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Abgründig demokratisch

Leider nicht das, wonach es aussieht

Leider nicht das, was der Name suggeriert

Angenommen, es wäre  Donnerstag Abend und ihr hättet zwar wahnsinnig Lust auf Unterhaltung, leider aber kein Geld zur Verfügung. Kann ja mal vorkommen. Normalerweise wärt ihr in dieser Situation voll angeschissen, weil bekanntlicherweise kostet hierzulande alles, ganz besonders Unterhaltung.

Normalerweise, ja, aber nicht, wenn ihr euch zufälligerweise in der Stadt Bern aufhaltet. Hier gibt es nämlich seit viiielen hundert Jahren schon eine Anstalt, die sich zumindest seit einiger Zeit dafür einsetzt, einmal in der Woche auch dem kleinen Geldbeutel Zerstreuung zu bieten. 80 Freiwillige geben jede Woche ihr Bestes, um auf und hinter der Bühne ein Spektakel aufzuführen, hinter dem jede griechische Tragödie zur Soap verblasst. Es werden neu auch Elemente des Theatersports aufgenommen: oft ist unklar, ob die Protagonisten (man darf hier ruhig einmal ausschliesslich die männliche Form benutzen) nun Schauspieler oder Publikum sind.

Und wo findet man diese ehrenwerte Institution? An pittoresker Lage im Herzen der Berner Altstadt, am Rathausplatz, da in dem Gebäude mit den hohen Treppen links und rechts. Mag ja sein, dass dieser Ort ursprünglich nicht als Musentempel vorgesehen war, spätestens seit der gestrigen Budgetdebatte ist aber klar: will Bern als Kulturhauptstadt punkten, muss sie für den Stadtrat einen Posten im Kulturbudget reservieren!

Hauptakteurin war mal wieder die Fraktion “SVPplus”, die sowohl den tragischen wie auch den komischen Teil der Aufführung in Eigenregie inszenierte. Als Kullissenschieberin amtete, zumindest, bevor es sogar diesen Herrschaften zu blöd wurde (und das will etwas heissen), Juniorpartnerin FDP.

Ah, apropos FDP: ihr wisst ja alle (*hüstel*), dass der höchste Berner momentan der FüDläParteiler Ueli Haudenschild ist. Witzig übrigens, wenn nicht gar von prophetischer Qualität: ich habe zuerst “Huahaschild” geschrieben, und eigentlich müsste man ihn genau so umbenamsen. Falls man mich irgendwann mal anfragen wird, ob ich einen Lexikonartikel zu den Stichworten “Unfähigkeit”, “Führungsniete” und “Rückgratschwund” verfassen würde, mit dem Foto vom Herrn Huahaschild wüsste ich im Fall grad sofort eine diese Stichworte visualisierende Illustration. Aber mich fragt ja keiner. Deshalb wird auch mein Artikel zum Thema “schwanz- und eifrei (s.a.: ‘Huahaschild’)” bloss geistige Makulatur bleiben.

Schade eigentlich.

Wahrscheinlich muss ich an dieser Stelle dem Teil der Leserschaft, der sich nicht für Politik interessiert (ich verstehe euch jeden Tag ein bisschen besser), etwas Hintergrundinformationen liefern. Es wurde gestern nämlich in einem zweiten Anlauf das Budget der Stadt Bern fürs Jahr 2010 beraten. Dazu hat die Fraktion ‘SVPplus’ (das sind im Wesentlichen die SVP, deren Blocherjugend, ein paar scheintote Schweizer Demokraturisten sowie “mini Harley het i mim Ranze Platz, mis Hirni näbem Boschettli” Jimy Hofer) ein Paket von 180 Änderungsanträgen eingereicht. Ziel dieses ‘Planes’ war, dass die Debatte derart verzögert wird, dass das Budget nicht mehr vor den Herbstferien verabschiedet und somit auch im November nicht den StimmbürgerInnen zur Abstimmung vorgelegt werden kann. Damit wollte man bei der SVP erreichen, dass – ja, was eigentlich? Dass die Stadt Bern möglichst bald vom Kanton zwangsverwaltet wird, in der Hoffnung, dass dann die vom Kanton vorgeschriebenen Auslagen, welche die SVP streichen wollte, direkt vom Kanton an den Kanton überwiesen werden? Man weiss es nicht. Falls ihr hierzu mehr Informationen haben wollt, fragt doch am besten direkt beim Herrn Wurmbandführer Hess nach. Wenn ihr viel, viel Geduld mitbringt und alle Fragen mit Worten formuliert, die aus nicht mehr als zwei Silben gebildet werden, besteht vielleicht eine gewisse Chance, dass er euch das erklären kann.

