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Leseoffensive zum Wochenende

Das Wochenende steht vor der Tür, es hudlet und luftet wie blöd. Nächste Woche ist Abstimmungs- und Wahlsonntag, beides geht mir schon sowas von auf den Keks. Zur Unfähigkeit von BärenBabsi ist alles gesagt, zur Lachnummer auf der Harley ebenfalls. Auch auf der SVP herumtrampeln macht mir momentan wenig Freude – da diese Partei bald mehr Bundesratskandidaten als WählerInnen hat, was soll ich hier denn noch Lustiges beitragen?

Politikverdrossenheit? Schnauze voll vom miesen Wetter? Warum nicht mal wieder ein gutes Buch in die Hand nehmen, sich mit dem Hasen im Bau verstecken und dort mal dem einen, mal dem anderen frönen?

Deshalb hier meine aktuellen Leseempfehlungen aufs Wochenende:


R. D. Precht: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Ja, ich weiss, der Titel dieses Buches könnte von mir stammen. Tut er aber nicht. Leider, einerseits, weil wer fände es schon nicht toll, wenn ein Titel von einem (ein guter noch dazu!) auf ein Buch gedruckt würde? Zum Glück, andererseits, weil sein eigenes Buch unter Pseudonym zu rezensieren, das wäre jetzt sogar für mich ein kleines bisschen zu narzisstisch.

Darum gehts hier jetzt aber überhaupt nicht. Stattdesssen möchte ich der werten LeserInnenschaft, die philosophisch interessiert ist, dieses höchst amüsante und spannende Buch ans Herz legen. Zwar ist es eine Übersicht über die Philosophie, im Gegensatz zu den bisher erhältlichen Büchern zu diesem Thema ist es aber weder eine knochentrockene Abhandlung der verschiedenen Denkschulen und Ismen, noch ein Bombardement von Fakten, das die Lust am eigenen Denken schon im Keim erstickt. Stattdessen kommt es in einer humorvollen, verständigen Sprache daher und richtet sich ganz am konkreten Leben aus: Was ist Wahrheit? Woher weiss ich, wer ich bin? Nicht dass das Buch kugelsichere Antworten auf diese Fragen liefern würde, aber es gibt die richtigen Impulse, um selbst weiter zu denken.

Der Autor führt uns in einer Art philosophischer Weltreise durch die verschiedenen Orte, an denen Philosophie gemacht wurde, verknüpft immer den Titel des jeweiligen Kapitels mit dem Ort, der Person und der Zeit, die auf die jeweilige Frage eine Antwort gefunden zu haben glaubte. Auf diese Weise schafft er es, die zum Teil sehr anspruchsvollen Denksysteme anschaulich darzustellen.

Dschango-Prädikat: Unbedingt empfehlenswert!


Naomi Wolf: Wie zerstört man eine Demokratie – Das 10-Punkte-Programm

Die Autorin geht in ihrem Buch der Frage nach, was es braucht, damit eine Regierung ein Land von einer Demokratie in eine Diktatur verwandeln kann. Sie schildert dies mit einem Brief an einen Freund, in dem sie beschreibt, wie fragil einerseits das ist, was wir als ‘Demokratie’ bezeichnen und wieviel Aufmerksamkeit es von jeder Demokratin, jedem Demokraten auch und besonders heute braucht, damit die Errungenschaften, die unsere Vorfahren mit Blut und Geld erkämpft haben, nicht von billigen Populismen über den Haufen geworfen werden.

Hui, was für ein Satz…

Das 10-Punkte-Programm, wie es Wolf beschreibt, wurde in der Vergangenheit von beinahe jeder Diktatur angewendet. In den USA wurden in der Vergangenheit offenbar sogar angehende südamerikanische Diktatoren gezielt darin ausgebildet, ihre Bevölkerung mit diesen zehn Punkten unter die Knute zu zwingen.

Ja, das Buch ist aus einer sehr USAmerikanischen Warte aus geschrieben und die ständigen Lobreden auf die bestmögliche Demokratie ennet dem grossen Teich wirkt auf europäische Gehirne wohl etwas… naja, naiv vielleicht. Trotzdem hat, was Wolf zu sagen hat, durchaus auch bei uns Gültigkeit. Die Strategien und Techniken, die autoritäre Regimes anwenden, um eine freiheitliche Gesellschaft in Unterdrückung und Angst zu führen, sind während Jahrhunderten erprobt und bewährt und es wäre verwegen zu behaupten, dass solches bei uns nicht möglich wäre.

