Aus der Reihe:
Aus dem Leben eines bekennenden Raubkopierers
Mit diesem Artikel beginne ich ein neues Kapitel auf der Daumenschraube – erstmals wird ein Thema mit einer gewissen Seriosität angegangen. Naja, zumindest weitgehend.
Also, zuerst ein wenig Hintergrundinfo.
Euer Dschango ist bereits seit viiiielen, vielen Jahren als Hobby-Musiker unterwegs. Also, ‘Musiker’ ist ja eigentlich komplett falsch, ich würde mich viel mehr als “Musikant” bezeichnen – aus ethnischen und könnenstechnischen Gründen eher der Tradition der Drehorgelspieler verpflichet als der eines Mozarts.
Nun ja. Der Dschango bastelt sich also in seiner Freizeit hin und wieder etwas elektronische Tanzmusik zusammen. Es war übrigens der olle Nasse, der mich da draufgelüpft hat, und weil wir beide damals noch unsere Brötchen ganz, ganz klein backen mussten, hatten wir zwar kein Geld, dafür aber umso mehr Ättitjud. Schon nur deshalb lag es auf der Hand, fast ausschliesslich raubkopierte Software zur Befrönung unseres Hobbys einzusetzen.
Angefangen hat die Freude mit Reason, bald kam Cubase/Nuendo als erste “wirkliche” DAW hinzu. Und da der Dschango selten mit dem zufrieden ist, das er bereits hat, hat er sich bald schon auf die Suche nach seiner perfekten DAW gemacht – Ableton, Sonar und REAPER waren da die Kandidaten. Daneben (bzw parallel dazu) kamen noch Zillionen von Softsynths, VST-Effekten und was auch immer downloadbar/crackbar ist, hinzu.
Aber man wird ja älter und lernt dazu. Also, zumindest älter wird man zwangsläufig. Und irgendwann (konkret: vor zwei Jahren, als ich REAPER zum ersten Mal heruntergeladen habe) kam ich dann auf die Idee, mittelfristig full-legit zu fahren, also für alle unfreie Software, die ich einsetze, auch tatsächlich zu bezahlen. Und heute habe ich das ultimative Wohlfühl-Gewissen beim Hochfahren meines Studio-PCs, weil ich weiss, dass ich keinem armen, halb verhungerten Programmierer den Job wegnehme, wenn ich tastenspaste. Das heisst, Wohlfühl-Gewissen bis auf ein, zwei preislich eher am oberen Ende meines Budgets angesiedelten Ausnahmen, die im Verlaufe dieses Jahres aber auch noch legalisiert werden.
Konkret heisst dies, dass ich in den letzten zwei Jahren so im Schnitt SFr. 100.- bis 200.-/Monat für Software ausgegeben habe. Und da ich mich mittlerweile als quasi-geläuterter Software-Pirat sehe, erlaube ich mir, der Welt mal ein paar Erfahrungen aus beiden Welten zukommen zu lassen.
Der heutige Vortrag ist also Einstimmung in die Reihe: 5 Thesen, warum heute Software-Piraterie zwingend nötig ist, um als Anfänger im Bereich “computergestützte Musik” auf einen grünen Zweig zu kommen.
Teil eins:
Der Pirat ist König, der Kunde steht unter Generalverdacht
Früher, als ich noch ein böser Raubkopierer war, lief die Installation eines neuen Stücks Software wie folgt ab:
- Paket torrenten
- Paket entzippen/entraren
- setup.exe doppelklicken
- “Weiter” klicken; Software-spezifische Settings eingeben
- “OK” klicken
- DAW öffnen, Plugin reinhängen
- Serial aus serial.nfo kopieren
- paste
- fertig
Die grösste Herausforderung war es jeweils, die gefühlten 499938 Db, mit denen die Hintergrundmusik des Installers durch die Monitore jagten, vorgängig zu muten. Andererseits war diese Hintergrundmusik auch wieder häufiger Grund für Lachattacken – Insider erinnern sich an “It’s in the AAAAAIR!!”.
In kurz: der Installationsprozess gestaltete sich einfach, kundenfreundlich und schnell.
