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Deppensteuer subito!

Schon lustig, wie Freunde unsichtbarer Freunde reagieren, wenn Leute, die es wagen, die Existenz von Elfen und Feen nicht nur anzuzweifeln, sondern dies auch noch laut kund zu tun, gleiche Rechte wie die Anhänger von bronzezeitlichen Kulten sowie die Aufhebung derer ungerechtfertigten Privilegien fordern…

Wie wir auf 20min lesen, schlägt die Junge CVP die Einführung einer “Atheistensteuer” vor – wer aus der Landeskirche (die in der Lesart der CVP wohl sowas ähnliches wie die AHV darstellt) ausgetreten ist, soll künftig eine gemeinnützige Organisation oder Glaubensgemeinschaft (!) mit einem finanziellen Beitrag unterstützen müssen, der der gesparten Kirchensteuer entspricht. Die Junge CVP bekommt dabei Schützenhilfe vom Präsi der ‘grossen’ CVP, Christophe Darbellay.

Ganz abgesehen davon, dass hier mal wieder die Begriffe “Steuer” und “vom Staat eingetriebener Mitgliederbeitrag im Auftrag retardierender Nabelschau-Klubs” verwechselt werden, keineswegs alle aus der Kirche ausgetretenen auch Atheisten sind, wohl kaum jemand (nur) aus Steueroptimierungsgründen aus der Kirche austritt (man tut das in erster Linie darum, weil man an diesen spezifischen Mist nicht mehr glaubt) und der JCVP-Präsi ein bisschen wie der verschollene Zwillingsbruder vom Berner JSVP-Präsi und Polit-Clown Erich J. Hess aussieht, finde ich den Vorschlag durchaus überlegenswert.

Man müsste ihn nur konsequent zu Ende denken (ich weiss, damit hapert es bei euch C-Knüllen bekanntlich, übernehme ich aber gerne für euch!) und generell sogenannte Nicht-Steuern einführen – Steuern auf Tätigkeiten, Vorgänge oder Leistungen, die nicht stattfinden oder in Anspruch genommen werden.

So müssten beispielsweise alle, die kein Auto haben, eine Autobahn-Nichtbenützungssteuer bezahlen. Das wäre nur solidarisch, weil die armen Autofahrer können ja nichts dafür, wenn diese langhaarigen Hippies kein Stutz fürs Benzin haben. Sowieso: auf unverbleites Benzin müsste man eigentlich auch eine Steuer bezahlen, eine Bleifreisteuer nämlich, weil wer Blei diskriminiert irgendwie kein guter Mensch sein kann. Dann noch eine Minderwertsteuer im Gegensatz zur Mehrwertsteuer, die dann fällig wird, wenn man etwas im Secondhand-Laden oder von M-Budget kauft. Auch eine Armutssteuer müsste man sich überlegen – schliesslich drückt, wer unter der Armutsgrenze lebt, das Bruttosozialprodukt, konsumiert zuwenig und macht uns so all den schönen Wohlstand kaputt. Und ganz wichtig: eine Deppensteuer! Ist es denn nicht so, dass uns all die Viertel-, Halb- und Vollidioten im Land unglaublich viel Geld kosten? Ist das nicht total unsolidarisch gegenüber den Klugen? Von einer “Alter, du siehst so komplett Scheisse aus, dass ich zum Augenarzt rennen muss, wenn ich dich länger als drei Sekunden anschaue”-Steuer ganz zu schweigen.

Dazu noch eine Unschwerverkehrsabgabe (bei Sexualakten zwischen Leuten unter einem Gesamtgewicht von zusammen 120 kg), eine Alkoholfreisteuer (wer sich nicht an die Regeln der Gesellschaft halten und vom Bier nicht besoffen werden will, soll gefälligst zahlen!) und eine Kein-Hundesteuer (oder scheisst du etwa das ganze Trottoir zu, wenn es keine Hunde mehr gibt? Eben!) – ein weites Feld an Mehreinnahmen für Gemeinden, Kantone und Bund, in Zeiten wie diesen durchaus willkommen.

Klar: es ist völlig offen, wer auf der von der JCVP halluzinierten Liste der zu begünstigenden Organisationen stehen soll. Können da alle drauf, die sich irgendwie noch so als nützlich für die Allgemeinheit sehen? Oder soll es davon abhängen, wieviel ihres Gesamtumsatzes eine Organisation für gemeinnützige Zwecke ausgibt? Greenpeace würde dann gut aussehen, der Beinhart-Haushalt ebenso, die Landeskirchen (gemäss meinen Recherchen maximal 15%. wenn sehr wohlwollend geschätzt) hätten dann aber wohl ein Problem.

Man könnte ja auch noch einen Schritt weitergehen. Würde es denn nicht Sinn machen, wenn man beim Bezahlen der Steuern aus einer Liste auswählen könnte, an welches Amt und/oder Departement der Obulus gehen soll? Oder noch viel besser: eine Liste derjenigen Länder, die man finanziell unterstützen möchte, weil, vielleicht gibt es ja auch Steuerzahler, die gar nicht praktizierende Schweizer sind! Man könnte dann zB sagen, ja ok, die nette Frau Leuthard mit dem Schockblick, die soll jetzt bitte 20% meiner Steuern bekommen, der niedliche Herr Merz nochmals 20% (Appenzeller! Minderheitenschutz!), den Rest bitte gleichmässig zwischen Terre des Hommes, Grönland und der Kebab-Bude ums Eck aufteilen. Transparenz pur und niemand hätte mehr was zu jammern.

Frei nach Darbellay: der Vorschlag respektiert die Denkbefreitheit hundertprozentig.




Aufgeschnappt I + II

Neulich im Hauptbahnhof Bern, zwei Hausfrauen, pardon, Familienfrauen mittleren Alters unterhalten sich offenbar über eine Kollegin. Sagt die eine zur anderen: “Weni sie wär gsy, de hätti ihm aber d’platte ygheizt!”.

Ausserdem in der Pariser Métro gefunden:

Gratis Origami for the Masses




Prioritätenmanagement

Montag Morgen, 06.30 Uhr, der Kaffee dampft, die Frisur sitzt. Die Themen in Presse und Radio:

  • Was bedeutet die neue deutsche schwarz-gelb Regierung (YB-Koalition quasi) für die Schweiz? Wird der Herr Westerwelle, seines Zeichens Aussenminister in spe, aufgrund seiner sexuellen Präferenzen bei einem allfälligen Iranbesuch umgehend vom Achmeschlagmichtod verhaftet und gefoltert?
  • Ist die Verhaftung des Herrn Polanski gerechtfertigt oder bloss ein weiterer Versuch der Schweizer Regierung, das Ansehen im Ausland aufzupolieren? Ein Aufschrei geht durch die lokale Filmszene (ist ja auch unverschämt, einem flüchtigen Kinderschänder den Prozess zu machen, auso ehrlech!).
  • Ach ja, fast vergessen: Die neue Miss Matterhorn wurde ja auch noch gekürt. Blondiert und streng gläubig – eine verheerende Mischung aus dumm und weltfremd.