Bemerkenswert ist Wolfs Einsicht, dass die meisten Diktaturen keineswegs mit gewalttätigen Aktionen an die Macht gekommen sind. In den meisten Fällen liessen sich Diktatoren demokratisch wählen, zumindest aber juristisch legitimieren. Eine Diktatur entsteht nie über Nacht, indem man plötzlich die Stiefeltritte uniformierter Schergen im Treppenhaus hört. Stattdessen ist es ein langsamer, beinahe unmerklicher Prozess, der das Volk soweit bringt, zum Schluss dankbar zu seinem Metzger zu laufen.

Ein wichtiger Appell an das Demokratieverständnis jedes Einzelnen.

Dschango-Prädikat: Sollte beim Erreichen des Stimmrechtsalters Pflichtlektüre sein.

So, genug von all dem klugen Zeugs, hier noch ein bisschen Belletristik:


T.C. Boyle: Zähne und Klauen

Boyle begleitet mich schon seit bald 20 Jahren, war sogar mal mein absoluter Lieblingsautor (“America” war eine Offenbarung). Diesen Status musste er zwar leider abgeben (es wird ihn bitter reuen), noch immer aber schreibt er durchaus lesenswert.

Die Kurzgeschichtensammlung “Zähne und Klauen” beschreibt den Menschen als Spielball zwischen Ratio und Trieb, zwischen Dekadenz und Infantilität, zwischen Sinn und Unsinn. Seine Helden sind Säufer, Aussteiger und durchgeknallte Verlierer der Gesellschaft. Absurde Situationen treffen auf absurde Figuren, oder umgekehrt, je nachdem. Und Boyle schafft es, dass wir auch die grössten Deppen dafür bewundern, wie sie es schaffen, ihr seltsames Leben zu leben.

Dies ist sicherlich eines der grössten Talente von Boyle: man schliesst seine Figuren ins Herz. Boyle trifft, vor allem in seinen Kurzgeschichten, genau den Ton, genau die Balance zwischen Witz und Intellekt, die dazu führen, dass man sein als “Zwüschedüre”-Literatur geplantes Buch in wenigen Stunden wegliest. Die Boyleschen Verlierer machen süchtig, genauso wie sein süffiger, immer mit einem spitzbübischen Grinsen versehener Stil. Zynismus seinen Figuren gegenüber ist Boyle fern und es ist genau dieses Liebevolle, das ihn in meinen Augen zu einem der grössten seiner Zeit macht.

Dschango-Prädikat: Nicht nur fürs Nachttischli geeignet.


Sven Regener: der kleine Bruder

Ja, der Herr Lehmann ist wieder da! Das dünne Büchlein enttäuscht zwar vom Umfang her (seit ‘Neue Vahr Süd’ sind meine Standards gestiegen), aber trotzdem: ein höchst vergnügliches Lesewerk hat der Herr Regener da wieder abgeliefert.

Das Buch spielt zwischen ‘Herr Lehmann’ und ‘Neue Vahr Süd’. Frank Lehmann wurde gerade aus der Bundeswehr entlassen und fährt mit seinem Punk-Kumpel Wolli ins Berlin paar Jahre vor dem Mauerfall, um da zu seinem Bruder Manni zu ziehen. Regener führt uns durch den Alltag der Hausbesetzer- und Anarcho-Szene in Berlin, ihre Auseinandersetzungen, ihre (faulen) Kompromisse, letztlich auch ihr Scheitern vor dem real existierenden Kapitalismus.

Ja, das Buch ist zum Brüllen lustig. Kaum eine Seite, auf der ich nicht in lautes Lachen ausgebrochen bin. Die Figur Frank Lehmann oszilliert ständig zwischen Naivität und Weltgewandtheit, stösst als Landei in Berlin zwar dauernd auf Mitleid, entpuppt sich aber, wenn es wirklich hart auf hart kommt, durchaus als der einzige, der einigermassen seine Hirnzellen zusammenreissen kann.

‘Der kleine Bruder’ ist einerseits ein Lobgesang auf ein Leben abseits aller Konventionen, andererseits auch dessen Schwanengesang, weil auch der autonomste Kapuzenjackenträger über kurz oder lang von der Gesellschaft abhängig ist, gegen die er, am liebsten unter Mamis Rock hervor, revoltiert.

Hase hat das Buch auch gelesen und fand es nur “soso, lala”. Es ist irgendwie ein Männerbuch, ja. Es beschreibt die seltsamen Rituale von XY-Trägern, ihre eigenartige Logik, ihr befremdliches Paarungsverhalten und ihre noch viel befremdlicheren Initiationsriten. Es entlarvt uns Männer (vor allem diejenigen, die sich gerne als links, anarchistisch, autonom und/oder feministisch sehen) als weinerliche Testosteronhaufen, die den Schwanz wortwörtlich einklemmen, sobald das eigene Weltbild ins Wanken gerät.