Wobei – man muss ja ganz klar sagen, dass die Qualität von Hess’ Voten der Qualität seiner Anträge in nichts nachstand: auf jeder Ebene, egal ob formal, rechtlich, inhaltlich oder rhetorisch unter jeglicher jemals über den Hof galoppierten Sau. Und weil ihm die Argumente fehlten (logisch, bei unter 12 Gramm aktivierbarem Resthirn), musste er die Redezeit von fünf Minuten pro Antrag halt eben mit Extrem-Bärndütsching dehnen:

Miiiiiiiiir stiimmmmmmmeeeeee iiiiitz üüüüübere Aaaaaaaaatraaaaaag füüüüfesäääächzg bis siiiiibeeeeeneeeesääääächzg aaaaab… daaaaaas siiiiii drüüüüüüüü Aaaaaaaträääääg zuuuu füüüüüf Minuuuute, das maacht ausoooo… ääääääääh… füfzäääääääh Minuuuuuteeeee, odeeeer, angerscht gseit, ä Vieeeeertuuuuuustuuuuuuuuuuund…

Aber zum Glück sass ja noch Ziehvater und Puppenspieler Thomas Fuchs auf der Zuschauertribüne (keine Sorge, sie wurde extra zu diesem Zweck im Vorfeld mit zusätzlichen Stahlträgern verstärkt). Mit dem Natel in der Hand gab er seinem Führer-Stellvertreter unten im Saal Anweisungen, was zu tun sei – selbiger war dann auch noch dämlich genug, während diesen (keineswegs in konspirativer Lautstärke geführten) Gesprächen ständig zu seinem Idol hochzuschauen. Schon interessant, wie jemand von der Zuschauertribüne aus die Politik im Stadtrat steuern kann, ohne dass dies dem Stadtratspräsidenten negativ auffallen würde. Huahaschild halt, sag ich doch.

So war es auch an der Grenze zur Realsatire, als Jimy Hofer während einem Votum mitten im Satz abbrach und zurück an seinen Platz ging. Erstaunen im Rat, was war geschehen? Nun, wie man uns aus zuverlässiger Quelle mitteilte, knurrte er, wieder in den Sitz gezwängt:

Ha ke Ahnig gha, um was es geit, aber dr Hess het gmeint, ig müess derzue ga rede.

Heil, Führer befiehl, die Broncos folgen!

Spassig wurde die Sache natürlich erst so richtig, als gegen Mitternacht die elektronische Abstimmungsanlage ausfiel und der Stadtrat mit Einzelnamensaufruf (“Hanspeter Aeberhart?” – “Ja” – “Michael Aebersold?” – “Nein” …) über die letzten hundert Anträge abstimmen durfte. Morgens um 3 war dann der Spuk vorbei.

Und als Fazit? Fast zweihundert Änderungsanträge, die allermeisten davon rein rechtlich gar nicht umsetzbar, in der Folge genau keiner (0, null, zero, zilch) angenommen. Zig Chefbeamte und Gemeinderäte während fast 24 Stunden in Geiselhaft (wo ist der Bundesmerz, wenn man ihn braucht?!?) einer Partei, die sich einen schlanken, effizienten Staat und den Abbau von Bürokratie auf die braunrandige Fahne geschrieben hat. Eine Partei, die sich als singuläre Repräsentantin von Volk und Demokratie darstellt und die bei jeder ihrer Aktionen, welche nichts anderes tun, als die Grundfesten der Demokratie zu diskreditieren, klar und deutlich zeigt, wie sehr sie im Grunde genommen auf genau dieses Volk, auf genau diese Demokratie scheisst.

Dazu passt doch der Spruch von Hases Mami, zwar nicht in dem Zusammenhang geäussert, aber trotzdem wie der Nagel auf den Kopf:

Ig ha gchotzet wie nä Gärbihung.

In diesem Sinne: ich freue mich schon auf nächstes Jahr, wenn wir uns wieder zum fröhlichen Theatersport im Berner Stadtrat treffen!