Zur Erinnerung: Am Wochenende haben wir über die eine oder andere wichtige Vorlage abgestimmt. Ich finde es irgendwie seltsam, dass dies in der Montagspresse und den Onlinemedien mehr oder weniger als Randnotiz zu finden war. Eine Prioritätenanpassung im Newsbereich wäre wünschenswert.




Nastrovje!

Na, da war ja heute wieder mal was los in Bern: Scharfschützen auf den Dächern rund ums Bundeshaus, ein Balkon-Betret-Verbot für Anwohner, Personenkontrollen durch eine Hundertschaft von Polizisten (…i wott doch nume zum Kiosk!), Umleitungen, welche die Innenstadt in ein unübersichtliches Labyrinth verwandelten und Pendler, welche rundum zum lustigen Such-Deinen-Bus-Spiel animiert wurden.

Nein, es handelte sich dabei nicht um eine Grossoffensive der EU, die Schweiz mit Waffengewalt einzunehmen, Grund dafür war vielmehr eine Kurzvisite des russischen Präsidenten. Der Obama des Ostens sozusagen. Eine wahre Schmierenkomödie oder – um es einmal ganz salopp im Stammtischjargon auszudrücken: Da freut man sich als Steuerzahler über die judihui verprassten Millionen, welche hier wahnsinnig sinnvoll in die Sicherheitsvorkehrungen gesteckt wurden.

Fazit: Einem (oder in diesem Falle zwei) geschenkten Bärli schaut man wohl nicht ins Maul…




Abgründig demokratisch

Leider nicht das, wonach es aussieht

Leider nicht das, was der Name suggeriert

Angenommen, es wäre  Donnerstag Abend und ihr hättet zwar wahnsinnig Lust auf Unterhaltung, leider aber kein Geld zur Verfügung. Kann ja mal vorkommen. Normalerweise wärt ihr in dieser Situation voll angeschissen, weil bekanntlicherweise kostet hierzulande alles, ganz besonders Unterhaltung.

Normalerweise, ja, aber nicht, wenn ihr euch zufälligerweise in der Stadt Bern aufhaltet. Hier gibt es nämlich seit viiielen hundert Jahren schon eine Anstalt, die sich zumindest seit einiger Zeit dafür einsetzt, einmal in der Woche auch dem kleinen Geldbeutel Zerstreuung zu bieten. 80 Freiwillige geben jede Woche ihr Bestes, um auf und hinter der Bühne ein Spektakel aufzuführen, hinter dem jede griechische Tragödie zur Soap verblasst. Es werden neu auch Elemente des Theatersports aufgenommen: oft ist unklar, ob die Protagonisten (man darf hier ruhig einmal ausschliesslich die männliche Form benutzen) nun Schauspieler oder Publikum sind.

Und wo findet man diese ehrenwerte Institution? An pittoresker Lage im Herzen der Berner Altstadt, am Rathausplatz, da in dem Gebäude mit den hohen Treppen links und rechts. Mag ja sein, dass dieser Ort ursprünglich nicht als Musentempel vorgesehen war, spätestens seit der gestrigen Budgetdebatte ist aber klar: will Bern als Kulturhauptstadt punkten, muss sie für den Stadtrat einen Posten im Kulturbudget reservieren!

Hauptakteurin war mal wieder die Fraktion “SVPplus”, die sowohl den tragischen wie auch den komischen Teil der Aufführung in Eigenregie inszenierte. Als Kullissenschieberin amtete, zumindest, bevor es sogar diesen Herrschaften zu blöd wurde (und das will etwas heissen), Juniorpartnerin FDP.

Ah, apropos FDP: ihr wisst ja alle (*hüstel*), dass der höchste Berner momentan der FüDläParteiler Ueli Haudenschild ist. Witzig übrigens, wenn nicht gar von prophetischer Qualität: ich habe zuerst “Huahaschild” geschrieben, und eigentlich müsste man ihn genau so umbenamsen. Falls man mich irgendwann mal anfragen wird, ob ich einen Lexikonartikel zu den Stichworten “Unfähigkeit”, “Führungsniete” und “Rückgratschwund” verfassen würde, mit dem Foto vom Herrn Huahaschild wüsste ich im Fall grad sofort eine diese Stichworte visualisierende Illustration. Aber mich fragt ja keiner. Deshalb wird auch mein Artikel zum Thema “schwanz- und eifrei (s.a.: ‘Huahaschild’)” bloss geistige Makulatur bleiben.

Schade eigentlich.

Wahrscheinlich muss ich an dieser Stelle dem Teil der Leserschaft, der sich nicht für Politik interessiert (ich verstehe euch jeden Tag ein bisschen besser), etwas Hintergrundinformationen liefern. Es wurde gestern nämlich in einem zweiten Anlauf das Budget der Stadt Bern fürs Jahr 2010 beraten. Dazu hat die Fraktion ‘SVPplus’ (das sind im Wesentlichen die SVP, deren Blocherjugend, ein paar scheintote Schweizer Demokraturisten sowie “mini Harley het i mim Ranze Platz, mis Hirni näbem Boschettli” Jimy Hofer) ein Paket von 180 Änderungsanträgen eingereicht. Ziel dieses ‘Planes’ war, dass die Debatte derart verzögert wird, dass das Budget nicht mehr vor den Herbstferien verabschiedet und somit auch im November nicht den StimmbürgerInnen zur Abstimmung vorgelegt werden kann. Damit wollte man bei der SVP erreichen, dass – ja, was eigentlich? Dass die Stadt Bern möglichst bald vom Kanton zwangsverwaltet wird, in der Hoffnung, dass dann die vom Kanton vorgeschriebenen Auslagen, welche die SVP streichen wollte, direkt vom Kanton an den Kanton überwiesen werden? Man weiss es nicht. Falls ihr hierzu mehr Informationen haben wollt, fragt doch am besten direkt beim Herrn Wurmbandführer Hess nach. Wenn ihr viel, viel Geduld mitbringt und alle Fragen mit Worten formuliert, die aus nicht mehr als zwei Silben gebildet werden, besteht vielleicht eine gewisse Chance, dass er euch das erklären kann.