Falls man auf die Idee kommt, legit zu fahren, kann ein Installationsprozess heute so aussehen:
- WebStore-Account eröffnen
- Mail zur Bestätigung des WebStore-Accounts bestätigen
- Im WebStore einloggen
- Produkt suchen, Checkout, mit Kreditkarte bezahlen
- Mail erhalten: “Dein Zeug ist downloadbar unter http://www…”, draufklicken
- Nix sehen zum downloaden
- Hurra, die Kaufquittung kommt rein!
- Ist aber immer noch nix da zum downloaden
- 30 Minuten warten
- Oh fuck… das ist eben nicht im WebStore sondern in der “User Area”. Für die man sich seperat anmelden muss.
- Für die “User Area” anmelden
- Bestätigungsmail bestätigen
- In der “User Area” einloggen
- Immer noch nix zum downloaden
- nochmal ein Stündchen warten
- Immer noch nix da
- NERDRAGE!!
- Support anmailen, nett bleiben
- nette Antwort kommt prompt, “Upps, Fehler gefunden, geht jetzt”
- Geht tatsächlich! Klicken auf “Download”
- Eine Seite mit 8 Zip-Files zum Downloaden geht auf. Jedes Zip wiegt zwischen 400 und 700 MB.
- Oh geil, Download-Manager werden nicht unterstützt… also auf jedes einzelne File klicken, PopUp (“your download starts shortly…”) wegklicken, speichern unter…
- Der Server liefert mit knapp 1 Mbit/Sekunde – immerhin. War auch schon schlimmer.
- Rinse, repeat für die nächsten 7 Files
- Am Schluss habe ich 8 Zip-Files auf der Platte -> entzippen
- Herausfinden, dass dies nur die Library-Files waren; das Plugin, das vorgängig zu installieren ist, hängt irgendwo anders auf der Seite
- Suchen, finden, downloaden
- Plugin entzippen
- setup.exe doppelklicken
- “I agree”
- “Weiter” klicken; Plugin-spezifische Settings eingeben
- “OK” klicken
- Jetzt ja nicht die DAW öffnen, weil eben die Library noch fehlt. Habe ich ja erst heruntergeladen und entzippt…
- Also erstmal Library installieren. Dazu gibt es für jedes dieser 8 Zip-Files ein Setup-Programm, das ausgeführt werden muss (ca. 5-10 Min. pro File):
- setup.exe doppelklicken
- “I agree”
- “Weiter”
- Plugin-spezifische Settings (natürlich immer gleich, aber warum sollte sich das Programm auch die Settings der letzten 7 Aufrufe merken?)
- “OK”
- “Finish”
- Jetzt endlich: DAW öffnen, Plugin reinhängen
- Ein Fenster poppt auf, das meine Serial-Nummer möchte. WTF??
- Ahso, das kam im dritten Mail (das erste war ja das vom WebStore, das zweite von der User Area).
- Serial aus Mail -> copy
- Serial ins Plugin -> reinpasten
- “Authorisierung” – WTF??? Ich hab doch grad eine gültige Serial eingegeben??
- Achso, die Lizenz ist Computer-gebunden. Da muss ich also erstmal einen Authorisations-Code auf der Website anfordern.
- Wieder Login in “User Area”
- “Request a new authorization code”
- Da isser -> copy
- Auth-Code ins Plugin reinkopieren
- “OK” klicken
- fertig
Das Beispiel ist realitätsnah, weil es präzise der Vorgang war, den ich letzthin mit IK Multimedia-Produkten durchexerziert habe. Im Rahmen eines Group-Buys habe ich die ganze Rompler-Linie zu einem sagenhaft günstigen Preis erwerben können. Was mir zwar grosse Freude bereitet hat, mich konkret aber auch während zwei Tagen mit allem anderen als Musik hat beschäftigen lassen – den obigen Vorgang (ok, ohne meine User-Probleme) durfte ich für sechs Produkte durchführen.
Wenn man jetzt die beiden Listen miteinander vergleicht, merkt man wahrscheinlich, worauf ich hinaus will: Die Schwelle, ein zahlender Kunde zu werden, ist einfach viel zu hoch. Wenn man jetzt auch noch so ein paranoider Old Fart wie ich ist, der findet, dass Flash-Dreck auf einem Studio-PC nix zu suchen hat und deshalb sowohl AdBlock wie auch NoScript im Firefox installiert hat, schafft man es bei IK Multimedia kaum über die Startseite.
