiel exakt genau gleich aufgebaut sind (gleiche Anzahl Gegner, im Wesentlichen jedesmal dieselbe Strategie zum Gewinnen), ist dies zugegebenermassen eher ein Pluspunkt.
Und dann die Space-Phase. Geil aufgemacht, sogar an die Bedienung gewöhnt man sich und seit dem letzten Patch sind auch die Klickorgien etwas reduziert worden (in der Original-Version durfte man alle 5 Minuten dieselben dämlichen Piraten durch die halbe Galaxis jagen). Nach ein paar Stunden merkt man aber, wie der Hase läuft. Und von da an ist das Game nur noch Routine. Achievements nachzulaufen ist sicher nicht schlecht und motiviert auch ein Stück weit. Ich habe jetzt etwa die Hälfte aller Achievements, die letzten könnte ich in knapp einer Woche auch noch kassieren, wenn ich mich denn dazu aufraffen könnte. Werde ich aber kaum, da es jetzt nur noch darum geht, dieselbe Strategie mit minimsten Veränderungen noch ungefähr 40 Mal durchlaufen zu lassen.
Wir sprechen hier von einer Art GTA ohne direkte Interaktionsmöglichkeit, nur im Weltall, und ohne Nutten. Und ohne alles andere, was in GTA Spass macht. Das Grinding ist derbe, weil alles nach Schema X abläuft. So besteht beispielsweise die “empfohlene” Strategie zur Expansion darin, einfach alle Zivilisationen, die Ärger machen, platt zu walzen. Da man nicht sterben kann, soll man einfach bei jedem Abkacken wieder losdüsen und erneut auf den Gegner eindreschen. Das klappt auch wunderbar, beweist aber eigentlich nur, dass die Computer-Gegner wesentlich klüger sind als die menschlichen Spieler, denn immerhin geben sie auf, wenn es ihnen zu langweilig wird…
Da sind wir jetzt auch bei den unlogischen Sachen. Zum Beispiel repräsentiere ich zwar die Zivilisation, die das schnellste Raumschiff im ganzen Universum baut. Auf der anderen Seite aber auch die einzige, die ausschliesslich ein einziges Raumschiff bauen kann. Ich bin auch der einzige, der Planetensysteme kaufen und terraformen kann. Überhaupt fühlt man sich in Spore wie eine Art Gott mit Behinderung: einerseits fast allmächtig, andererseits mit völlig irren Beschränkungen versehen. Hierzu passt auch, dass einerseits Aktionen, die den Spielverlauf überhaupt nicht betreffen (beispielsweise das Umbenennen von Planeten) als Cheats angesehen werden, während die die Spielbalance massiv verändernden Mods vom Game widerstandslos akzeptiert werden.
Wirklich schlecht ist Spore nicht. Es hat leider nur sehr, sehr wenig mit dem zu tun, was vor drei Jahren versprochen wurde. Wo ist beispielsweise die Wasserwelt-Phase? Wo sind die dreibeinigen Kreaturen? Warum ist eine Kreatur mit vier Meter langen Beinen genau so schnell wie ein Bodesuri mit Stummelbeinchen? Interessant in dem Zusammenhang sind die Aussagen eines ehemaligen Maxis-Mitarbeiters im Sporum, dass sehr viel aus dem ursprünglichen Spiel gestrichen wurde. Seis, um die Komplexität der Software zu reduzieren, seis, um den 08/15-Gamer nicht mit zu viel Möglichkeiten zu verschrecken. Mal wieder hat also der Massenmarkt ein grossartiges Produkt bis zur Unbrauchbarkeit verwässert.
Ich weiss, Spore ist eher ein Spielzeug als ein Spiel, aber dann erinnert es mich an die Roboter meiner Kindheit, die ausser in eine bestimmte Richtung laufen und ihren Roboter-Tanz aufzuführen nichts konnten. Wie diese Roboter wird wohl deshalb auch Spore sehr bald auf dem Spiele-Schrotthaufen landen – wobei man die Robots wenigstens noch ausschlachten konnte.
Die Idee hinter Spore ist genial, der Creature-Editor superb, das Game an sich bietet aber viel zu wenig. Am Schluss hat man ein Spore Lab Plus, in dem man auch Gebäude, Raumschiffe, Fahrzeuge und Schiffe designen kann (ohne dass das Design irgendeine Auswirkung auf das Gameplay hätte, notabene – ein Kampfstern mit dreitausend Laserkanonen ist genauso stark wie eine fliegende Ente mit Sturmgewehr). Eine Art stark eingeschränkter, virtueller Lego-Baukasten also. Da bringt es auch nichts, auf die riesige Galaxie zu verweisen, die man theoretisch erkunden könnte: Spieltiefe ist nun mal nicht direkt an die Grösse des Spielplans gekoppelt.
Wie bei EA nicht anders zu erwarten, hat man bei Spore das Gefühl, dass einem konstant Geld aus der Tasche gezogen werden soll. Nebst der himmeltraurigen DRM-Implementierung (SecuROM!), die bereits zu einer Klage gegen EA geführt hat, verstehe ich beispielsweise nicht, warum der Creature Creator, für den ich immerhin bezahlt habe, nach Installation von Spore nicht mehr funktionieren soll. Dass man bei EA jetzt darüber nachdenkt, Micropayment einzuführen, ist hier von Seiten des Publishers nur konsequent. Auch passt ins Bild, dass kurz nach Release von Spore schon das erste (natürlich kostenpflichtige) AddOn angekündigt wurde: man soll nun den Viertel des Preises des Hauptprodukts dafür ausgeben, um mit noch mehr Design-Elementen genau gleich wenig Spielinhalt zu haben.
Und was lerne ich aus der Akte Spore? Erstens, dass ich mich nie, nie, nie, nie, nie mehr auf ein Computerspiel freuen werde. Zweitens, dass ich in Zukunft von allem, was das Label “Electronic Arts” trägt, die Finger lassen werde. Echt jetzt. Ich kann mich an kein Spiel von dieser Klitsche erinnern, das auch nur die Bandbreite wert gewesen wäre, die es beim Herunterladen verschwendet hat. Und drittens schliesslich, dass das Experiment, mal wieder für ein Computerspiel zu bezahlen (“Qualität kostet!”), gründlich in die Hose gegangen ist. Vergleiche ich beispielsweise den Spielspass von Spore (CHF 88.-) mit dem von Armagetron (CHF 0.00), loost ersteres ab. Und zwar extrem.
Will Wright hat irgendwann mal gemeint, dass zwei Sorten Leute Spore kaufen würden: diejenigen, die Spore tatsächlich spielen und diejenigen, die primär Kreaturen, Raumschiffe und was noch alles mit dem Editor kreieren werden. Momentan würde ich mich eher bei letzteren sehen – wenn dann der Austausch der Schöpfungen über die Sporepedia tatsächlich ohne grössere Probleme klappen würde.
Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema.
Wertung




für die Grafik, weil ok.




für den Content, weil primär Community-generiert.




für das Gameplay, weil solala.




für den Sound, weil ok.




für die Langzeit-Motivation, weil kaum vorhanden.




Hype/Resultat-Faktor.




Total
Dschango-Prädikat: muss nicht sein.