Generation “Hääh?!?”
Letzten Samstag gingen Beinharts mal wieder in den Ausgang. Da ich seit Anfang Jahr wieder RaBe-Mitglied bin, dachten wir uns, wir schauen an selbigem Fest vorbei, das im Gaskessel über die Bühne ging. Kurzes Fazit: Dreadzone Soundsystem waren supi-nette Dudes, Saalschutz arrogante Zürcher Sub-Szene-Futzis mit gravierenden Bildungslücken, das DJ-Kollektiv Skeewiff war recht geil (Sound) bzw fast eine Spur zu geil (Performance) und PlayBoy’s Bend aus Belgien ist für mich die Entdeckung des noch jungen Konzertjahres 2009 schlechthin.
Darum gehts hier jetzt aber überhaupt nicht.
Wir standen im Gaskessel rum und beobachteten, wie uns das Ausgangsvolk langsam aber sicher zu siezen beginnen möchte. Sind wir uns mittlerweile ja gewohnt. Zum Glück oszillierte der Schwäbi bereits im Raum, so dass wir noch nicht die Ältesten waren. Es lief Funk und die Minderjährigen hupften zu Musik, die bereits ihre Eltern wuschig gemacht hat. Naja, trotz unserem Dinosaurier-Alter nicht so unser Ding, also lästerten wir stattdessen eine Weile über die Leute ab.
Irgendwann wurde das langweilig, glücklicherweise aber der Konzertsaal aufgemacht und die Hasen hoppelten rüber. Suchten uns ein nettes Plätzli, höckelten hin und warteten.
Und staunten.
Früher, ich meine jetzt wirklich ganz, ganz viel früher, da lief ein Konzert wie folgt ab: zuerst war auf der Bühne noch nix los, bzw nur Roadies, die das Mantra aller Roadies beteten: “TEST, TEST, ONE, TWO”. Das ging etwa eine Stunde so, während derer im Hintergrund dezente Beschallung lief. Ein grosses No-Go war, die Musik der Band, die gleich spielen würde, aufzulegen – man will die Musiker ja nicht mit ihrer eigenen Studio-Aufnahme brüskieren. Eventuell spielte jemand mit dem Lichtpult herum, eventuell kotzte jemand vor die Bühne, aber im grossen Ganzen war der Rahmen hier vorgegeben. Vor allem: der Schallpegel war zu diesem Zeitpunkt auf einem Level, wo man theoretisch bei normaler Gesprächslautstärke noch ein Rilke-Gedicht hätte rezitieren und die Menschen um einen herum dies hätten verstehen können.
Danach spielte eine Band, es wurde laut, es wurde ständig an der Schmerzgrenze entlang geschrammt, eventuell ploppte auch mal ein Trommelfell. Man konnte dies aber vermeiden, indem man Ohrenstöpsel so bis zu einem Drittel tief ins Ohr schob, was dem Sound zwar etwas abträglich war, der Hörfähigkeit aber umso zuträglicher.
Nach der ersten Band hiess es “zurück auf Feld eins”, die Roadies kamen wieder aus ihren Löchern hervor und so ging es weiter, bis man irgendwann in einer Ecke aufwachte und sich fragte, wo man wohl seine Hosen gelassen hat. Und das Portemonnaie. Und woher die Bissspuren in der Unterleibsgegend kommen. Die Ohren haben noch genau so lange gepfiffen, wie das letzte Bier im Magen rumort hat und gut war.
Heute, meine Lieben, heute ist das ganz anders. Es scheint keine Übergänge zwischen Acts mehr zu geben, die Trennung zwischen Soundcheck und Act ist aufgehoben. Heute ist alles im Flow, Mann! Egal ob Sound- bzw Linecheck, Wartezeit, tatsächlicher Act oder Putzkommando: alles spielt sich auf derselben Lautstärke ab. Und diese Lautstärke, ich wage es zu sagen, ist mittlerweile jenseits von Gut und Böse.
Man komme jetzt nicht auf die Idee, dem Dschango vorzuwerfen, er sei eine alte Memme. Dschango hat damals, als MP3s noch für Nerds waren, auben den Gring in Bassboxen gesteckt, damit es ihn so richtig durchhudlet. Dschango ist mal an einem Motörhead-Konzert eingepennt. Und Dschango hat generell grosse Freude an Lautstärke, ganz einfach weil sie vorzüglich zu Lärm passt.
