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Generation “Hääh?!?”

Letzten Samstag gingen Beinharts mal wieder in den Ausgang. Da ich seit Anfang Jahr wieder RaBe-Mitglied bin, dachten wir uns, wir schauen an selbigem Fest vorbei, das im Gaskessel über die Bühne ging. Kurzes Fazit: Dreadzone Soundsystem waren supi-nette Dudes, Saalschutz arrogante Zürcher Sub-Szene-Futzis mit gravierenden Bildungslücken, das DJ-Kollektiv Skeewiff war recht geil (Sound) bzw fast eine Spur zu geil (Performance) und PlayBoy’s Bend aus Belgien ist für mich die Entdeckung des noch jungen Konzertjahres 2009 schlechthin.

Darum gehts hier jetzt aber überhaupt nicht.

Wir standen im Gaskessel rum und beobachteten, wie uns das Ausgangsvolk langsam aber sicher zu siezen beginnen möchte. Sind wir uns mittlerweile ja gewohnt. Zum Glück oszillierte der Schwäbi bereits im Raum, so dass wir noch nicht die Ältesten waren. Es lief Funk und die Minderjährigen hupften zu Musik, die bereits ihre Eltern wuschig gemacht hat. Naja, trotz unserem Dinosaurier-Alter nicht so unser Ding, also lästerten wir stattdessen eine Weile über die Leute ab.

Irgendwann wurde das langweilig, glücklicherweise aber der Konzertsaal aufgemacht und die Hasen hoppelten rüber. Suchten uns ein nettes Plätzli, höckelten hin und warteten.

Und staunten.

Früher, ich meine jetzt wirklich ganz, ganz viel früher, da lief ein Konzert wie folgt ab: zuerst war auf der Bühne noch nix los, bzw nur Roadies, die das Mantra aller Roadies beteten: “TEST, TEST, ONE, TWO”. Das ging etwa eine Stunde so, während derer im Hintergrund dezente Beschallung lief. Ein grosses No-Go war, die Musik der Band, die gleich spielen würde, aufzulegen – man will die Musiker ja nicht mit ihrer eigenen Studio-Aufnahme brüskieren. Eventuell spielte jemand mit dem Lichtpult herum, eventuell kotzte jemand vor die Bühne, aber im grossen Ganzen war der Rahmen hier vorgegeben. Vor allem: der Schallpegel war zu diesem Zeitpunkt auf einem Level, wo man theoretisch bei normaler Gesprächslautstärke noch ein Rilke-Gedicht hätte rezitieren und die Menschen um einen herum dies hätten verstehen können.

Danach spielte eine Band, es wurde laut, es wurde ständig an der Schmerzgrenze entlang geschrammt, eventuell ploppte auch mal ein Trommelfell. Man konnte dies aber vermeiden, indem man Ohrenstöpsel so bis zu einem Drittel tief ins Ohr schob, was dem Sound zwar etwas abträglich war, der Hörfähigkeit aber umso zuträglicher.

Nach der ersten Band hiess es “zurück auf Feld eins”, die Roadies kamen wieder aus ihren Löchern hervor und so ging es weiter, bis man irgendwann in einer Ecke aufwachte und sich fragte, wo man wohl seine Hosen gelassen hat. Und das Portemonnaie. Und woher die Bissspuren in der Unterleibsgegend kommen. Die Ohren haben noch genau so lange gepfiffen, wie das letzte Bier im Magen rumort hat und gut war.

Heute, meine Lieben, heute ist das ganz anders. Es scheint keine Übergänge zwischen Acts mehr zu geben, die Trennung zwischen Soundcheck und Act ist aufgehoben. Heute ist alles im Flow, Mann! Egal ob Sound- bzw Linecheck, Wartezeit, tatsächlicher Act oder Putzkommando: alles spielt sich auf derselben Lautstärke ab. Und diese Lautstärke, ich wage es zu sagen, ist mittlerweile jenseits von Gut und Böse.

Man komme jetzt nicht auf die Idee, dem Dschango vorzuwerfen, er sei eine alte Memme. Dschango hat damals, als MP3s noch für Nerds waren, auben den Gring in Bassboxen gesteckt, damit es ihn so richtig durchhudlet. Dschango ist mal an einem Motörhead-Konzert eingepennt. Und Dschango hat generell grosse Freude an Lautstärke, ganz einfach weil sie vorzüglich zu Lärm passt.

