Archiv für die Kategorie ‘geklatscht’

Weisste Bescheid!

Was ist denn da los? Seit dem letzten Abstimmungswochenende hat irgendwie jeder das Gefühl, er müsse seinen mehr oder minder wertvollen Kommentar zum Ergebnis der Minarettinitiative auf irgendeiner Online Plattform oder wahlweise lautstark im vollen Bus  bekanntgeben. Politisieren und eine fundierte Meinungsäusserung ist ja durchaus sehr wertvoll, dieses Stammtischniveau ist jedoch höchst bedenklich.  Da wurde aus einer einfachen Bauvorlage eine Grundsatzdiskussion über die beginnende Islamisierung (mein Favorit für das Unwort des Jahres) und geht nun bis hin zum Burkaverbot (ja gellen Sie, Frau Schwarzer, auch so kann man, exgüsé, frau sich wieder einmal ins Gespräch bringen). Etwas mehr Bildung und etwas weniger dummes Geschwätz wäre doch irgendwie wünschenswert. Auso ehrlech…

Und nun zu etwas ganz anderem.

Einen gelungenen Übergang zu finden ist jetzt etwas schwierig, ich versuchs trotzdem: Alsoder Clou….Meine Fresse… Nee, geht nicht, diesen Themawechsel müsst ihr jetzt verkraften:

Editors! Da gabs gestern im Bierhübeli keine müssigen Diskussionen irgendwelcher Türmchenphobiker sondern nur grossartige Musik und einen Sänger mit einer Stimme, die Frau Korhonen in den Wahnsinn treibt (wieder einmal ganz pathetisch…).

Von einem Geheimtipp kann wohl keine Rede mehr sein, trotzdem kann ein Erwerb dieses Tonträgers im Plattenladen Eures Vertrauens ohne Vorbehalt empfohlen werden!

Isso.




Wir wolln den Jesus sehen!

Es war einer dieser tristen Novemberabende als sich Nasse und meine Wenigkeit zusammen mit unseren Liebsten auf eine Reise in die tiefste Teenievergangenheit aufmachten: Depeche Mode in da House oder besser gesagt in Genf…

Gut, ist jetzt nicht Prince, aber da ich dessen Auftritt bekanntermassen so was von verpasst habe, war ich sehr erfreut über die Tatsache, den Dave ansabbern zu können…ähm…die wunderbare Musik von DM geniessen zu können (etwas Contenance, Frau Korhonen, also wirklich!).

Nach ein paar Bierchen vergassen der Nasse und ich dann auch prompt unser nordisch-zurückhaltendes Temperament und hüpften rum wie zwei Springböcke auf Speed. Und -- um ehrlich zu sein -- trotz der fantastischen Mucke und der wunderbaren Show, wollten wir im Grunde doch nur eines hören:

Mei, war des scheen!




Silo8: leider doch nur ein Deppen-Apostroph

Kollega Hymnos ist schier begeistert, Tausende pilgern vier Nächte pro Woche ins Nebelloch der Schweiz, wahrscheinlich dem ganzen verdammten Land gefällt es, bloss der Dschango, die olle Unke, der findet es mal wieder nur soso-lala: das Jubiläumsprogramm von Karl’s Kühne Gassenschau, genannt ‘Silo8‘.

Zuerst mal das Freundliche vorweg, dann haben wir das hinter uns. Höchst positiv aufgefallen sind mir (in eher typo-ästhetischer Reihenfolge):

  • die Explosionen am Schluss
  • die DarstellerInnen
  • das Bühnenbild
  • die Band

Die Leute haben Vollgas gegeben und ihre Rollen mit Verve gespielt. Das grotesk-absurde Element wurde konsequent und vollendet durchgezogen, die Gesangseinlage von Frau Ida war schier berauschend. Beeindruckt haben mich auch die technische Infrastruktur, die hinter so einer Produktion stehen muss, sowie die Techies, die all das Zeug bedienen. Gott helfe uns und ihnen, damit das folgende, von einer endblonden Teenie-Frau hinter mir, am Ende des Stücks (sehr) laut gedachte Szenario nie eintrete:

Iiiiihhh… we die mau uf die fauschi Siite kippä…!!

Nein, ich spoile nicht. Geht hin und seht es euch an, wenn ihr mitlachen wollt.

Item.

Ich denke, mein Hauptproblem war eine falsche Vorstellung davon, was mich erwarten sollte. Ich habe mir Trash vorgestellt, Underground, BlutScheisseTränenFeuerAkrobatik, sowas in der Art. Der Deppen-Apostroph war für mich Signal für Anarchie und Wahnsinn, für Chaos und Burlesk! Und stattdessen?