Es ist geil, wenn die Bässe meine Testikel zum Schwingen bringen, ja. Es ist geil, wenn mein Herzschlag vom Beat synchronisiert wird, ja. Ich kann total gut nachvollziehen, was die 15-Jährige, die sich auf 35 frustriert hat, um sich danach auf 18 runterzuschminken, gemeint hat, als sie mir, unterlegt von einer Hello Kitty-Lippenstift- contra Flaschenbier-Fahne, “EYYSCHSOOOOOOOGEEEEEILMANN!!” ins Ohr geröhrt hat (sie hat definitiv nicht Dschango gemeint). Aber Leute, alles hat Grenzen. Und was ich lautstärketechnisch in der letzten Zeit im Ausgang erlebe, sprengt diese Grenzen eindeutig.
Wo diese Grenze liegt? Ich würde sie ungefähr dort ansetzen, wo, wenn ich einen Qualitäts-Ohrenstöpsel komplett bis an den Anschlag ins Ohr drehe, immer noch nicht das Gefühl habe, dass die Musik auch nur annähernd zu leise ist. Wie letzten Samstag geschehen.
Jetzt ist es ja nicht so, dass die Jugend von heute nach so einem Abend glücklich ins Bettli fällt, um den Ohren eine Woche oder zwei Ruhe zu gönnen. Nein, die Jugend von heute braucht Dieselboy ab iPod, um einschlafen zu können. Und steht spätestens zwei Tage später wieder vor der Bassboxe, um sich auch noch die letzte widerspenstige Hörfähigkeit auszuhämmern.
Wen wundert es da noch, dass die Jugendlichen heute immer schlechter hören? Wen wundert es, dass diese Teenies nicht mehr tanzen können? Schon mal einem Haufen Minderjähriger beim Arschwackeln zugesehen? Keine Ahnung von Takt oder gar Rhythmus, nur noch ein dröges Schaukeln, im besten Fall unmotiviertes Auf-der-Stelle-Treten ohne Konzept und Plan. Kein Wunder, wenn sich das hörbare Spektrum auf einen kontinuierlichen Brumm beschränkt. Wer das nächste grosse Ding in der Musik sucht, setzt vorzugsweise auf Tinnitus als primären Datenträger.
(Daneben fiel mir übrigens auch auf, dass die heutigen DJs keine Ahnung mehr von Aufbau haben. Diese Wahrnehmung mag so niederschmetternd sein, weil ich mittlerweile tatsächlich ein alter Sack bin, aber heute heisst “mixen” offenbar in erster Linie, alle vier Beats irgend etwas zu bringen, das die Tanzwilligen aus dem Konzept wirft.)
Meine Theorie: Alles taube Nüsse. Egal ob BesucherInnen, TechnikerInnen, DJs, MusikerInnen und VeranstalterInnen, alle schwer hörgeschädigt und im Prinzip berechtigt, eine IV-Vollrente zu beziehen. Der DJ kann die Tracks nur noch anhand der Basslinie erspüren und ohne all die Blinkis und Leuchtis an den Geräten wären die meisten Musiker akkustische Autisten. Sie merken es nur nicht, weil sie sich dauernd mit Leuten umgeben, die genauso hörbefreit sind wie sie selbst. Wir werden also faktisch von Gehörlosen mit Musik versorgt – so lassen sich auch Phänomene wie der Loudness War und MusicStar erklären.
Kennt ihr Saramagos “Stadt der Blinden”? So stelle ich mir die Zukunft vor, halt einfach mit Gehörlosen statt Blinden. Letztens war ja in der Presse zu lesen, man plane, in der Schweiz Englisch als fünfte quasi-offizielle Landessprache einzuführen. Vorher, ich sage es euch, vorher kommt die Zeit, in der Gebärdensprache als einzige offizielle Landessprache eingeführt wird, ganz einfach, weil in 20 Jahren niemand mehr gesprochene Sprache verstehen wird.
Und die beiden letzten, die dann noch tanzen können, sind Dschango und der Schwäbi.
Ho-ly fuck!