PS: Dschango fährt diesen Sonntag mal wieder auf Urlaub, zu Hasenverwandten nach Italien. Kann also gut sein, dass ihr nächste Woche auf mich verzichten müsst. Aber keine Sorge: euer Dschango kommt sicher zurück – und voraussichtlich bringe ich wieder amüsante Einsichten mit aus dem Land, wo die Zitronen blühn.

Bis bald!




Immer feste druff!

Momentan scheint es ja schampar trendy zu sein, der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SP) Ratschläge mit auf den Weg zu geben. Der Wahlkampfblog weiss beispielsweise ganz genau, was diese Partei falsch macht. Kritik wird oft von extern mitgeteilt, mit ganz besonderer Verve auch vom politischen Gegner, oder, im Beispiel vom Wahlkampfblog, von Leuten, die gerne bedeutende Polit-Anlässe organisieren würden, aber von der SP regelmässig einen Korb bekommen.

Fakt ist: sozial ist nicht mehr sexy. Wer für andere schaut, wird belächelt. Wer für eine gerechtere Gesellschaft kämpft, wird ausgelacht. Und wer gar kritisiert, auf welche Art wir wieviel verdienen, manövriert sich selbst aufs Abstellgleis.

Interessant ist: an allem ist die SP schuld. Immer. Schon mal aufgefallen? Für alles, was in diesem Land schief läuft, ist die SP verantwortlich. Erstaunlich ist bloss, dass dieses Land seit Gründung des Bundesstaates durchgehend eine bürgerliche Mehrheit in Parlament und Regierung hat. Aber so sind sie eben, die Linken: Geheimplan hier, Verschwörung da, und schon wissen die armen Bürgerlichen nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht und sie drücken aufs sozialistische Knöpfchen.

Eine höchst beliebte Knallkopf-Kritik ist ja, dass die SP das Demo-Debakel vom 6. Oktober 2007 zu verantworten habe. Oder alternativ: die SP habe aus dem Demo-Debakel am 6. Oktober 2007 nichts gelernt.

Ein komplett bescheuerter Vorwurf. Am 6. Oktober 2007 war ein (damals noch) FDP-Politiker Polizeidirektor, die Einsatzleitung oblag dem Kanton (mit einem FDP-Polizeidirektor) und die prügelnden Scheisse-statt-Hirn-Kinder waren garantiert alles andere als SP-WählerInnen. Der einzige Vorwurf, den sich die SP hier machen muss, ist, dass sie konsequent gegen eine Einschneidung von Bürgerrechten (hier: Versammlungsfreiheit) eintritt. Was meiner Meinung nach zu keinem Vorwurf, sondern einem “Merci” führen müsste.

Das SP-Sicherheitspapier, das vom Wahlkampfblog im Original als “stark” eingestuft und “in der parteiinternen Diskussion verwässert” wurde, war einfach nur ein weiteres Law and Order-Pamphlet ohne irgendwelchen Realitätsanspruch. Klar, es hätte allen wunderbar gepasst, wenn die SP sich nun auch zu Repression als Allheilmittel bekannt hätte. Wäre wahnsinnig praktisch gewesen, wenn auch diese Partei endlich das populistische “wir wissen auch nicht weiter, aber das wenigstens lauter als alle anderen”-Mantra angestimmt hätte.

Und übrigens: die Damen Wyss und Allemann als “Lichtgestalten” zu bezeichnen ist ja nun doch etwas gar seltsam. Sie mögen ja beide gute Politikerinnen sein, aber “Lichtgestalten”? Mal bisschen von den Drogen runter, Herr Balsiger, dann klappt es auch wieder mit der Einordnung von visuellen Reizen.

In der Tat gibt es bei der SP auf nationaler Ebene Figuren, die den Eindruck dieser Partei prägen. Nur sind dies momentan kaum Leute, die tatsächlich etwas auf die Reihe bringen (Allemann, die in der Bevölkerung als “Babi” und Wyss, die der Masse als “arrogant und mühsam” ankommen, zähle ich hier explizit dazu), sondern Pseudolinke, die ihre krude Weltsicht und ihre persönliche, von Zwängen geprägte Lebenssicht auf ihre Umwelt loslassen wollen: Jositsch, Galladé und Maurer (Esthi, nicht Ueli) wären da Beispiele. Solche Figuren prägen momentan leider das Image der SP als sinnfeindliche Verbotspartei. Solche Figuren, vom politischen Gegner gerne als “pragmatisch” und “undogmatisch” dargestellt, sind aber für mich kaum unterscheidbar von bürgerlichen Repressionsfanatikern und verwischen für mich die Grenzen zwischen den Parteien noch mehr.