Der grosse Ablöscher begann für mich ja schon ganz am Anfang, als ich aufs Areal trat. Das bin jetzt sicher auch nur wieder ich, aber wenn es etwas gibt, was mir sowas von auf den Sack geht, sind es die ganzen verfluchten Event-Zonen. Da diese Frissmich-Trinkmich-Kaufmich-SchenkmirdeineAufmerksamkeit-Meilen, die ihre Ursprünge wohl auf irgendeinem versifften Open Air im letzten Jahrtausend haben. Anmerken muss ich ja, dass die ganzen 1200 (man korrigiere mich, wenn ich hier falsch liege) Personen absolut smooth und schmerzlos abgefüttert wurden: unseren – durchaus leckereren – Abendhappen hatten wir, trotz langer Warteschlange, innert weniger Minuten.

Hat sich niemand über die Zahl da oben gewundert? Ja, ist schon ein Haufen Leute. So richtig bewusst wurde mir das, als ich ins Vorstellungs-Areal eintrat und in die Runde blickte. Ebenfalls bewusst wurde mir in diesem Moment, dass es schlicht nicht möglich ist, tatsächlich Underground zu bleiben, wenn man an rund 80 (?) Abenden 1200 Leute ins Theater holen will.

Und das ist wohl das Problem: das Stück gibt sich zwar laut und dreckig und total schrill, in Tat und Wahrheit ist es aber nichts mehr als Trash Light, gerade so viel, dass das Grosi noch ein bisschen rot wird, aber ja nicht so viel, dass es wirklich jemandem umsgottswill weh tun könnte. Der obligate, zehnmillisekündige Schnäbiblitzer wäre da ein Beispiel. Die Gags sind selten unvorhersehbar, nie wirklich originell, orientieren sich an klassischem Slapstick, nur halt mit viel, viel mehr Gadgets.

Am besten waren die Kärle dann, wenn sie die Sau rauslassen konnten. Umso quälender waren dann die “poetischen” Momente. Im Grunde genommen weiss ich ja schon, dass es mir jetzt dann gleich die Fussnägel hochrollen wird, wenn ich das Wort “poetisch” höre/lese/denke: was danach kommt, dient in aller Regel dazu, Emotionen im Fast Food-Verfahren an die Leute zu bringen. Möglichst auffällig verpackt, mit möglichst wenig Nähr- oder Ballaststoffen, viel Zucker und Zuckeraustauschstoffe, schnell produziert, schnell geliefert, schnell verzehrt, schnell verdaut. Und so lief es dann auch jeweils ab. Die vorne wussten, auf welche Dur- oder Moll-Knöpfe sie in welcher Reihenfolge drücken mussten, das Publikum dankte es durch braves Abspulen der eigenen Emotionsrolle. Bin sicher auch nur wieder ich, aber ich kann mit der zuckersüssen Samstagabend-Romantik halt nichts anfangen. Klebt mir das Hirn von.

To-tal was anderes, aber artverwandt: was ist das eigentlich für eine komplett verblödete Unsitte da mit der Klatscherei? Früher, da gab es sowas, das nannten wir damals ‘Applaus’: ein komplett unkoordiniertes Durcheinander von Klatschgeräuschen, ausgelöst von dem in reinster Form autonomen Zusammenschlagen von vielen, immer aber ausschliesslich individuell koordinierten Handpaaren. Das konnte schon mal einen ganz schönen Lärm machen! Ausserdem gab es Nuancen: es gab den verhaltenen Applaus, den Verlegenheits-Applaus, den frenetischen Applaus, den brausenden… und heute? Alle synchron: *KLATSCH!!-KLATSCH!!-KLATSCH!!-KLATSCH!!*, wie damals, als der Führer noch gelebt hat. Oder als ob die alle auf Valium und per Elektroschocks ferngesteuert wären. Kann es für einen Schauspieler etwas Frustrierenderes geben, als wenn du völlig ausgekotzt da vorne stehst und dir gegenüber sitzen 1200 Applaus-Faschisten, die den Mussolini klatschen? OK, 1200 minus ich und den paar Rhythmospasten im Publikum… was die Sache auch nicht besser machte.

Und am Schluss merkten wir, dass wir von 1200 ZuschauerInnen mit einem Grüppchen von vielleicht… 30? 50? weiteren Nasen die einzigen waren, die mit dem ÖV da hoch kamen. Und das bei Gratis-Shuttle, optimalen Zugs-Anbindungen und allem Pipapo. Eine endlose Schlange von Autos jeglicher Bauart, die bunte Wahrzeichen aller möglichen Kantone trugen, fuhr im Schritttempo durch Olten, heimwärts. Und dieses Spiel jeden Abend, an dem Silo8 spielt. Das war dann der Zeitpunkt, wo ich mich im Jahre 1990 wähnte, weit weg von Finanz-, Klima- und Energiekrisen. In Happy Olten scheinen diese auf jeden Fall noch nicht angekommen zu sein.

Gut, für ihr bescheuertes Publikum können die Kärle nun wirklich nichts.