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Mein Leben in der Schweiz

Das geneigte Lesewesen hat sich bestimmt schon gewundert: Wie zum Geier kommt ein vormals Holz hackender Hüne aus dem dicht bewaldeten und dünn besiedelten Nordschweden in die Schweiz? Natürlich mit dem Flugzeug. Aber warum bloss? Wegen der Liebe, natürlich. Und, um ganz ehrlich zu sein (Schweden halten das weltweite Patent für gnadenlos ehrliche Aussagen), auch ein wenig wegen den Moneten und der allgemein sehr hohen Lebensqualität. Nirgendwo sonst bekommt man für seine – unter gepflegtem Jammern abgegebenen – Steuern so viel Infrastruktur wie in der Schweiz. Der schwedische Staat nimmt ja wie ein fehlgeleiteter Geldmagnet rund die Hälfte allen Einkommens, bevor es auch nur in die Nähe eines Lohnkontos gelangt ist, kostenlose Arztbesuche hin oder her.

In der Schweiz hingegen: Die Gemeinden übertreffen sich mit Steuersenkungen, der öffentliche Verkehr ist ein Traum, die Landschaft oftmals schrecklich schön und die Gehsteige, pardon, Trottoirs, werden jeden Tag mehrfach feucht gereinigt und am am Abend wieder eingeklappt. Die Eingeborenen sind meistens auch sehr nett, besonders nachdem sie sich vergewissert haben, dass man Arbeit hat und ihnen als Zugewanderter nicht ans Eingemachte will. Was wünscht man mehr? Kurzum: ich fühle mich hier pudelwohl und denke nicht daran, in die waldigen Weiten meiner schönen Heimat zurückzukehren. Gibt dort oben halt auch ein paar Holzköpfe, und bei der geringen Bevölkerungsdichte kennt man die Deppen meistens sogar noch. Und wieder in die holzverarbeitende Industrie Nordschwedens eintreten? Denkste! Mir macht mein Leben in der Schweiz entschieden zu viel Spass.

Als assimilierter – und mit Schweizer Spitzfindigkeiten mittlerweile recht vertrauter – Skandinavier erlaube ich mir einen Blick auf meine neue Heimat, der gewissermassen von aussen kommt, somit auf eine gewisse Frische und Unvoreingenommenheit hoffen lässt. Gut, das war jetzt vielleicht ein bisschen zu optimistisch, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Als kulturell und gesellschaftlich interessierter und ziemlich aktiver Typ bekomme ich ja die eine oder andere Zwischenmenschlichkeit mit, was mich öfters mal zum Nachdenken anregt. Ich betrachte mich auf dem Gebiet als Studierender und Beobachter mit einem gutem Fensterplatz auf Lebenszeit. Das alltägliche und fälschlicherweise als “normal” bezeichnete Leben gibt ja beileibe genug Stoff für absurde Geschichten her.

Als ich in die Schweiz kam, war ich Anfangs schon ein bisschen irritiert über dieses Nebeneinander von wildem Brauchtum und manischem Ordnungssinn. Natürlich hat mich mein bisheriger Aufenthalt in dieser schmucken Schweiz auch geschliffen und geformt, denn ich bin anpassungswillig und würde mich als äusserst integriert bezeichnen. Zumindest habe ich immer Arbeit und kann mich über absolute Nichtigkeiten aufregen und ein Gesetz dagegen fordern, ohne mir selbst peinlich zu sein. Ich glaube das ist so etwas wie der Ritterschlag im Bezug auf die deutschschweizer Mentalität, von der Bedeutung her ähnlich gewichtig wie Barbecue mit den Nachbarn für Kanadier und Australier.

Natürlich gibt es im Land von Christoph Blocher und Jean Ziegler noch mehr als unglaublich hohe Subventionen für Landschaftspfleger und eine furchtbar gut funktionierende soziale Kontrolle, ganz klar. Zum Beispiel aus allen Nähten platzende Banken, die mit komischen Produkten hantieren, die sauteuer sind und die ich als Durchschnittsverbraucher überhaupt nicht kapiere. Gut, nicht mehr alle Banken platzen aus allen Nähten, irgendwie hat sich das Bild jüngst etwas gewandelt, irgendwie.

Etwas aber hat mich äusserst verwirrt, mehr noch als die grelle Gratiszeitung, in der es stand: Der akute Mangel an Polizeikräften, eine ganz besondere Anekdote, wie ich finde. Den Menschen in diesem Land geht es so gut, dass die wenigsten den Mumm oder die existenzielle Not haben, zur Polizei zu gehen, man stelle sich das mal vor. In Schweden kann man in gewissen Regionen fast nur beim Staat arbeiten, wenn man einigermassen über die Runden kommen will. Da geht der eine oder andere schon mal zur Polizei. Hierzulande ganz offensichtlich nicht. Das könnte daran liegen, dass die Schweiz proportional zur Bevölkerung die höchste Dichte an Sadomaso-Praxen weltweit hat (habe ich irgendwo in einem Käseblatt gelesen und nicht überprüft, nebenbei gesagt). Solche Etablissements nennt man hierzulande lustigerweise ganz schnuckelig “Salon”. Kein Wunder gehen die Jungs so arglos dorthin, bei dem verharmlosenden Wort. Jedenfalls bekommen die robusten Einheimischen in solchen Schüppen ihr Fett offenbar dermassen weg, dass sie irgendwelchen Diktatoren und Massenmördern Vermögensberatung in den diskretesten Tönen angedeihen lassen können, ohne gleich auf den Boden kotzen zu müssen. Oder im Winter den ganzen Tag lang besoffenen Deutschen und Holländern auf die Skilifte zu helfen, ganz ohne feierabendlichen Amoklauf mit Suizid zum Nachtisch, pardon, Dessert. Oder schubweise und mehrmals pro Jahr stundenlang unter einer Kuppel aus Bronze irgendwelche unverständlichen Sachen ausdiskutieren, das ganze in drei (drei!!!) Sprachen. Muss man sich ja erst mal vorstellen können, gell? In anderen Ländern gehen Perverse und Unterdrückte immer zur Polizei oder zum Militär (ich weiss wovon ich rede, ich war schon mal in Mexiko…), aber in der Schweiz gehen sie erst in den Salon, danach in eine Sitzung in irgendeiner Grossbank und diskutieren dort total unaufgeregt und zivilisiert.

Ich gehe lieber mit Schatzi und Hundi spazieren, im Wald. Davon hats in der Schweiz übrigens jede Menge, also proportional zur Landesgrösse meine ich jetzt natürlich. In Nordschweden kann man stundenlang durch die Wälder fahren(!), ohne einem einzigen Schwein zu begegnen. Dafür findet man in den zivilisierten Zonen dann eben auch immer wieder die bereits erwähnten Holzköpfe, wir erinnern uns, die geringe Bevölkerungsdichte und so. Darum bin ich so gerne hier in der fast durchgängig verbauten und durchziviliserten Schweiz, man ist immer unter Leuten. Die Bescheuerten sind zwar fast immer da, wenn man irgendwo hinfährt, dafür aber auch alle anderen.

Darauf trinke ich jetzt ein Gläschen. Skål!