Man verstehe mich nicht falsch: wenn es nach mir ginge, gäbe es überhaupt keine Parteien mehr. Die Idee der Parteiendemokratie mag die letzten 200 Jahre ein tolles Modell gewesen sein; aber ob es heute noch funktioniert, ist zumindest diskutierwürdig (keine Angst, nicht in diesem Artikel). Klar ist aber, dass Parteiendemokratie nur dann funktionieren kann, wenn die beteiligten Parteien auch tatsächlich unterschiedliche Positionen einnehmen. Den momentanen Trend, alle Positionen (zumindest auf dem Papier) in die Mitte zu verschieben (sprich: Rückgratlosigkeit zum Programm zu machen), muss man daher als Angriff auf unsere Demokratie verstehen.

Noch ein Wort zu den neuen Parteien, die letzten Herbst in den Berner Stadtrat eingezogen sind. Klar ist, dass die SP Wählerstimmen an glp, GFL und BDP verloren hat. Klar ist aber auch, dass diese Parteien soziale Anliegen gerne links (!) liegen lassen: in der Stadtratsdebatte zur Konjunkturanschiebung von vorletztem Donnerstag wurden sämtliche grünen Anliegen durchgewunken, sämtliche sozialen Anliegen aber deutlich abgelehnt. Vor allem die GFL hat sich damit wieder mal klar als das entpuppt, was sie schon seit eh und je ist: die Partei der velofahrenden FDPler, die im Sommer schon mal kurzärmlige Hemden tragen (aber auch nur dann, wenn das alle anderen auch tun).

Wahlkampf-Balsiger schreibt übrigens von “Leaderfiguren aus BDP, GFL, GB und glp”. Nähme mich mal wunder, wo er diese gesehen hat, im Stadtrat können sie unmöglich sein.

Er schreibt auch davon, dass die SP “eine gut gebildete Bevölkerungsschicht, die mit der verstaubten Rhetorik der SP wenig anfangen kann, ökologisch denkt und handelt, gleichzeitig den Markt nicht verteufelt und pragmatische Lösungen anstrebt”, nicht mehr abholen kann. Was Balsiger unterschlägt ist der Nebensatz “solange es sie selbst nicht einschränkt”. Und genau das ist der Punkt an der Sache. Was all die neuen Parteien versuchen, ist die Quadratur des Kreises: grün angehauchte Pfläschterli auf die schwärende Wunde, um den wirtschaftlichen Status Quo erhalten. “Biodiesel” ist so eine klassisch grünliberale Idee, die im Voraus zum Scheitern verurteilt ist, an der aber garantiert ein paar schlaue g- oder l-WählerInnen gut verdienen werden.

Wie ich ganz am Anfang schon schrieb: Kritik wird an der SP vor allem von aussen geübt. Als nicht-SP-Mitglied reihe ich mich deshalb gerne hier ein, greife diesen tollen Trend auf und möchte der SP ein paar Tipps mit auf den Weg geben:

Etwas, das man in SP-Kreisen oft und gerne ignoriert: die stetig wachsende Zahl der konfessionsfreien Wählerinnen und Wähler vergrault ihr mit eurer Anbiederung gegenüber religiösen Führern und Institutionen regelmässig. Kein Lama, kein Papst, keine Kirche und kein Bischof, dem SP-VertreterInnen nicht allzu gern in den gebenedeiten Arsch kriechen. Ich kann zwar ein Stück weit nachvollziehen, wie ihr den südamerikanischen Befreiungstheologen auf den Leim gekrochen seid. Aber wie ihr ja selbst wisst, muss man nicht unbedingt Marx gelesen haben, um zu wissen, dass Religion Opium fürs Volk ist. In der heutigen Zeit übrigens eher Crack: billiger in der Produktion, verheerender in der Wirkung.