Vielleicht ist das Lesevergnügen für Frauen nicht so gewährleistet. Wenn man aber als Mann zwischen 18 und 25 Jahren in alternativen Szenen aufgewachsen ist und sich auch im hohen Alter noch nicht vollständig vom Geruch von Freiheit, Tränengas und Bierdunst lösen kann, erkennt man sich und seine damalige Umwelt auf jeder Seite wieder. Frank Lehmann ist so, wie ich mich zu sein erinnern glaube, und ich denke, das geht jedem so, der eine ähnliche Biografie hat.

Einziger Kritikpunkt: ZU KURZ, VERDAMMT!

Dschango-Prädikat: Ja, wie jetzt? Muss doch sein, oder?




Ein bisschen Mitleid bitte…

Gute Nacht!

Den armen Raser plagen nächtens anscheinend unsägliche Albträume, da wird kurzerhand mit dem Mami das schlechte Gewissen weggekuschelt.

Ts, ts, wer konnte denn auch ahnen, dass das Nichtbeherrschen des Fahrzeugs, massiv überhöhte Geschwindigkeit, zuviel Testosteron und Selbstüberschätzung zu einem solch tragischen Unfall führen könnte!

Da bleibt einem doch glatt die Züpfe im Hals stecken…




Das Wort zum Sonntag von Pfarrer Beinhart

Liebe Brüder und Schwestern,
Liebe Gemeinde.

Was für eine Woche! Wer sich auch nur ein kleines Bisschen für die Trennung von Kirche und Staat interessiert, kam voll auf seine Rechnung. Gute Nachrichten, verwirrende Nachrichte sowie Nachrichten, die eigentlich schlecht sind, sich aber dann doch noch ins Positive wandeln.

Als erstes war die Meldung, dass die Freidenker-Vereinigung sich über Diskriminierung beschwerte. Was ist da passiert? Um auf ihre neu aufgeschaltete Website konfessionsfrei.ch aufmerksam zu machen (hier können sich Konfessionsfreie zu ihrem Nicht-Glauben ‘bekennen’), wollte die Vereinigung Plakate im öffentlichen Verkehr aufhängen lassen. Dürfte eigentlich kein Problem sein, denkt man da, aber Holla! In Thun, St. Gallen und Bern weigerten sich die Verkehrsbetriebe, dies zu tun. Manchmal waren die Begründungen schwammig/nebulös (BernMobil), manchmal einfach nur bescheuert (St. Gallen). Der Vorfall macht deutlich, wie wichtig die Arbeit dieser Vereinigung ist.

Übrigens: wie mir normalerweise gut unterrichtete Kreise mitteilten, war die unbeabsichtigte Werbung, die die Verkehrsbetriebe mit dem Ablehnen des doch sehr biederen Plakats ausgelöst haben, wesentlich effizienter und vor allem günstiger, als wenn die Plakate tatsächlich in den Bussen und Trams gehangen hätten. Von dem her: Danke, ihr lieben fundamentalistischen Jesus-Verkehrsbetriebe!

Interessant ist hier vielleicht noch, wie die lokalen Medien auf diesen Vorfall reagierten: während 20Minuten berichtete, verzichteten BZ und Bund auch nach mehrmaligem Nachhaken der FVS darauf. Beda Stadler hat sich heute zwar in gewohnt polemischer und witziger Weise in der BZ dazu geäussert, ansonsten war die Sache den Blättern keine Zeile wert. Macht auch Sinn, irgendwie, weil wenn man ums Verrecken einen CVP-Kandidaten im Stadtberner Gemeinderat sehen möchte, dann vermeidet man logischerweise alles, was die Leute zum (freien) Denken anregen könnte.

(Hier noch ein kleiner Veranstaltungshinweis: am Montag um 20:15 hält der Philosoph Michael Schmidt-Salomon im ONO einen Vortrag zum Thema “Projekt Aufklärung – glaubst du noch oder denkst du schon?”. Der Eintritt ist frei und folglich auch während der Finanzkrise aufbringbar.)

Dann las ich gestern, dass das Bundesgericht einen Entscheid von 1993 korrigiert hat, in dem es um gemischtgeschlechtlichen Schwimmunterricht bei muslimischen Schülern geht. Völlig unerwartet hat hier Lausanne einen mutigen, wichtigen, absolut richtigen Akzent gesetzt: Integration geht vor Religionsfreiheit. Gratulation an dieser Stelle nach Lausanne, dieser Entscheid lässt darauf hoffen, dass bei euch doch noch nicht alle Tassen aus dem Schrank gefallen sind. Weiter so!