Es ist geil, wenn die Bässe meine Testikel zum Schwingen bringen, ja. Es ist geil, wenn mein Herzschlag vom Beat synchronisiert wird, ja. Ich kann total gut nachvollziehen, was die 15-Jährige, die sich auf 35 frustriert hat, um sich danach auf 18 runterzuschminken, gemeint hat, als sie mir, unterlegt von einer Hello Kitty-Lippenstift- contra Flaschenbier-Fahne, “EYYSCHSOOOOOOOGEEEEEILMANN!!” ins Ohr geröhrt hat (sie hat definitiv nicht Dschango gemeint). Aber Leute, alles hat Grenzen. Und was ich lautstärketechnisch in der letzten Zeit im Ausgang erlebe, sprengt diese Grenzen eindeutig.

Wo diese Grenze liegt? Ich würde sie ungefähr dort ansetzen, wo, wenn ich einen Qualitäts-Ohrenstöpsel komplett bis an den Anschlag ins Ohr drehe, immer noch nicht das Gefühl habe, dass die Musik auch nur annähernd zu leise ist. Wie letzten Samstag geschehen.

Jetzt ist es ja nicht so, dass die Jugend von heute nach so einem Abend glücklich ins Bettli fällt, um den Ohren eine Woche oder zwei Ruhe zu gönnen. Nein, die Jugend von heute braucht Dieselboy ab iPod, um einschlafen zu können. Und steht spätestens zwei Tage später wieder vor der Bassboxe, um sich auch noch die letzte widerspenstige Hörfähigkeit auszuhämmern.

Wen wundert es da noch, dass die Jugendlichen heute immer schlechter hören? Wen wundert es, dass diese Teenies nicht mehr tanzen können? Schon mal einem Haufen Minderjähriger beim Arschwackeln zugesehen? Keine Ahnung von Takt oder gar Rhythmus, nur noch ein dröges Schaukeln, im besten Fall unmotiviertes Auf-der-Stelle-Treten ohne Konzept und Plan. Kein Wunder, wenn sich das hörbare Spektrum auf einen kontinuierlichen Brumm beschränkt. Wer das nächste grosse Ding in der Musik sucht, setzt vorzugsweise auf Tinnitus als primären Datenträger.

(Daneben fiel mir übrigens auch auf, dass die heutigen DJs keine Ahnung mehr von Aufbau haben. Diese Wahrnehmung mag so niederschmetternd sein, weil ich mittlerweile tatsächlich ein alter Sack bin, aber heute heisst “mixen” offenbar in erster Linie, alle vier Beats irgend etwas zu bringen, das die Tanzwilligen aus dem Konzept wirft.)

Meine Theorie: Alles taube Nüsse. Egal ob BesucherInnen, TechnikerInnen, DJs, MusikerInnen und VeranstalterInnen, alle schwer hörgeschädigt und im Prinzip berechtigt, eine IV-Vollrente zu beziehen. Der DJ kann die Tracks nur noch anhand der Basslinie erspüren und ohne all die Blinkis und Leuchtis an den Geräten wären die meisten Musiker akkustische Autisten. Sie merken es nur nicht, weil sie sich dauernd mit Leuten umgeben, die genauso hörbefreit sind wie sie selbst. Wir werden also faktisch von Gehörlosen mit Musik versorgt – so lassen sich auch Phänomene wie der Loudness War und MusicStar erklären.

Kennt ihr Saramagos “Stadt der Blinden”? So stelle ich mir die Zukunft vor, halt einfach mit Gehörlosen statt Blinden. Letztens war ja in der Presse zu lesen, man plane, in der Schweiz Englisch als fünfte quasi-offizielle Landessprache einzuführen. Vorher, ich sage es euch, vorher kommt die Zeit, in der Gebärdensprache als einzige offizielle Landessprache eingeführt wird, ganz einfach, weil in 20 Jahren niemand mehr gesprochene Sprache verstehen wird.

Und die beiden letzten, die dann noch tanzen können, sind Dschango und der Schwäbi.

Ho-ly fuck!




Heute schon ein totes Tier im Schuh gehabt?