Wobei – man muss ja ganz klar sagen, dass die Qualität von Hess’ Voten der Qualität seiner Anträge in nichts nachstand: auf jeder Ebene, egal ob formal, rechtlich, inhaltlich oder rhetorisch unter jeglicher jemals über den Hof galoppierten Sau. Und weil ihm die Argumente fehlten (logisch, bei unter 12 Gramm aktivierbarem Resthirn), musste er die Redezeit von fünf Minuten pro Antrag halt eben mit Extrem-Bärndütsching dehnen:

Miiiiiiiiir stiimmmmmmmeeeeee iiiiitz üüüüübere Aaaaaaaaatraaaaaag füüüüfesäääächzg bis siiiiibeeeeeneeeesääääächzg aaaaab… daaaaaas siiiiii drüüüüüüüü Aaaaaaaträääääg zuuuu füüüüüf Minuuuute, das maacht ausoooo… ääääääääh… füfzäääääääh Minuuuuuteeeee, odeeeer, angerscht gseit, ä Vieeeeertuuuuuustuuuuuuuuuuund…

Aber zum Glück sass ja noch Ziehvater und Puppenspieler Thomas Fuchs auf der Zuschauertribüne (keine Sorge, sie wurde extra zu diesem Zweck im Vorfeld mit zusätzlichen Stahlträgern verstärkt). Mit dem Natel in der Hand gab er seinem Führer-Stellvertreter unten im Saal Anweisungen, was zu tun sei – selbiger war dann auch noch dämlich genug, während diesen (keineswegs in konspirativer Lautstärke geführten) Gesprächen ständig zu seinem Idol hochzuschauen. Schon interessant, wie jemand von der Zuschauertribüne aus die Politik im Stadtrat steuern kann, ohne dass dies dem Stadtratspräsidenten negativ auffallen würde. Huahaschild halt, sag ich doch.

So war es auch an der Grenze zur Realsatire, als Jimy Hofer während einem Votum mitten im Satz abbrach und zurück an seinen Platz ging. Erstaunen im Rat, was war geschehen? Nun, wie man uns aus zuverlässiger Quelle mitteilte, knurrte er, wieder in den Sitz gezwängt:

Ha ke Ahnig gha, um was es geit, aber dr Hess het gmeint, ig müess derzue ga rede.

Heil, Führer befiehl, die Broncos folgen!

Spassig wurde die Sache natürlich erst so richtig, als gegen Mitternacht die elektronische Abstimmungsanlage ausfiel und der Stadtrat mit Einzelnamensaufruf (“Hanspeter Aeberhart?” – “Ja” – “Michael Aebersold?” – “Nein” …) über die letzten hundert Anträge abstimmen durfte. Morgens um 3 war dann der Spuk vorbei.

Und als Fazit? Fast zweihundert Änderungsanträge, die allermeisten davon rein rechtlich gar nicht umsetzbar, in der Folge genau keiner (0, null, zero, zilch) angenommen. Zig Chefbeamte und Gemeinderäte während fast 24 Stunden in Geiselhaft (wo ist der Bundesmerz, wenn man ihn braucht?!?) einer Partei, die sich einen schlanken, effizienten Staat und den Abbau von Bürokratie auf die braunrandige Fahne geschrieben hat. Eine Partei, die sich als singuläre Repräsentantin von Volk und Demokratie darstellt und die bei jeder ihrer Aktionen, welche nichts anderes tun, als die Grundfesten der Demokratie zu diskreditieren, klar und deutlich zeigt, wie sehr sie im Grunde genommen auf genau dieses Volk, auf genau diese Demokratie scheisst.

Dazu passt doch der Spruch von Hases Mami, zwar nicht in dem Zusammenhang geäussert, aber trotzdem wie der Nagel auf den Kopf:

Ig ha gchotzet wie nä Gärbihung.

In diesem Sinne: ich freue mich schon auf nächstes Jahr, wenn wir uns wieder zum fröhlichen Theatersport im Berner Stadtrat treffen!

PS: Dschango fährt diesen Sonntag mal wieder auf Urlaub, zu Hasenverwandten nach Italien. Kann also gut sein, dass ihr nächste Woche auf mich verzichten müsst. Aber keine Sorge: euer Dschango kommt sicher zurück – und voraussichtlich bringe ich wieder amüsante Einsichten mit aus dem Land, wo die Zitronen blühn.

Bis bald!




Bollywood und Dummgeschwätz

Bollywood im HB Züri:

Und ein kleines, aber gut angezogenes Daumenschräubchen geht an den Super-Fashionista-Plattenleger Christopher S. (steht das “S.” eigentlich für Shithole?), der mit seinem merkbefreiten Kommentar im gestrigen Blick am Abend wieder mal klar Position bezogen hat:

“Als SVP-Mitglied hätte ich Christian Lüscher bevorzugt. Ich war den ganzen Morgen mit dem Auto unterwegs und habe die Wahl im Radio verfolgt. Sehr spannend war das nicht. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass das Volk die Bundesräte direkt wählen sollte.”

Und wir meinen, dass der trendy Chrigeli sich besser um seine Fummel und House-Platten kümmern sollte, denn davon scheint er eindeutig mehr zu verstehen.




Henusode

Ob es ein Zufall ist, dass die Wahl des neuen Bundesrates gleichzeitig mit dem Todesurteil unseres Autos erfolgte? Man weiss es nicht so genau, irgendwie ist beides Schrott…




Mann oh Mann!

Keine Angst, heute gibts nichts zum Thema Gaddafi/Merz. Ist ja echt dröge langsam, immer auf demselben Thema herumzuhacken. Mittlerweile beschäftigt sich sogar der Nationalrat mit dem Thema, was in der Regel darauf hindeutet, dass sich keine Sau mehr dafür interessiert. Also weg damit.

Stattdessen möchte ich der werten LeserInnenschaft in Erinnerung rufen, dass am 9.9.09 erstmals (?) der Tag des Mannes gefeiert wurde. Hurra, Heissa, Trallala! Es war ein total wilder Tag, an dem mein Y-Chromosom von oben bis unten beschenkt, gewürdigt und gefeiert wurde.

Naja, in meinen Träumen vielleicht.

Den Kommentar von Hase, was sie mir denn Gutes antun werde am Feiertag der Männlichkeit, kann ich hier leider nicht ganz adäquat abbilden. Es war sehr laut, schrill und enthielt ganz viele Silben wie “muhahahaaaahahaaahaaaaaaa!!!”. Entsprechend konsterniert startete ich in den Tag, der keineswegs besser wurde, je länger er dauerte.

Die finale Ausbeute des Manntages: ein mudriges Plastiksäckli von l’Oreal, zu einem Sechstel “gefüllt” mit drittklassigen Pflegeprodukten “für den Mann”, dazu noch einen Industrie-Espresso im Plastikbecher. War jetzt voll der Bringer, habe mich selten so männlich gefühlt.

Aber schon interessant: während man (!) am Tag der Frau über Themen wie Gleichberechtigung diskutiert, liegt der Fokus beim Tag des Mannes darauf, uns optisch einigermassen passabel und wach zu machen. Das sollte schon zu denken geben.