In dem Zusammenhang: nur weil jemand zufälligerweise eine dunkle Haut hat, aus einem fremden Land kommt, verfolgt wurde oder eine Frau ist, heisst das noch lange nicht, dass dieser Jemand auch ein guter Mensch ist oder a priori sein Gehirn regelmässig zum Denken einschaltet. Umso mehr, wenn selbiger auch noch bekennender Freikirchler ist. Es mag auf den Wahllisten gut aussehen, wenn man bunte Köpfe hat. Es wäre aber vielleicht noch schlau, vorgängig abzuklären, welche Positionen diese Leute dann effektiv einzunehmen gedenken.

Klar ist, dass euch eure Gegner gerne zur MItte-Partei kastrieren möchten. Es wäre all diesen “Pragmatismus!”-Schreiern natürlich allzu wohl, wenn ihr euch auf dasselbe undefinierbare Niveau begeben würdet, auf dem sie sich bereits befinden. Es wäre natürlich schön, wenn ihr ebenfalls auf Abgrenzung verzichten würdet, damit die Wähler noch viel weniger wissen, was die Parteien genau unterscheidet. Es wäre für alle anderen faktisch der Hammer, wenn die SP überhaupt nicht mehr gewählt würde, ganz einfach weil sie eh denselben neo-kon-liberalen Marsch bläst wie alle anderen.

Ich sage euch aber: eure Zeit kommt wieder. Spätestens dann, wenn die Weltwirtschaftskrise nicht mehr nur die Wahl “VW oder Ferrari” betrifft und die Arbeitslosenquote wieder diejenige der Analphabeten in diesem Land übersteigt, spätestens dann wird man sich wieder an euch erinnern. Oder habt ihr etwa das Gefühl, all das neue, bunte grünliberale und liberalgrüne Suppenkraut gäbe es in vier, in acht Jahren noch?

Deshalb hier mein Aufruf, werte Genossinnen und Genossen: seid nicht das blassrosa Fähnchen im grünen Sturmwind. Was die letzten Monate in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen gedruckt stand, sollte euch eigentlich zeigen, dass ihr mit eurer Kapitalismuskritik so komplett daneben nicht sein könnt. Es ist wichtig, dass ihr für die Schwachen dieser Gesellschaft einsteht, weil es sonst niemand mehr macht. Es ist wichtig, dass ihr euch für unsere Bürgerrechte einsetzt, auch wenn ihr dafür vom Gegner als “mühsam” und “stur” angesehen werdet. Es ist manchmal gut, stur zu sein! Es könnte sogar sein, dass euch eure jetzige Sturheit in ein paar Jahren als “ehrlich” und “konsequent” ausgelegt wird. Grenzt euch deshalb jetzt ab von all diesen grünen Wendehälsen, die uns das alte unterdrückerische Wirtschaftssystem in Jute-Säcken verkaufen wollen.

Steht zu euren Überzeugungen. Es braucht sie heute mehr denn je.




Leseoffensive zum Wochenende

Das Wochenende steht vor der Tür, es hudlet und luftet wie blöd. Nächste Woche ist Abstimmungs- und Wahlsonntag, beides geht mir schon sowas von auf den Keks. Zur Unfähigkeit von BärenBabsi ist alles gesagt, zur Lachnummer auf der Harley ebenfalls. Auch auf der SVP herumtrampeln macht mir momentan wenig Freude – da diese Partei bald mehr Bundesratskandidaten als WählerInnen hat, was soll ich hier denn noch Lustiges beitragen?

Politikverdrossenheit? Schnauze voll vom miesen Wetter? Warum nicht mal wieder ein gutes Buch in die Hand nehmen, sich mit dem Hasen im Bau verstecken und dort mal dem einen, mal dem anderen frönen?

Deshalb hier meine aktuellen Leseempfehlungen aufs Wochenende:


R. D. Precht: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Ja, ich weiss, der Titel dieses Buches könnte von mir stammen. Tut er aber nicht. Leider, einerseits, weil wer fände es schon nicht toll, wenn ein Titel von einem (ein guter noch dazu!) auf ein Buch gedruckt würde? Zum Glück, andererseits, weil sein eigenes Buch unter Pseudonym zu rezensieren, das wäre jetzt sogar für mich ein kleines bisschen zu narzisstisch.

