Artikel, die mit ‘komplett gaga’ getaggt wurden

Itauiänisch for Beginners

Wir waren neulich ja wieder mal in Italien unterwegs, zwischen Milano und Como, zwecks Verwandtenbesuch. Nein, nicht die Dschango-Verwandtschaft wurde besucht – diese ist eh immer schon da, wo man gerade hin will und geht dort auch meist nicht freiwillig weg; der Wortteil ’suchen’ wäre in dem Zusammenhang also völlig fehl am Platz – sondern diejenige des Hasen.

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass mein Italienisch noch immer unter aller Sau ist, obwohl ich nun schon eine halbe Ewigkeit mit dem südländischen Hasen zusammen bin. Entsprechend unidirektional gestaltete sich die Kommunikation mit all den Nonnas, Mammas, Zios und Zias für mich; also beschränkte ich mich im Wesentlichen auf die internationale Sprache des Magens, um mich verständlich zu machen. Und mit dieser kommt man, zumindest in Italien, sehr weit.

Aber eins nach dem anderen. Grundsätzlich kann man ja sagen, dass Italiener kein Gramm normal sind. Dies nicht nur, weil sie regelmässig einen ihrer grössten Verbrecher zum Staatsoberhaupt wählen und auch nicht nur, weil sie ihre Küchen, Wohn- und Schlafzimmer sowie Bäder und WCs mit Heiligen, Päpsten und Märtyrern vollhängen (schon mal abgeseilt, während dir Padre Pio mit Leidensmiene zulächelt? Muss man erlebt haben), sondern vor allem wegen ihrem komplett durchgeknallten Verhältnis zur Tätigkeit des Essens.

Ich meine, mir kann es ja egal sein, dass man mich zum Quasi-Volkshelden erklärt, nur weil ich konsequent jeden Teller, den man mir vorsetzt und der mit leckeren Sachen gefüllt ist, leer esse. Man sagt ja, italienische Frauen seien schwer zu erobern, aber man lobe bloss den Sugo einer italienischen Hausfrau über den grünen Klee (was selten viel Überwindung kostet) und schon hat man ihr Herz für immer und ewig gewonnen. So gesehen war Dschango in Italien ein Herzensbrecher und Womanizer allererster Güte: keine Frau mit Herd konnte meinem Charme (bzw demjenigen des schwarzen Loches, das sich ‘Dschangos Magen’ nennt) widerstehen.

Man trifft in Italien noch die vom Aussterben bedrohte Art der ‘Domina casa dominatus vulgae’ an, die ihren Lebens- und Daseinszweck primär im Anschaffen unsäglicher Mengen von Fressalien sieht. Und diese Aufgabe, das muss man sagen, erfüllt sie, ja überfüllt sie zu jeder Tages- und Nachtzeit. Gerüchtehalber gibt es in Italien Frauen, die ihr ganzes Leben noch nie ausserhalb der Küche gesehen worden sind. Wir haben Exemplare gesehen, die offenbar mit ihrer Küche geradezu verwachsen sind, weil es unmöglich ist, auf eine andere Art solche Mengen an Essen zuzubereiten, aufzutischen und wieder abzuräumen. Letzteres im Übrigen, damit sofort mehr Platz für neue Kalorienbomben geschaffen wird.

Auf einen Italiener muss ein leerer Esstisch ungefähr so deprimierend wirken wie der Gesichtsausdruck eines Herrn Ospel auf einen Schweizer. Nur so lässt sich die Besessenheit dieser Leute in Bezug aufs Essen erklären. Wohlverstanden: sie finden es selbst nicht normal und lachen über die Italiener, die den ganzen Tag am Fressen seien – während sie sich gerade eine Ladung Pasta ins Gesicht schieben.

Was irritierte: nicht die Tatsache, dass wir Hasen beide explizite AtheistInnen sind, hat zu Aufschreien geführt. Auch nicht die Tatsache, dass wir nicht verheiratet sind. Beides wird wohl etwas anders sein, wenn wir dann im Herbst mehr Richtung Süden gehen, aber egal. Dass wir kinderlos sind wurde lediglich als „schade“ angesehen und unser Vegetariertum einfach mit fünffachen Portionen Gemüse ausgeglichen. Komplettes Unverständnis schlug uns aber entgegen, als man uns nach unserem Auto zuhause fragte:

„Che tipo di macchina avete?“
„Non abbiamo una macchina.“
„NESSUNA MACCHINA?!? MA PERCHE?!?“

Hase hat dann in einem mehrstündigen Vortrag versucht, das Konzept ‘Mobility’ zu erklären – Stirnrunzeln und Misstrauen waren die Folge. Dann, eher unabsichtlich, rutschte ihr das Wort ‘Car Sharing’ raus – und plötzlich ging ein kollektives „Aaaah, Carre Sharinge!“ um den Tisch. Warum auch kompliziert, wenn es einfach geht.

Noch etwas: absolut unabdingbar für die Kommunikation mit italienischen Mitmenschen ist eine Geste, die ich den ‘Scheinangriff des Geiers’ nenne. Diese Geste ist äusserst universell einsetzbar und wird immer verstanden, ich erlaube mir deshalb, dieses fantastische Kommunikationsmittel etwas näher zu erläutern. Der Scheinangriff des Geiers geht so:

Man hebt das Kinn um ungefähr 7 Grad an und schiebt anschliessend das angehobene Kinn in gerader Linie 5-10 Zentimeter nach vorne. Man kann den Scheinangriff des Geiers einmal oder, durch Verkettung mehrerer Vorschieb-Phasen, mehrmals ausführen, wobei man dann irgendwann aufpassen muss, dass einem der Kopf noch auf dem Hals bleibt. Diese Geste, beliebig unterstütz- und akzentuierbar durch leichtes Schulternhochziehen, Hände verwerfen und allenfalls offenem Mund kann, je nach Kontext, „kapiere ich nicht“, „ist ja klar“ oder „wenn du meine Freundin weiter so anschaust kriegst du paar an die Fresse“ heissen – die Aufzählung ist bei Weitem nicht vollständig.

Wenig ist aber so verständlich, wie wenn einem Zia Lucia den Teller nochmal füllt, einen in die Wange kneift und „mangia, mangia!“ sagt. Ich gehorche ja äusserst ungern und selten Befehlen, aber einer Zia Lucia widerspricht halt nicht mal Dschango.