Da fällt mir ein, dass es neu “Kino speziell für Männer” gibt. Find ich ja gut, im Prinzip. Jeder Randgruppe ihr eigenes Kino, von mir aus können sie auch Kino speziell für maso-pädophile Tourette-Tetraplegiker mit einer Sackhaarphobie machen, wurscht. Aber es wundert mich ja schon, dass sich ein Haufen (mutmasslich heterosexueller) Männer dafür einsetzt, für ein paar Stunden ausschliesslich mit Geschlechtsgenossen in einem dunklen ZImmer hocken zu dürfen, während dazu ein Film läuft. Ich bin ja nicht in der Szene, aber soweit ich weiss, hätten sie das schon vor Jahren an jeder x-beliebigen Gay-Party haben können.

Oh Mann… jetzt, wo ich bei schwul und Tourette bin, kommt mir grad der Gaddafi wieder in den Sinn, aber ich habe ihn ja nicht mehr erwähnen wollen.

Voll die Zwickmühle.




Cliché lass nach…

8 Jahre. 8 verdammte Jahre haben meine wilde Süsse und meine Wenigkeit gebraucht, um so etwas wie anständige Ferien zu planen und letztendlich auch umzusetzen. Entweder fehlte das Geld oder die Zeit oder beides. Wir hatten es effektiv nicht hinbekommen, mehr als ein verlängertes Wochenende im Inland oder im angrenzenden Ausland zu verbringen. Und das ist beileibe kein Scherz, sondern bitterer Ernst, also bitteschön.

Doch das spielt jetzt keine Rolle mehr. Heute morgen haben wir unsere Kutsche vollgetankt, bis unter die Dachkante beladen, den Hund eingepackt und sind gen Süden losgefahren. In der Tasche hatten wir eine Buchungsbestätigung und den Wegbeschrieb zu einem klitzekleinen Steinhäuschen irgendwo in der Provence.

Eine Bolognaise (aus lokalen Zutaten) und ein paar Gläser Rosé später sieht die Welt schon ganz anders aus. Sogar die Zigaretten schmecken nicht gleich wie zu Hause.

Die Tomaten sind regelrecht von der Sonne getränkt worden, die Zwiebeln schmecken schon fast süss und der Knoblauch riecht einfach nur episch. Auch der Rosé, der vom Hof der Vermieter stammt, ist eine Klasse für sich.

Das geneigte Lesewesen mag sich jetzt fragen, ob der alte Nasse dermassen ferienreif ist, dass sogar der Billigst-Espresso von der Autobahntanke irgendwie nach Milano schmeckt.

Nein, meine Lieben, im Französischen Süden gibt es diese Amélie-Welt zum Teil noch, wo der Bauer jeden Morgen seine Kühe mit dem Namen anspricht, bevor er zart die Milch aus den Eutern seiner Mädels massiert. Wo der Metzger am Samstag Abend, eine halbe Stunde vor Ladenschluss, die Kunden immer noch mit dem selben Charme bedient wie am frühen Morgen in aller Frische. Wo der Schinken noch nach Landleben duftet, weil die glücklichen Säue provenzalischen Mais und hochwertige Küchenabfälle gefüttert bekamen.

Klar, es ist nicht alles Gold, was im Süden glänzt. Aber die Qualität der Lebensmittel ist hier einfach anders, besser, man spürt die Liebe der Leute zu ihren Produkten. Mit jedem Bissen und mit jedem Schluck wird man daran erinnert, dass es eine Welt abseits von Food Engineering, McDingsbums und Light-Produkten gibt.

Diese Welt ist jetzt für eine Woche unser Zuhause. Oder, um es mit Yello zu sagen:

Oh yeah!




Und wer denkt an Graubünden?

Der Herr Gaddafi, der ist ja ein Lausbub.

Zuerst liess er den Bundesmerz ein lustiges Tänzchen aufführen und lachte sich wohl den revolutionären Arsch wackelig, als er das Schweizer Medienecho darauf vorgelesen bekam. Und dann steht in der Zeitung, dass er der UNO-Vollversammlung (der Libyen nächstes Jahr übrigens vorsitzt) vorschlagen will, die Schweiz, den alten terroristischen Schurkenstaat, zu zerschlagen und auf die Nachbarländer aufzuteilen: die Deutschschweiz den Deutschen, die Frankophonen an Frankreich, das Tessin an Italien.

Gut, der Vorschlag wurde bereits zurückgezogen, weil er die die Satzung der UNO verletzt. Aber ist das nicht gar kleinlich? Weil, man muss ja zugeben: dies würde einige Probleme lösen. Das ganze strukturschwache Zeug ginge an Frankreich (die bekämen dann ja schliesslich auch Genf zum Ausgleich), die Tessiner sind eh wöhler in Italien und mit dem neuen Steuerabkommen sind wir ja sowieso irgendwie schon fast ein bisschen Deutschland. Herr Gaddafi ist hier also durchaus visionär, wenn nicht gar revolutionär. Aber das ist er ja sowieso schon, der Herr Revolutionsführer.

(Da fällt mir ein: Gaddafi sieht ein bisschen aus wie meine verstorbene Oma. Also, als sie noch gelebt hat, meine ich jetzt. Können wohl beide nix für, ausser dass sie beide ein Faible für Sonnenbrillen aus den 70ern haben. Bzw gehabt haben. Und übrigens hätte die ganze Libyen-Affäre gar nie stattgefunden, wenn wir den Bundesmerz vor seinem Besuch in Tripolis mit ein bisschen Lametta und einem lustigen Generalissimo-Hut eingekleidet hätten, weil do in Rome like the Romans do. Das aber nur ganz nebenbei.)

Blöderweise, bei allem VisioRevolutionismus, hapert es mit der Allgemeinbildung beim Herrn Führer. Weil, bei seiner klugen Raumaufteilung hat er die Bündner total vergessen. Scheisse auch. Die Daumenschraube hat sich mal so unverbindlich erkundigt, ob allenfalls Liechtenstein (noch so ein Streitpunkt) die Bündner übernehmen würden. Leider kam da schon eine Absage, man habe schon jetzt kaum genug Briefkästen für alle EinwohnerInnen und man studiere ebenfalls an einem Anschluss ans Reich herum, sie haben deshalb kein Interese am Graubünden. Auch Österreich will nicht: man habe bereits genug starrsinnige Bergler und Steinböcke finde man per se schiach, also naa und schleichts eu, seavus.

Schade eigentlich.

Eine Möglichkeit wäre natürlich, Graubünden zu einer libyschen Exklave zu machen. Mit dem vom Bundesmerz verbockten ausgehandelten Vertrag wäre das kein Problem; wir haben ja neu schon libysches Recht hier. Ausserdem, wenn man einen Bündner mit einem Bettlaken und einer Porno-Sonnenbrille ausstaffiert, dann sieht der voll aus wie ein libyscher Revolutionsführer, merkt jetzt keiner den Unterschied. Reden tun beide in unverständlichem Idiom, also bitte. Jetzt müsste man den Laden nur noch in “Grübien” umbenennen und fertig wäre der Kuchen.

