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Mission Aga

Nachdem sich mein lieber Freund Nasse das eine oder andere Mal doch eher kritisch über das Land ennet dem grossen Teich geäussert hat (siehe hier, hier und auch da), habe ich mich entschlossen, die vorgebrachten Kritikpunkte vor Ort einer näheren Inspektion zu unterziehen. Da kann ja jeder erzählen…

Deshalb: Flug gebucht, Reiselaune aktiviert und ab mit der Aga auf grosse USA Reise.

In diesem Sinne Orövuar…oder so!




Fear And Loathing In Los Angeles

Eigentlich wollte ich ganz elegant und gekonnt von meinem halbgeschaeftlichen Trip nach L.A. berichten. Da gibt es aber zwei kleine Probleme. Zum einen habe ich das Netzteil meines Notebooks zu Hause vergessen und habe noch fuer ca. 30 Minuten Batteriestrom. Den brauche ich fuer das Halbgeschaeftliche. Darum schreibe ich hier auf einer Ami-Tastatur die bekanntlich keine Umlaute hat. Halb so schlimm, sieht halt etwas haesslich aus. Henusode.

Das zweite Problem: diese Stadt suckt, und zwar gewaltig. Es gibt hier aber auch rein gar nichts, was mich schon nur ansatzweise begeistern wuerde. Gute Burger wie die im Eisenbahnwaggon-Beizli am Sunset Boulevard kann ich auch zu Hause machen, die schmecken etwa gleich gut. Kommt noch dazu, dass meine heimischen Burger mit wesentlich mehr Liebe gemacht sind.

Weitere Beispiele gefaellig? Flaschenwasser fuer 1.50$ pro halbem Liter schmeckt genau wie das Leitungswasser uebelst nach Chlor. Der bezahlbare Frass ist groesstenteils nicht zu ertragen. Die Frauen sind entweder uniform aufgetakelt und scheinen alle das gleiche Parfum zu benutzen, oder aber sie sind einfach nur fett und haesslich. Oberflaechlich sind sie eh alle. Es gibt fast nirgends guten Kaffee. Die Bullen sind so etwas von stressig drauf. Es scheint wirklich kein Ende zu nehmen. Gluecklicherwise ist das Hotel ganz nett…

Fazit: L.A. ist mit Abstand die beschissenste Stadt, die ich bisher gesehen habe. Habe mich selten so fest darauf gefreut, nach Hause zu kommen. Echt jetzt…




Leseoffensive zum Wochenende

Das Wochenende steht vor der Tür, es hudlet und luftet wie blöd. Nächste Woche ist Abstimmungs- und Wahlsonntag, beides geht mir schon sowas von auf den Keks. Zur Unfähigkeit von BärenBabsi ist alles gesagt, zur Lachnummer auf der Harley ebenfalls. Auch auf der SVP herumtrampeln macht mir momentan wenig Freude – da diese Partei bald mehr Bundesratskandidaten als WählerInnen hat, was soll ich hier denn noch Lustiges beitragen?

Politikverdrossenheit? Schnauze voll vom miesen Wetter? Warum nicht mal wieder ein gutes Buch in die Hand nehmen, sich mit dem Hasen im Bau verstecken und dort mal dem einen, mal dem anderen frönen?

Deshalb hier meine aktuellen Leseempfehlungen aufs Wochenende:


R. D. Precht: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Ja, ich weiss, der Titel dieses Buches könnte von mir stammen. Tut er aber nicht. Leider, einerseits, weil wer fände es schon nicht toll, wenn ein Titel von einem (ein guter noch dazu!) auf ein Buch gedruckt würde? Zum Glück, andererseits, weil sein eigenes Buch unter Pseudonym zu rezensieren, das wäre jetzt sogar für mich ein kleines bisschen zu narzisstisch.