(BTW: Flash-Werbung, die der Startseite eines Web-Auftritts vorgeschaltet ist, müsste eigentlich mit Kastration des Webmasters bestraft werden. Oder noch strenger.)
Und wohlverstanden: IK Multimedia sind da bei Weitem nicht die Schlimmsten. Immerhin habe ich hier die Möglichkeit, die Software auf fünf Computern zu installieren, immerhin benötige ich keinen Hardware-Dongle, um mit der Software arbeiten zu können. Und immerhin ist der Support sowohl smart als auch nice. Alles schon anders erlebt.
Was ich hingegen bei IK Multimedia nicht verstehe: einmal gekauft, kann man die Software genau dreissig Tage lang herunterladen. Danach ist Ende Gelände, wobei nicht ganz: durch Zahlung einer klitzekleinen “Bearbeitungsgebühr” erscheint der Download-Link wieder. Ein Schelm, der dabei denken würde, es gehe hier bloss darum, für dasselbe Produkt zweimal abzukassieren und Notfälle beim User (zB das Abschmieren der Festplatte, auf der man das Zeug ursprünglich gebunkert hat) ökonomisch auszuschlachten. Weil, wenn man bedenkt, wieviel so ein Link kostet…
Auch so eine Seuche ist die Geschichte mit dem Weiterverkaufen. Nehmen wir an, ich hätte ein Stück Software erworben. Nehmen wir weiter an, nach einer Weile stelle ich fest, dass ich diese Software nicht wirklich benötige. Nehmen wir zusätzlich an, dass ich auf die Idee käme, die Software deshalb meinem Kollegen zu verkaufen: in den meisten Fällen wird dann eine “License Transfer Fee” fällig, zu entrichten an den Hersteller, für – ja, für was genau? Ich weiss, ich jaule ja selbst immer auf, wenn Software mit Hardware verglichen wird, aber trotzdem: stellt euch vor, ihr wolltet euer altes Auto verticken, ihr fändet auch einen interessierten Käufer, aber am Schluss kommt noch der Autohersteller und hält die Hand auf, weil sie gerne eine “Car Transfer Fee” von euch hätten. Völlig unvorstellbar, oder? Nun, wenn das Auto Software ist, ist dies normal.
Nasse wird jetzt natürlich wieder “Fanboi, Fanboi!!” kreischen, aber es ist halt so: eine der wenigen löblichen Ausnahmen ist hier Cockos (sowie REAPER-affine Entwickler wie Stillwell Audio oder Melda Production). Am Anfang einer langfristigen Geschäftsbeziehung sollte eben nicht das Business stehen, sondern vor allem mal das Vertrauen. Cockos nehmen mich als Kunde und Musiker ernst und vertrauen mir auf eine Art, die mir bei 99.999% aller kommerziellen Software-Klitschen abgeht. Man geht seitens Cockos vorgängig davon aus, dass ich sie nicht bescheisse (in dubio pro Kunde). Man will nicht einen Offenbarungseid von mir, bis ich endlich als würdig angesehen werde, ihr Produkt zu erwerben. Und man jagt mich nicht durch zig Registrierungen, Bestätigungen und Logins, bis ich ihr Produkt endlich auf meinem PC verwenden kann. Download und Installation gestalten sich logisch, effizient und schnell. Und schliesslich gesteht man mir die Reife zu, selbst entscheiden zu können, auf wievielen PCs ich mit dem von mir erworbenen Produkt Musik machen möchte.
Vor allem stellt sich mir die Frage, wozu der ganze Aufwand, wenn man das Zeug sowieso auf den einschlägigen Trackern bekommt, mit einer Installations-Prozedur, die schnell, einfach und kundenfreundlich ist. Es drängt sich mir der Verdacht auf, dass man die Software nicht vor Raubkopierern schützen will, sondern vor Deppen wir mir, die so blöd sind, für das Zeug tatsächlich zu bezahlen.
To be continued.
Bisher in
Aus dem Leben eines bekennenden Raubkopierers erschienen:
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