Ist halt alles eine Frage der Definition. So wie bei den Geiseln: die sind neu Geschäftsleute auf Libyenbesuch, die zufälligerweise Visa-Probleme haben. Auch der Bundesmerz-Besuch ist als Erfolg zu werten, schliesslich haben wir unsere Geiseln bereits nach zwei Tagen aus dem Gefängnis gehabt, während andere Länder ihre Krankenschwestern jahrelang in Kerkern schmoren lassen – sch’gengdas.

Und so ist wohl auch Merz’ Ankündigung, er werde sein Gesicht verlieren, wenn die Geiseln (pardon: Geschäftsleute) bis am 1. September nicht zurück sind, zu verstehen: nicht als konkrete Zusage, sondern als Wunschvorstellung.




Nasse und die Kampfkunst

Aus der Reihe:

Nasse lernt kloppen


Jahaha, da staunt ihr, wa? Ich hatte ehrlich gesagt keine grosse Ahnung von dem ganzen Kram. Habe mir, ganz der Web 2.0 Cowboy, verschiedene Kampfsportarten auf YouTube reingezogen und bin immer wieder bei Aikido hängen geblieben.

Das Probetraining (mein erstes seit Jahren) hat jedenfalls schon mal ordentlich Spass gemacht. Die Leute waren easy drauf und ich wurde recht schnell in den Trainingsbetrieb integriert. Meine ungelenke Holzfäller-Masse hat zwar für den einen oder anderen Lacher gesorgt, andererseits konnte ich bereits nach einer halben Stunde meine Körperkraft deutlich besser einschätzen als die letzten gefühlten 50 Jahre. Mindestens zwei Leute haben sich noch hörbar darüber beschwert, dass ich teils schwer zu lösende Griffe tätige. Passt schon, ich will ja schliesslich Gegenleistung für mein Geld.

Summa summarum eine recht flockige Bilanz, vom Muskelkater mal abgesehen. Das Jahresabonnement jedenfalls ist so gut wie gelöst. Natürlich bleiben wir bezüglich der hiesigen Berichterstattung über Nasses Abenteuer im Kampfkunst-Dschungel dicht am Schlagstock, äh, Ball.


Bisher in Nasse lernt kloppen erschienen:
  1. Nasse und die Kampfkunst
  2. Gut gerollt
  3. Ballistische Erfahrung
  4. Leistungsindex schmerzbefreit
  5. Die Perfektion und ihr Kind
  6. Wer hätte das gedacht




Geiseln

Wo?




Kölschwasser, Schweiss und Tränen.

Nach meinem Trip an die E3 in L.A. hegte ich die stille Hoffnung, dass die gamescom in Köln etwas übersichtlicher wird. Weit gefehlt, es war mit solidem Abstand die grösste Videospiele-Expo auf dieser leicht deformierten Kugel, die Gehdistanzen brachten meine businesstauglich verpackten Füsse zum glühen.

Zum Glück konnte ich allabendlich die ausgeschwitzen Hektoliter mit Kölschen Blonden kompensieren, ohne dass mir dieses Gebräu zu fest in den Kopf gestiegen wäre. Gleiche Mengen von Schweizer Bier hätten mich gnadenlos niedergestreckt und in ein lallendes und womöglich kotzendes Monster verwandelt. Schwede hin oder her, ich war nie besonders resistent gegen die Wirkung von Alkohol.

Köln an sich ist sehr relaxed, vor allem wenn man sich vor Augen führt, dass hier eine Million bunt gemischter Menschen auf ziemlich engem Raum zusammenlebt. Ich habe in sechs Tagen Köln weniger Polizei gesehen als an einem Nachmittag in Bern. Ein Taxifahrer erklärte mir auf entsprechende Anfrage, dass man in Köln normalerweise keine der sonst so grossstadttypischen Probleme bekommt, ausser man sei ein Fan von Bayer Leverkusen. Tja, die Leute haben halt ihre Prioritäten, nicht wahr.

Und ganz wichtig: von unserem Hotel aus gesehen musste man vor dem Besuch einer Bar entscheiden ob man es lieber schwul oder normal möchte (Zitat der Ostblock-charmanten Dame an der Hotelrezeption), denn schwul ist links und normal ist rechts.

Kölle alaaf!




Kontext, Kontext, Kontext!

Aufmerksamen LeserInnen wird es nicht entgangen sein: Dschango hat ein Lieblingswort. Gut, ok, nicht nur eines, aber eines ganz besonders: sch’gengdas. Für unsere lieben Teutonen: das ist eine (bern-)schweizerdeutsche Version von “immerhin”. Wollt ich nur gesagt haben.

Nun gut. Dieser Ausdruck traf mich zum ersten Mal vor vielen Jahren, als ich ihn von Hase hörte, als Ausdruck eines gewissen Zweckoptimismus mit zynischem Unterton.

Ein Beispiel. Der Bundespräsident lässt sich von einem Öldiktator so richtig ordentlich den Arsch versohlen, die ganze Welt lacht über den “Bundesrat Nötzli” (O-Ton BlAbend von gestern), sowohl Gewaltentrennung als auch Föderalismus wurden verletzt, eine alternative Rechtsordnung, massgeschneidert für alle Lybier in der Schweiz, wurde geschaffen, aber immerhin, die Geiseln werden frei kommen. Oder sollen dies zumindest ganz bald. Sehr wahrscheinlich. Wenn wir jetzt alle ganz fest die Arschbacken zusammenkneifen und ja nichts Zweideutiges oder gar Eindeutiges Richtung Lybien schicken. Von einem Berner Beobachter (bzw einer Berner Beobachterin, war ja immerhin Hase, von der ich den Ausdruck habe) würde man jetzt furztrocken hören:

Sch’gengdas, het s’Müüsli gseit.

Soweit so gut. Aber, das fragte ich Hase sofort, aber was zur Hölle hat das Mäuschen damit zu tun? Inwiefern ist Mäuschen dazu qualifiziert, eine Aussage über den Bundespräsidenten zu machen? Leider erntete ich von Hase auch nur ratloses Kopfschütteln, das Rätsel musste ungelöst bleiben. Offenkundig fehlte hier der Kontext, der eventuell Mäuschen die Legitimation lieferte, sich zur Thematik zu äussern (und ich sage euch, Mäuschen hält nie und nimmer mit seiner Meinung hinter dem Berg). Die Causa Müüsli musste vorläufig offen bleiben, so unbefriedigend die Situation auch war. Viel, viel länger übrigens, als die Geiseln in Lybien festgehalten wurden, und der Bundespräsident hat sich in all den Jahren einen Scheissdreck drum gekümmert.