Und heute, noch vor dem ersten Kafi, las ich (diesmal wieder in den Berner Lokalkäseblättern), dass sich die “Umma”, der Dachverband der Muslime im Kanton Bern, aus dem depperten “Haus der Religionen” zurückgezogen hat. Offenbar waren da zuviele interkulturelle Probleme, als dass man sie denn innerhalb eines “kulturverbindenden” Projekts hätte lösen können. Dschango würde das total schade finden, wenn er meinen würde, dass interreligiöser Dialog etwas Gutes wäre. Tut er aber nicht, hahaha!

Und so möchte ich euch, liebe Gemeinde, in den Sonntag entlassen mit den Worten: unsere Gesellschaft braucht nicht mehr Religion, sondern weniger davon. Diese Woche ist der beste Beweis dafür.

Gehet hin in Frieden!




Genug gespielt

Da titelt doch der Bund vom Montag mit folgender Schlagzeile: “2011 ist Irak-Krieg zu Ende”.

Na, das ist doch mal eine Ansage, ein einwandfreies Termingeschäft sozusagen. Da haben die Amis wohl keine Lust oder kein Geld mehr (ein Hurra auf die allgegenwärtige Finanzkrise) und meinen, och nö, genug gespielt und zerstört im Irak, lasst uns mal in drei Jahren das kriegerlen beenden. Von einem Abkommen ist die Rede, gemäss welchem die letzten Soldaten den Irak verlassen sollen, “sofern die Lage dies zulässt“.

Da reibt sich der Laie erstaunt die Augen und denkt wohl berechtigterweise, ausser Spesen nix gewesen: Osama verbreitet weiterhin fröhlich seine Videobotschaften und der irakischen Bevölkerung geht es wohl kaum besser, seit der Herr Hussein aus dem Erdloch geborgen wurde und medienwirksam dem Galgen zum Opfer fiel. Da nützt es auch nichts, dass dieser Galööri, formerly known as Tschortsch Dabeliu, nach wie vor die in den sinnlosen Krieg investierten Milliarden und die unzählig geopferten Soldaten vehement verteidigt.

Der Ausgang der Geschichte ist wohl schon jetzt klar: Westliche Firmen werden sich eine goldene Nase beim Wiederaufbau verdienen während sich die Schiiten weiterhin mit den Sunniten blutig bekämpfen. Ach ja, und  die Individualreisenden und Katastrophentouristen werden bald den Irak als neue Trenddestination entdecken, nachdem Afghanistan mittlerweile schon wieder zu kommerziell ist, seit es eine eigene Rubrik im Lonely Planet erhalten hat…

Poor world.




Dem Dativ sein Tod

Miss Schlag-mich-tot

Es gibt gewisse Sachen, die gehen einfach gar nicht. Auch nicht wenn ein gewiefter Werbefuzzi meint, das sei ganz doll lustig. Nein. Einfach nicht. Seit einigen Tagen begegnet mir auf meinem Arbeitsweg ein Werbeplakat eines Kaffeeherstellers. Darauf ist eine der unzähligen Schlag-mich-tot-Ex-Missen zu sehen, lasziv in die Linse blickend. Nun gut, adrett ist sie ja wirklich. Anyway.

Da steht also in grossen Lettern über der blonden Schönen: “Ich liebe jedem seiner Stärken“. Ha! Ich kann ihn direkt vor mir sehen, den für diesen Schund zuständigen Werber. Rechteckige, vorzugsweise schwarze Hornbrille, die leicht angegraute Mähne lässig mit Gel nach hinten gepappt, schwarzes Sakko, junge Modelfreundin, Lieblingsclub: Kaufleuten. Halt eben Klischeewerber mit Jahreseinkommen eines Bundesrates. Hat zwar den Vorteil, dass man sich wenigstens die renommiertesten Herzchirurgen leisten kann. Aber das ist ein anderes Thema.

Nun gut, einen kurzen Moment dachte ich ja noch, dass hier eine übereifrige Werbeassistentin den Druckauftrag etwas zu voreilig erteilt hat. Aber nein, das ist voll Absicht! Frei nach dem Motto: Wenden wir doch mal den Dativ falsch an. Was mit Verona Feldbusch Poth (oder wars Buschpoth-Feld?) vor zig Jahren in Deutschland funktioniert hat, ist doch bestimmt auch in der Schweiz lustig. Hat sich der Herr Werber gedacht. Nein, meine Herren Kreativen, ist es nicht. Es ist bloss eine billige Kopie des abgedroschenen “Hier werden Sie geholfen” Slogans.

Da muss wohl das nächste Mal etwas intensiver gebrainstormt werden, dann klappts dann vielleicht wieder mit dem Idee…