Darum gehts hier jetzt aber überhaupt nicht. Stattdesssen möchte ich der werten LeserInnenschaft, die philosophisch interessiert ist, dieses höchst amüsante und spannende Buch ans Herz legen. Zwar ist es eine Übersicht über die Philosophie, im Gegensatz zu den bisher erhältlichen Büchern zu diesem Thema ist es aber weder eine knochentrockene Abhandlung der verschiedenen Denkschulen und Ismen, noch ein Bombardement von Fakten, das die Lust am eigenen Denken schon im Keim erstickt. Stattdessen kommt es in einer humorvollen, verständigen Sprache daher und richtet sich ganz am konkreten Leben aus: Was ist Wahrheit? Woher weiss ich, wer ich bin? Nicht dass das Buch kugelsichere Antworten auf diese Fragen liefern würde, aber es gibt die richtigen Impulse, um selbst weiter zu denken.

Der Autor führt uns in einer Art philosophischer Weltreise durch die verschiedenen Orte, an denen Philosophie gemacht wurde, verknüpft immer den Titel des jeweiligen Kapitels mit dem Ort, der Person und der Zeit, die auf die jeweilige Frage eine Antwort gefunden zu haben glaubte. Auf diese Weise schafft er es, die zum Teil sehr anspruchsvollen Denksysteme anschaulich darzustellen.

Dschango-Prädikat: Unbedingt empfehlenswert!


Naomi Wolf: Wie zerstört man eine Demokratie – Das 10-Punkte-Programm

Die Autorin geht in ihrem Buch der Frage nach, was es braucht, damit eine Regierung ein Land von einer Demokratie in eine Diktatur verwandeln kann. Sie schildert dies mit einem Brief an einen Freund, in dem sie beschreibt, wie fragil einerseits das ist, was wir als ‘Demokratie’ bezeichnen und wieviel Aufmerksamkeit es von jeder Demokratin, jedem Demokraten auch und besonders heute braucht, damit die Errungenschaften, die unsere Vorfahren mit Blut und Geld erkämpft haben, nicht von billigen Populismen über den Haufen geworfen werden.

Hui, was für ein Satz…

Das 10-Punkte-Programm, wie es Wolf beschreibt, wurde in der Vergangenheit von beinahe jeder Diktatur angewendet. In den USA wurden in der Vergangenheit offenbar sogar angehende südamerikanische Diktatoren gezielt darin ausgebildet, ihre Bevölkerung mit diesen zehn Punkten unter die Knute zu zwingen.

Ja, das Buch ist aus einer sehr USAmerikanischen Warte aus geschrieben und die ständigen Lobreden auf die bestmögliche Demokratie ennet dem grossen Teich wirkt auf europäische Gehirne wohl etwas… naja, naiv vielleicht. Trotzdem hat, was Wolf zu sagen hat, durchaus auch bei uns Gültigkeit. Die Strategien und Techniken, die autoritäre Regimes anwenden, um eine freiheitliche Gesellschaft in Unterdrückung und Angst zu führen, sind während Jahrhunderten erprobt und bewährt und es wäre verwegen zu behaupten, dass solches bei uns nicht möglich wäre.

Bemerkenswert ist Wolfs Einsicht, dass die meisten Diktaturen keineswegs mit gewalttätigen Aktionen an die Macht gekommen sind. In den meisten Fällen liessen sich Diktatoren demokratisch wählen, zumindest aber juristisch legitimieren. Eine Diktatur entsteht nie über Nacht, indem man plötzlich die Stiefeltritte uniformierter Schergen im Treppenhaus hört. Stattdessen ist es ein langsamer, beinahe unmerklicher Prozess, der das Volk soweit bringt, zum Schluss dankbar zu seinem Metzger zu laufen.

Ein wichtiger Appell an das Demokratieverständnis jedes Einzelnen.

Dschango-Prädikat: Sollte beim Erreichen des Stimmrechtsalters Pflichtlektüre sein.

So, genug von all dem klugen Zeugs, hier noch ein bisschen Belletristik:


T.C. Boyle: Zähne und Klauen

Boyle begleitet mich schon seit bald 20 Jahren, war sogar mal mein absoluter Lieblingsautor (“America” war eine Offenbarung). Diesen Status musste er zwar leider abgeben (es wird ihn bitter reuen), noch immer aber schreibt er durchaus lesenswert.