Schnellvorlauf, etwa zehn Jahre. Ich beginne einen neuen Job, finde tolle neue Arbeitskollegen und bin im Übrigen eigentlich ganz wohl in meiner Haut. Die Müüsli-Geschichte habe ich zwar nicht vergessen, wohl aber in einen Teil meines Fühlens und Denkens verbannt, der im allgemeinen Rauschen untergeht. Ich diskutiere also eines schönen Tages mit meinen neuen Kumpels irgendwas Geschäftskritisches und auf einmal sagt der eine Kolleg:

Sch’gengdas…

Ich steige da natürlich voll mit ein:

…het s’Müüsli gseit

Und – jetzt kommt es! – da gibt der wie aus der Pistole geschossen zurück:

… wo’s is Meer bislet het.

Und plötzlich tat sich mir eine Welt auf. Plötzlich konnte ich nachfühlen, was Leute meinen, wenn sie sagen, sie hätten Erleuchtung gefunden. Auf einmal sah ich klar und deutlich, was Müüsli für eine Rolle in der Weltgeschichte spielte, wusste mit absoluter Sicherheit, ja, Müüsli hat etwas zu sagen. Müüsli ist teh shizzle!

Wir lernen also: Kontext ist Trumpf. Ohne Kontext hängt auch – sogar! – Müüsli nur lustlos im Raum herum und weiss sich nicht recht zu helfen. Also: mehr Kontext braucht das Land!

Ich hoffe sehr, dass auch Roger Köppel diesen Artikel liest. Gestern haben wir nämlich aus irgendeinem Grund eine Weltwoche im Briefkasten gehabt – fragt mich nicht, es geschah ohne jegliches aktives Zutun von unserer Seite. Nachdem ich den Briefkasten desinfiziert (übrigens, das passt gerade schön zur Schweinegrippe: es heisst nicht ‘desinfiszieren’, auch wenn man das immer wieder in Film, Funk und Fernsehen hört, das Substantiv schreibt sich ja auch nicht ‘Desinfekstion’, ihr Knüllen) und mir Gummihandschuhe übergezogen habe, entschloss ich mich dann, dieses Blatt mal wieder anzuschauen und las das Editorial vom Schefredaktör aufmerksam durch. Herr Köppel referiert da über den Zweiten Weltkrieg und nachdem ich die ganze Seite noch ein zweites Mal gelesen habe, merkte ich, was der Herr Köppel vergessen hatte: den Kontext, der den Text nicht nur lesbar gemacht hätte, sondern ihn auch mit einem gewissen Informationsgehalt hätte aufwerten können. Ich weiss nämlich immer noch nicht, was mir der Herr Köppel eigentlich genau sagen wollte mit seinem Editorial.

Herr Köppel wäre gut beraten, sich am Müüsli ein Beispiel zu nehmen.




Von Memmen, Mönchen und Mongolen

Ich kurvte also mit meinem klimafreundlichen Wohnwagen durch das Mittelland und versuchte, der sesshaften Bevölkerung meinen Tand zu überrissenen Preisen anzudrehen, auf einmal steht da so ein pubertierender Mittelstandsknilch vor mir und meint: “Ey, Dschango, was is eigentlich mit deinem Blog los?”

Verdammte Scheisse. Der Blog!

Kann ja schon mal passieren, bei der Hitze, dass man etwas aus dem Tritt gerät. Und bei mir geht ab 30° genau überhaupt nix mehr; bin dann schon genug damit beschäftigt, nicht an allen möglichen Flächen kleben zu bleiben.

Letzthin habe ich übrigens Cutthroat Capitalism: The Game gespielt. Das Game geht ziemlich bald auf den Sack, aber die Kommentare sind der Hit. Schon witzig, wie ein simples Game, bei dem man verschiedenfarbige Punkte auf einer stilisierten Landkarte herumschiebt, der Anlass zu einer leidenschaftlich geführten Diskussion darüber sein kann, ob der Kapitalismus nun ein Segen oder ein Fluch für die Menschheit ist. Und ob das, was wir unter “Kapitalismus” verstehen, nun tatsächlich der “Wahre Kapitalismus” (TM) sei.

Ja, und apropos verschobene Weltsicht: Campino, Sänger der Toten Hosen und eigentlich ein ganz sympathischer Zeitgenosse, liess neulich verlauten, seine Band verweigere den Auftritt am Jonschwil Festival, weil dessen Organisator MItglied der SVP sei. Verstehe ich ja schon irgendwie, weil SVP und Punkopas, das will einfach nicht so recht zusammenpassen. Schon eigenartig aber, wie verengt der politische Blick sein kann: hier wird gegen eine rechtsbürgerliche Partei Flagge gezeigt, dort hing das Wahlposter von Jimi Hofer, mittlerweile Mitglied der stadträtlichen SVP-Fraktion, lange Zeit im Backstage-Bereich der Hosen. Ist halt nicht so einfach, das Schweizer Politsystem, da ist man ganz froh um eindeutige Labels (SVP=bös, alles andere=lieb). Mittlerweile hat man sich bei den Hosen auch eines anderen besonnen und sie haben dann trotzdem in Jonschwil gespielt, SVP hin oder her. Sicher bloss, um die armen Fans nicht zu enttäuschen.

Das ist ja so wie beim Dalai Lama. Da zahlen ganz viele Leute ganz viel Geld, um einen Mönch anschauen zu gehen. Sogar die erzkatholische Nationalratspräsidentin eilt hin, um dem Lama den Hintern zu küssen. Natürlich nur symbolisch. Ein paar Leute sind dann sogar beim Mönch zum Tee eingeladen, wo er ganz lange, ganz viele Sachen sagt, die aber nur zu höchstens 80% verständlich beziehungsweise als eigentliche Sprache zu verstehen sind. Das hat dann den Vorteil, dass man sich die Zwischenräume frei füllen (bzw sie ausblenden) kann. Da spielt es dann auch gar keine Rolle mehr, dass der olle Lama eine im Grunde genommen höchst patriarchalische, frauenfeindliche und erzreaktionäre Weltsicht vertritt – wer dauernd so süss bekifft rumgrinst, kann doch gar kein schlechter Mensch sein. Ausserdem wird er als “Seine Heiligkeit” angesprochen, also muss er weise sein.

Ja, übrigens, da kam auch mal was am TV, ein Bericht über einen Bauern, der seine Rüebli nach vedischen Grundsätzen anbaut. Stört nicht, macht keinen Lärm und Kinder werden auch nicht misshandelt dabei, also von mir aus. Bemerkenswert fand ich aber seine Antwort auf die Feststellung, dass seine Methode bei einigen Leuten als Scharlatanerie gelte, worauf er überzeugend wie folgt argumentierte (aus dem Gedächtnis zitiert):

Also, ‘vedisch’ kommt ja von den Veden. Und ‘Veden’, das heisst ja ‘Weisheit’. Die Veden sind also eine Sammlung uralter Weisheit – das kann also gar keine Scharlatanerie sein.

Ja eben, die Bibel ist das Wort Gottes, weil, das steht ja schon so in der Bibel, ne?