Dieser Artikel beginnt mit einem Geständnis: Ich, Dschango Beinhart, gestehe hiermit, Käsefüsse zu haben. Und nicht Käse so aus der Gouda-Light-Abteilung, sondern richtig üble Fine Food Quanten, im Aroma oszillierend zwischen einem gut abgereiften Camenbert aus der Normandie und einer würzigen, ungarischen Salami. Das sind wohl meine Gene, die jahrhundertelang in allen Ecken Europas herumflottiert sind, um dann schliesslich in meinen Füssen fröhliche Zusammenkunft zu feiern. Ist jetzt nicht so schlimm wie, sagen wir mal, Haarausfall im Jugendalter (hier liebe ich meine Gene!), weil ein Fusstoupet ist etwas ganz Normales, während ein Toupet auf dem Kopf immer wieder Anlass für derbe Spässe an Geschäftsweihnachtsessen ist.

Und spart euch all die guten Tipps. Alles ausprobiert, Erfolg mässig bis nicht vorhanden. Egal welches Fasergemisch für die Socken, egal wie oft oder wie selten mit welchen Emulsionen, Meersalzen und ätherischen Ölen eingerieben, gereinigt und gepudert, es läuft immer auf dasselbe hinaus: Falls mal jemand eine gefechtsfähige Geruchskanone entwickelt, wird er garantiert früher oder später bei Dschango vorbeikommen.

Da ich es vermeide, bei Besuch o.ä. meine Schuhe auszuziehen (meine wenigen Freunde will ich nicht auch noch verlieren) ist es im Grunde genommen nur Hase, die darunter leidet. Dies jedoch sehr. Und wer schon mal versucht hat, eine Frau, die grün im Gesicht ist, zu einem Schäferstündchen zu verführen, weiss, dass es höchst kontraproduktiv für einen entspannten Koitus ist, wenn die Frau darauf besteht, beim Akt den Kopf aus dem Fenster zu halten. Aber zum Glück gibt es heute, wo keine definierbare Zielgruppe von Marketingaktivitäten und auf sie zugeschnittenen Angeboten verschont wird, auch für Käsefussbesitzer und ihre Hasen eine Lösung: Geox, der Schuh der atmet!

Ich bin (bzw Hase ist) ja ein treuer Kunde dieser Firma, die mit dem gesellschaftlichen Tabu des Körpergeruchs ein Schweinegeld erwirtschaftet. Hatte bisher ein paar Sommerschuhe von denen, die auch tatsächlich das hielten, was sie versprachen: weniger Fussschweiss, daraus resultierend weniger Fussgeruch, daraus resultierend mehr und besseren Sex. OK, das Letzte habe ich jetzt frei hineininterpretiert, aber bei mir läuft es mehr oder weniger darauf hinaus.

Nunja.

Neulich war Zeit für einen Schuhwechsel, zielstrebig steuerten wir den Geox-Laden an und Dschango hatte die Aufgabe, von dem ausgestellten Schuhwerk ein Paar auszuwählen, das seinem Gusto entsprach. Das geschah auch recht flott – das Kriterium ’schwarz’ reduziert das Angebot in der Regel auf unter 50%, ‘ohne jeglichen Schischi’ auf maximal 5% und bei ‘ich sagte doch, ohne jeglichen Schischi, gopfertami!’ bleibt dann meist nur noch ein Schuh übrig. Die nette Verkäuferin meinte noch aufgeregt, der Schuh sei einmalig, weil erstmals auch von oben her wasserdicht (“die Membrane ist bis oben durchgezogen!”) und wir wurden uns schnell handelseinig. Zweihundert Franken abgedrückt, eine tolle Tüte mitbekommen, meine Füsse hatten ein kältefestes, schweissresistentes Winterquartier – was konnte da noch passieren?

Also, mal das Positive vorweg: der Schuh ist sau bequem. Wie Finkli schmiegen sich die Teile an meine strapazierten Treterchen, sie sind wohlig warm und tatsächlich kann man sich sogar eine Schneeballschlacht mit den Büro-Dudes geben, ohne dass Wasser von aussen reinkäme. Aufmerksame LeserInnen merken hier: da kann etwas nicht stimmen. Und ihr habt natürlich völlig recht, ihr aufmerksamen LeserInnen ihr!