Darum gehts hier jetzt aber überhaupt nicht. Stattdesssen möchte ich der werten LeserInnenschaft, die philosophisch interessiert ist, dieses höchst amüsante und spannende Buch ans Herz legen. Zwar ist es eine Übersicht über die Philosophie, im Gegensatz zu den bisher erhältlichen Büchern zu diesem Thema ist es aber weder eine knochentrockene Abhandlung der verschiedenen Denkschulen und Ismen, noch ein Bombardement von Fakten, das die Lust am eigenen Denken schon im Keim erstickt. Stattdessen kommt es in einer humorvollen, verständigen Sprache daher und richtet sich ganz am konkreten Leben aus: Was ist Wahrheit? Woher weiss ich, wer ich bin? Nicht dass das Buch kugelsichere Antworten auf diese Fragen liefern würde, aber es gibt die richtigen Impulse, um selbst weiter zu denken.

Der Autor führt uns in einer Art philosophischer Weltreise durch die verschiedenen Orte, an denen Philosophie gemacht wurde, verknüpft immer den Titel des jeweiligen Kapitels mit dem Ort, der Person und der Zeit, die auf die jeweilige Frage eine Antwort gefunden zu haben glaubte. Auf diese Weise schafft er es, die zum Teil sehr anspruchsvollen Denksysteme anschaulich darzustellen.

Dschango-Prädikat: Unbedingt empfehlenswert!


Naomi Wolf: Wie zerstört man eine Demokratie – Das 10-Punkte-Programm

Die Autorin geht in ihrem Buch der Frage nach, was es braucht, damit eine Regierung ein Land von einer Demokratie in eine Diktatur verwandeln kann. Sie schildert dies mit einem Brief an einen Freund, in dem sie beschreibt, wie fragil einerseits das ist, was wir als ‘Demokratie’ bezeichnen und wieviel Aufmerksamkeit es von jeder Demokratin, jedem Demokraten auch und besonders heute braucht, damit die Errungenschaften, die unsere Vorfahren mit Blut und Geld erkämpft haben, nicht von billigen Populismen über den Haufen geworfen werden.

Hui, was für ein Satz…

Das 10-Punkte-Programm, wie es Wolf beschreibt, wurde in der Vergangenheit von beinahe jeder Diktatur angewendet. In den USA wurden in der Vergangenheit offenbar sogar angehende südamerikanische Diktatoren gezielt darin ausgebildet, ihre Bevölkerung mit diesen zehn Punkten unter die Knute zu zwingen.

Ja, das Buch ist aus einer sehr USAmerikanischen Warte aus geschrieben und die ständigen Lobreden auf die bestmögliche Demokratie ennet dem grossen Teich wirkt auf europäische Gehirne wohl etwas… naja, naiv vielleicht. Trotzdem hat, was Wolf zu sagen hat, durchaus auch bei uns Gültigkeit. Die Strategien und Techniken, die autoritäre Regimes anwenden, um eine freiheitliche Gesellschaft in Unterdrückung und Angst zu führen, sind während Jahrhunderten erprobt und bewährt und es wäre verwegen zu behaupten, dass solches bei uns nicht möglich wäre.

Bemerkenswert ist Wolfs Einsicht, dass die meisten Diktaturen keineswegs mit gewalttätigen Aktionen an die Macht gekommen sind. In den meisten Fällen liessen sich Diktatoren demokratisch wählen, zumindest aber juristisch legitimieren. Eine Diktatur entsteht nie über Nacht, indem man plötzlich die Stiefeltritte uniformierter Schergen im Treppenhaus hört. Stattdessen ist es ein langsamer, beinahe unmerklicher Prozess, der das Volk soweit bringt, zum Schluss dankbar zu seinem Metzger zu laufen.

Ein wichtiger Appell an das Demokratieverständnis jedes Einzelnen.

Dschango-Prädikat: Sollte beim Erreichen des Stimmrechtsalters Pflichtlektüre sein.

So, genug von all dem klugen Zeugs, hier noch ein bisschen Belletristik:


T.C. Boyle: Zähne und Klauen

Boyle begleitet mich schon seit bald 20 Jahren, war sogar mal mein absoluter Lieblingsautor (“America” war eine Offenbarung). Diesen Status musste er zwar leider abgeben (es wird ihn bitter reuen), noch immer aber schreibt er durchaus lesenswert.