Wo wir bei Dummbatz sprechenden Glatzköpfen angelangt sind: der Herr Kuhn, da der Stöckelschuh-Fetischist, Ästhetik-Experte, Russland/DomRep-Honorarkonsul im Geiste und gewesene SVP-Politiker, zeigt sich pikiert darüber, dass er mit “Fäkalien verschmierte Briefe” als Reaktion auf seine persönliche Abrechnung mit Frauen, die ihn ignorieren, erhalten habe. Schon nicht nett, sehe ich ein. Prall gefüllte Kotztüten hätten von wesentlich mehr Stil und auch von mehr politischem Feingefühl gezeugt.

Und letzte Woche, da sass ich im Zug von Zureich nach Bern, da war die Hölle los. Eine Horde mongolischer Barbaren stürmte hoch zu Ross durch den Waggon, plünderte und brandschatzte alles, was nicht niet- und nagelfest war. Nein, es waren nicht italienische Reisegruppen, sondern die zwei Kinder einer vor lauter Verständnis am Rande des Zusammenbruch stehenden Mutter. Nunja, statt dass die Mutter (immerhin eine Mittdreissigerin, das “zu jung”-Argument griff hier also nicht wirklich) zumindest den Versuch unternahm, ihre Teufelsbrut einigermassen in den Griff zu bekommen, schlurfte sie mit Büssermiene durch den ganzen Waggon, blieb vor jedem Abteil stehen und entschuldigte sich bei allen Reisenden persönlich für ihre “viel zu lauten” Kinder. Ich hab ihr dann gesagt, wenn sie zu sehr nervten, würde ich sie sonst aus dem Zug schmeissen und über ihre Reaktion habe ich mich gewundert: zwar hat sie offensichtlich gemeint, das wäre bloss ein Witz von mir gewesen, trotzdem spürte ich in ihrem Lachen eine Spur von “oh wenn es doch nur so wäre…”.

Sie tat mir schon ein bisschen leid.




Köln, isch komme.

Ja ja, das Vertreterleben. Nun zieht es mich an die Gamescom in Köln, damit ich dort meinen Brötchengeber gebührend vertreten kann. Ich freue mich auf viele neue Eindrücke von der digitalen Spielefront und natürlich hie und da ein kühles Kölsch am Abend. Es soll diese Woche ziemlich heiss werden, da tut das sicherlich not.

Die werte Leserschaft hört dann spätestens nächste Woche wieder von mir.

Macht es jut, haut rein und bleibt tight.




Am Kragen gepackt

Uiuiui, Herr Vasella, die letzten Wochen müssen die Hölle gewesen sein. Ich mag eigentlich niemandem gönnen, was Sie erlebt haben, die Attacken waren teils wirklich niederträchtig.

Es gibt aber auch eine andere Seite der Medaille. Zum Beispiel stehen Leute wie Sie auch für einen sehr pervertierten Aspekt unserer Medizin, vielleicht sogar der ganzen Wirtschaft.

Die Gesundheitsindustrie soll gefälligst den Menschen dienen und die Rechte der Tiere endlich wahrnehmen, bedingungslos und damit basta! Es gibt keine Alternative, keinen Zwischenweg, keine differenzierte Lösung. Das Gesundheitswesen gehört nicht in die Hände von irgendwelchen reichen Piraten, die als erstes an ihren Profit denken und die Grundrechte von Menschen und Tieren missachten.

Sie, Herr Vasella, stehen für einen Stereotyp, der irgendwann ausgedient hat. Sie sind sozusagen ein Auslaufmodell. Diese reichen Säcke, die unnahbar hinter dicken Mauern an Zentralschweizer Seen hausen, habe ich spätestens seit der Finanzkrise wirklich reichlich satt. Kein Gramm Unrechtsbewusstsein, quasi keine Lernkurve und dann den traurigen Hundeblick machen, weil das Ferienhaus angezündet wurde. Da bekomme ich echt Schübe.

Ich habe das untrügliche Gefühl, Herr Vasella, dass Sie und ihresgleichen sich warm anziehen sollten…




Mission Aga

Nachdem sich mein lieber Freund Nasse das eine oder andere Mal doch eher kritisch über das Land ennet dem grossen Teich geäussert hat (siehe hier, hier und auch da), habe ich mich entschlossen, die vorgebrachten Kritikpunkte vor Ort einer näheren Inspektion zu unterziehen. Da kann ja jeder erzählen…

Deshalb: Flug gebucht, Reiselaune aktiviert und ab mit der Aga auf grosse USA Reise.

In diesem Sinne Orövuar…oder so!




My house is MY fucking house

Die USA haben wieder mal einen Rassismus/Polizeiwillkür/Vorurteils-Zwischenfall zu beklagen. Zwar wurde dem afro-amerikanischen Harvard-Professor H.L. Gates Jr. ausnahmsweise mal nicht das Fressbett mit dem Polizeiknüppel poliert, aber eine Festnahme mit Handschellen musste es schon sein. Schliesslich hat der kleine, schwarze Mann dem grossen, weissen Polizisten die Meinung gesagt, und das mögen amerikanische Polizisten nicht, besonders wenn sie gross und weiss sind. God bless America, fuck yeah!

Toll fand ich, dass der berühmte Herr Obama darauf die Polizeiaktion als dumm bezeichnete, auch wenn er im Nachhinein seine Wortwahl etwas entschärft hat. Entschuldigt hat er sich nicht, obwohl verschiedene US-Polizeiverbände dies forderten, und das ist auch gut so.

Persönlich habe ich viel Verständnis für den Unmut, den Herrn Gates angesichts des dummen Polizisten befallen hat. Wer lässt sich schon gerne im eigenen Haus dissen, nachdem man den Nachweis des Besitzes erbracht hat. Klar, es braucht immer zwei, damit es knallt. Aber wenn ich in meinem eigenen Haus bin, dann lasse ich mir auch nicht gerne auf den Füssen rumtreten, schon gar nicht von der Bullizei, Rechtsstaat hin oder her.

Die Daumenschraube für Vorverurteilung und Merkbefreitheit aber geht an die liebe, alte, weisse Nachbarin von Herrn Gates, die zwei dunkle Gentlemen an der Türe seines Hauses rumfummeln sah und darauf die Cops anrief. Schade nur, dass es sich eben um den Herrn Gates mitsamt Kollegen handelte. Vielleicht würde hier ein wenig Socialising unter Nachbarn helfen, damit man die Leute auch spätabends wieder erkennt. Man könnte auch nachfragen, aber dafür hatte die alte Dame wohl zu viel Schiss vor dunklen Menschen nach Sonnenuntergang.

Anfang Juni, als ich in L.A. war, hatte ich Kontakt mit einer netten jungen Dame aus der Gegend der grossen Seen (Illinois). Die erklärte mir, dass gerate ältere Generationen in den USA oftmals ein quasi genetisches Rassismusproblem hätten. In diesem Fall haben wir hier vermutlich einen Treffer voll ins Schwarze, regelrecht wortwörtlich.