Die Kurzgeschichtensammlung “Zähne und Klauen” beschreibt den Menschen als Spielball zwischen Ratio und Trieb, zwischen Dekadenz und Infantilität, zwischen Sinn und Unsinn. Seine Helden sind Säufer, Aussteiger und durchgeknallte Verlierer der Gesellschaft. Absurde Situationen treffen auf absurde Figuren, oder umgekehrt, je nachdem. Und Boyle schafft es, dass wir auch die grössten Deppen dafür bewundern, wie sie es schaffen, ihr seltsames Leben zu leben.

Dies ist sicherlich eines der grössten Talente von Boyle: man schliesst seine Figuren ins Herz. Boyle trifft, vor allem in seinen Kurzgeschichten, genau den Ton, genau die Balance zwischen Witz und Intellekt, die dazu führen, dass man sein als “Zwüschedüre”-Literatur geplantes Buch in wenigen Stunden wegliest. Die Boyleschen Verlierer machen süchtig, genauso wie sein süffiger, immer mit einem spitzbübischen Grinsen versehener Stil. Zynismus seinen Figuren gegenüber ist Boyle fern und es ist genau dieses Liebevolle, das ihn in meinen Augen zu einem der grössten seiner Zeit macht.

Dschango-Prädikat: Nicht nur fürs Nachttischli geeignet.


Sven Regener: der kleine Bruder

Ja, der Herr Lehmann ist wieder da! Das dünne Büchlein enttäuscht zwar vom Umfang her (seit ‘Neue Vahr Süd’ sind meine Standards gestiegen), aber trotzdem: ein höchst vergnügliches Lesewerk hat der Herr Regener da wieder abgeliefert.

Das Buch spielt zwischen ‘Herr Lehmann’ und ‘Neue Vahr Süd’. Frank Lehmann wurde gerade aus der Bundeswehr entlassen und fährt mit seinem Punk-Kumpel Wolli ins Berlin paar Jahre vor dem Mauerfall, um da zu seinem Bruder Manni zu ziehen. Regener führt uns durch den Alltag der Hausbesetzer- und Anarcho-Szene in Berlin, ihre Auseinandersetzungen, ihre (faulen) Kompromisse, letztlich auch ihr Scheitern vor dem real existierenden Kapitalismus.

Ja, das Buch ist zum Brüllen lustig. Kaum eine Seite, auf der ich nicht in lautes Lachen ausgebrochen bin. Die Figur Frank Lehmann oszilliert ständig zwischen Naivität und Weltgewandtheit, stösst als Landei in Berlin zwar dauernd auf Mitleid, entpuppt sich aber, wenn es wirklich hart auf hart kommt, durchaus als der einzige, der einigermassen seine Hirnzellen zusammenreissen kann.

‘Der kleine Bruder’ ist einerseits ein Lobgesang auf ein Leben abseits aller Konventionen, andererseits auch dessen Schwanengesang, weil auch der autonomste Kapuzenjackenträger über kurz oder lang von der Gesellschaft abhängig ist, gegen die er, am liebsten unter Mamis Rock hervor, revoltiert.

Hase hat das Buch auch gelesen und fand es nur “soso, lala”. Es ist irgendwie ein Männerbuch, ja. Es beschreibt die seltsamen Rituale von XY-Trägern, ihre eigenartige Logik, ihr befremdliches Paarungsverhalten und ihre noch viel befremdlicheren Initiationsriten. Es entlarvt uns Männer (vor allem diejenigen, die sich gerne als links, anarchistisch, autonom und/oder feministisch sehen) als weinerliche Testosteronhaufen, die den Schwanz wortwörtlich einklemmen, sobald das eigene Weltbild ins Wanken gerät.

Vielleicht ist das Lesevergnügen für Frauen nicht so gewährleistet. Wenn man aber als Mann zwischen 18 und 25 Jahren in alternativen Szenen aufgewachsen ist und sich auch im hohen Alter noch nicht vollständig vom Geruch von Freiheit, Tränengas und Bierdunst lösen kann, erkennt man sich und seine damalige Umwelt auf jeder Seite wieder. Frank Lehmann ist so, wie ich mich zu sein erinnern glaube, und ich denke, das geht jedem so, der eine ähnliche Biografie hat.

Einziger Kritikpunkt: ZU KURZ, VERDAMMT!

Dschango-Prädikat: Ja, wie jetzt? Muss doch sein, oder?