Die Kurzgeschichtensammlung “Zähne und Klauen” beschreibt den Menschen als Spielball zwischen Ratio und Trieb, zwischen Dekadenz und Infantilität, zwischen Sinn und Unsinn. Seine Helden sind Säufer, Aussteiger und durchgeknallte Verlierer der Gesellschaft. Absurde Situationen treffen auf absurde Figuren, oder umgekehrt, je nachdem. Und Boyle schafft es, dass wir auch die grössten Deppen dafür bewundern, wie sie es schaffen, ihr seltsames Leben zu leben.

Dies ist sicherlich eines der grössten Talente von Boyle: man schliesst seine Figuren ins Herz. Boyle trifft, vor allem in seinen Kurzgeschichten, genau den Ton, genau die Balance zwischen Witz und Intellekt, die dazu führen, dass man sein als “Zwüschedüre”-Literatur geplantes Buch in wenigen Stunden wegliest. Die Boyleschen Verlierer machen süchtig, genauso wie sein süffiger, immer mit einem spitzbübischen Grinsen versehener Stil. Zynismus seinen Figuren gegenüber ist Boyle fern und es ist genau dieses Liebevolle, das ihn in meinen Augen zu einem der grössten seiner Zeit macht.

Dschango-Prädikat: Nicht nur fürs Nachttischli geeignet.


Sven Regener: der kleine Bruder

Ja, der Herr Lehmann ist wieder da! Das dünne Büchlein enttäuscht zwar vom Umfang her (seit ‘Neue Vahr Süd’ sind meine Standards gestiegen), aber trotzdem: ein höchst vergnügliches Lesewerk hat der Herr Regener da wieder abgeliefert.

Das Buch spielt zwischen ‘Herr Lehmann’ und ‘Neue Vahr Süd’. Frank Lehmann wurde gerade aus der Bundeswehr entlassen und fährt mit seinem Punk-Kumpel Wolli ins Berlin paar Jahre vor dem Mauerfall, um da zu seinem Bruder Manni zu ziehen. Regener führt uns durch den Alltag der Hausbesetzer- und Anarcho-Szene in Berlin, ihre Auseinandersetzungen, ihre (faulen) Kompromisse, letztlich auch ihr Scheitern vor dem real existierenden Kapitalismus.

Ja, das Buch ist zum Brüllen lustig. Kaum eine Seite, auf der ich nicht in lautes Lachen ausgebrochen bin. Die Figur Frank Lehmann oszilliert ständig zwischen Naivität und Weltgewandtheit, stösst als Landei in Berlin zwar dauernd auf Mitleid, entpuppt sich aber, wenn es wirklich hart auf hart kommt, durchaus als der einzige, der einigermassen seine Hirnzellen zusammenreissen kann.

‘Der kleine Bruder’ ist einerseits ein Lobgesang auf ein Leben abseits aller Konventionen, andererseits auch dessen Schwanengesang, weil auch der autonomste Kapuzenjackenträger über kurz oder lang von der Gesellschaft abhängig ist, gegen die er, am liebsten unter Mamis Rock hervor, revoltiert.

Hase hat das Buch auch gelesen und fand es nur “soso, lala”. Es ist irgendwie ein Männerbuch, ja. Es beschreibt die seltsamen Rituale von XY-Trägern, ihre eigenartige Logik, ihr befremdliches Paarungsverhalten und ihre noch viel befremdlicheren Initiationsriten. Es entlarvt uns Männer (vor allem diejenigen, die sich gerne als links, anarchistisch, autonom und/oder feministisch sehen) als weinerliche Testosteronhaufen, die den Schwanz wortwörtlich einklemmen, sobald das eigene Weltbild ins Wanken gerät.

Vielleicht ist das Lesevergnügen für Frauen nicht so gewährleistet. Wenn man aber als Mann zwischen 18 und 25 Jahren in alternativen Szenen aufgewachsen ist und sich auch im hohen Alter noch nicht vollständig vom Geruch von Freiheit, Tränengas und Bierdunst lösen kann, erkennt man sich und seine damalige Umwelt auf jeder Seite wieder. Frank Lehmann ist so, wie ich mich zu sein erinnern glaube, und ich denke, das geht jedem so, der eine ähnliche Biografie hat.

Einziger Kritikpunkt: ZU KURZ, VERDAMMT!

Dschango-Prädikat: Ja, wie jetzt? Muss doch sein, oder?