Silo8: leider doch nur ein Deppen-Apostroph

Kollega Hymnos ist schier begeistert, Tausende pilgern vier Nächte pro Woche ins Nebelloch der Schweiz, wahrscheinlich dem ganzen verdammten Land gefällt es, bloss der Dschango, die olle Unke, der findet es mal wieder nur soso-lala: das Jubiläumsprogramm von Karl’s Kühne Gassenschau, genannt ‘Silo8‘.

Zuerst mal das Freundliche vorweg, dann haben wir das hinter uns. Höchst positiv aufgefallen sind mir (in eher typo-ästhetischer Reihenfolge):

  • die Explosionen am Schluss
  • die DarstellerInnen
  • das Bühnenbild
  • die Band

Die Leute haben Vollgas gegeben und ihre Rollen mit Verve gespielt. Das grotesk-absurde Element wurde konsequent und vollendet durchgezogen, die Gesangseinlage von Frau Ida war schier berauschend. Beeindruckt haben mich auch die technische Infrastruktur, die hinter so einer Produktion stehen muss, sowie die Techies, die all das Zeug bedienen. Gott helfe uns und ihnen, damit das folgende, von einer endblonden Teenie-Frau hinter mir, am Ende des Stücks (sehr) laut gedachte Szenario nie eintrete:

Iiiiihhh… we die mau uf die fauschi Siite kippä…!!

Nein, ich spoile nicht. Geht hin und seht es euch an, wenn ihr mitlachen wollt.

Item.

Ich denke, mein Hauptproblem war eine falsche Vorstellung davon, was mich erwarten sollte. Ich habe mir Trash vorgestellt, Underground, BlutScheisseTränenFeuerAkrobatik, sowas in der Art. Der Deppen-Apostroph war für mich Signal für Anarchie und Wahnsinn, für Chaos und Burlesk! Und stattdessen?

Der grosse Ablöscher begann für mich ja schon ganz am Anfang, als ich aufs Areal trat. Das bin jetzt sicher auch nur wieder ich, aber wenn es etwas gibt, was mir sowas von auf den Sack geht, sind es die ganzen verfluchten Event-Zonen. Da diese Frissmich-Trinkmich-Kaufmich-SchenkmirdeineAufmerksamkeit-Meilen, die ihre Ursprünge wohl auf irgendeinem versifften Open Air im letzten Jahrtausend haben. Anmerken muss ich ja, dass die ganzen 1200 (man korrigiere mich, wenn ich hier falsch liege) Personen absolut smooth und schmerzlos abgefüttert wurden: unseren – durchaus leckereren – Abendhappen hatten wir, trotz langer Warteschlange, innert weniger Minuten.

Hat sich niemand über die Zahl da oben gewundert? Ja, ist schon ein Haufen Leute. So richtig bewusst wurde mir das, als ich ins Vorstellungs-Areal eintrat und in die Runde blickte. Ebenfalls bewusst wurde mir in diesem Moment, dass es schlicht nicht möglich ist, tatsächlich Underground zu bleiben, wenn man an rund 80 (?) Abenden 1200 Leute ins Theater holen will.

Und das ist wohl das Problem: das Stück gibt sich zwar laut und dreckig und total schrill, in Tat und Wahrheit ist es aber nichts mehr als Trash Light, gerade so viel, dass das Grosi noch ein bisschen rot wird, aber ja nicht so viel, dass es wirklich jemandem umsgottswill weh tun könnte. Der obligate, zehnmillisekündige Schnäbiblitzer wäre da ein Beispiel. Die Gags sind selten unvorhersehbar, nie wirklich originell, orientieren sich an klassischem Slapstick, nur halt mit viel, viel mehr Gadgets.

Am besten waren die Kärle dann, wenn sie die Sau rauslassen konnten. Umso quälender waren dann die “poetischen” Momente. Im Grunde genommen weiss ich ja schon, dass es mir jetzt dann gleich die Fussnägel hochrollen wird, wenn ich das Wort “poetisch” höre/lese/denke: was danach kommt, dient in aller Regel dazu, Emotionen im Fast Food-Verfahren an die Leute zu bringen. Möglichst auffällig verpackt, mit möglichst wenig Nähr- oder Ballaststoffen, viel Zucker und Zuckeraustauschstoffe, schnell produziert, schnell geliefert, schnell verzehrt, schnell verdaut. Und so lief es dann auch jeweils ab. Die vorne wussten, auf welche Dur- oder Moll-Knöpfe sie in welcher Reihenfolge drücken mussten, das Publikum dankte es durch braves Abspulen der eigenen Emotionsrolle. Bin sicher auch nur wieder ich, aber ich kann mit der zuckersüssen Samstagabend-Romantik halt nichts anfangen. Klebt mir das Hirn von.

To-tal was anderes, aber artverwandt: was ist das eigentlich für eine komplett verblödete Unsitte da mit der Klatscherei? Früher, da gab es sowas, das nannten wir damals ‘Applaus’: ein komplett unkoordiniertes Durcheinander von Klatschgeräuschen, ausgelöst von dem in reinster Form autonomen Zusammenschlagen von vielen, immer aber ausschliesslich individuell koordinierten Handpaaren. Das konnte schon mal einen ganz schönen Lärm machen! Ausserdem gab es Nuancen: es gab den verhaltenen Applaus, den Verlegenheits-Applaus, den frenetischen Applaus, den brausenden… und heute? Alle synchron: *KLATSCH!!-KLATSCH!!-KLATSCH!!-KLATSCH!!*, wie damals, als der Führer noch gelebt hat. Oder als ob die alle auf Valium und per Elektroschocks ferngesteuert wären. Kann es für einen Schauspieler etwas Frustrierenderes geben, als wenn du völlig ausgekotzt da vorne stehst und dir gegenüber sitzen 1200 Applaus-Faschisten, die den Mussolini klatschen? OK, 1200 minus ich und den paar Rhythmospasten im Publikum… was die Sache auch nicht besser machte.

Und am Schluss merkten wir, dass wir von 1200 ZuschauerInnen mit einem Grüppchen von vielleicht… 30? 50? weiteren Nasen die einzigen waren, die mit dem ÖV da hoch kamen. Und das bei Gratis-Shuttle, optimalen Zugs-Anbindungen und allem Pipapo. Eine endlose Schlange von Autos jeglicher Bauart, die bunte Wahrzeichen aller möglichen Kantone trugen, fuhr im Schritttempo durch Olten, heimwärts. Und dieses Spiel jeden Abend, an dem Silo8 spielt. Das war dann der Zeitpunkt, wo ich mich im Jahre 1990 wähnte, weit weg von Finanz-, Klima- und Energiekrisen. In Happy Olten scheinen diese auf jeden Fall noch nicht angekommen zu sein.

Gut, für ihr bescheuertes Publikum können die Kärle nun wirklich nichts.