Es geschah ein paar Tage nach dem Kauf, als Dschango abends noch vor dem Computer sass. Irgendwas roch da eigenartig. Undefinierbar, aber doch eindeutig unangenehm. Subtil, aber doch störend. Das Gemeine war: hätte es nach Käsefuss gerochen, hätten bei mir sofort alle Alarmglocken geschellt und ich hätte mir Müllsäcke über die Schuhe gezogen. Bei diesem Geruch dauerte es aber eine Weile, bis der Ursprung ausgemacht wurde. Er erinnerte mich an etwas Totes, das irgendwo in einer Ecke vor sich hinrottet und geduldig darauf wartet, zu Staub zu zerfallen. Nachdem ich eine Stunde lang unter allen Möbelstücken die vermeintliche Ex-Maus gesucht und die Katzen mit bösen Blicken verunsichert habe, merkte ich, dass mir der Geruch folgt. Dass er immer da ist, wo ich bin. Das gab mir dann doch zu denken.

Also. Der Schuh ist tatsächlich dicht. Er ist dichter, als ich es je war. Er atmet bestimmt irgendwie – vielleicht einmal pro Minute, so wie ein Wal. Das reicht jedoch bei weitem nicht, original osteuropäischen Zigeunerfussschweiss auszuweisen. Mit einem Emmentaler Bauernfuss wäre der Schuh bestimmt klar gekommen, vielleicht sogar mit einem Freiburger Pied Vacherin, bei mir streckt er aber die Waffen, schreit laut “Erbarmen!” zu mir hoch und die Dampfwölkchen, die in der Werbung immer so lustig paff-paff machen, bleiben bei mir ganz aus. Witzigerweise schafft es der Geruch, die ach so dichte Membrane (“bis oben hin durchgezogen!”) auszutricksen. Wahrlich ein Meisterwerk schuhmacherischer Ingenieurskunst!

Ganz übel ist es, wenn der Schuh eine Nacht ‘ausatmen’ kann. Der Geruch, der dem Teil am nächsten Morgen entströmt, ist sogar für meine Nase eine Note zu exotisch. Ich war schon an wirklich üblen Orten unterwegs, habe schon ganz, ganz elende Gerüche eingeatmet, habe nie auch nur die geringsten Berührungsängste gegenüber menschlichen Ausdünstungen gezeigt, aber dieser Mief ist wirklich, wirklich unter jeglicher Sau. Kein totes Tier auf dieser Welt kann derart bestialisch stinken.

Damit könnte ich ja noch leben. Letzthin, als es gerade arschkalt war, zeigte der Schuh aber noch ein neues, weitaus perfideres Gesicht: die Dinger sind nicht eistauglich. Ja, werte LeserInnen, richtig gelesen: nicht eistauglich! Ihr erinnert euch an letzte Woche, als die Strassen und Trottoirs alle gefroren waren? Da hättet ihr den Dschango sehen sollen, wie er verzweifelt versuchte, spät in der Nacht auf seinen rutschenden Tretern einen vereisten Hügel hochzukommen: ein Schritt vor, zwei Schritt zurück, Hopplarutsch, und das während etwa einer halben Stunde. Am Schluss krabbelte ich auf allen Vieren, die Fingernägel ins Eis hackend und mich daran den Hügel hochziehend. Wäre es jemand anderem passiert und hätte ich es gesehen, ich hätte mich bestimmt kaputtgelacht.

Die Nachbarn reden übrigens seit Neustem nicht mehr mit uns. Ich vermute, das ist, weil sie zweimal pro Tag im Treppenhaus an meinen in den letzten Zügen vor sich hinröchelnden Geox-Schuhen vorbeimüssen und sich fragen, warum der verfluchte Beinhart nicht endlich das sterbende Tier aus seinen Latschen entfernt.

Und verdammt, ich kann sie irgendwie verstehen.




Leseoffensive zum Wochenende

Das Wochenende steht vor der Tür, es hudlet und luftet wie blöd. Nächste Woche ist Abstimmungs- und Wahlsonntag, beides geht mir schon sowas von auf den Keks. Zur Unfähigkeit von BärenBabsi ist alles gesagt, zur Lachnummer auf der Harley ebenfalls. Auch auf der SVP herumtrampeln macht mir momentan wenig Freude – da diese Partei bald mehr Bundesratskandidaten als WählerInnen hat, was soll ich hier denn noch Lustiges beitragen?

Politikverdrossenheit? Schnauze voll vom miesen Wetter? Warum nicht mal wieder ein gutes Buch in die Hand nehmen, sich mit dem Hasen im Bau verstecken und dort mal dem einen, mal dem anderen frönen?

Deshalb hier meine aktuellen Leseempfehlungen aufs Wochenende:


R. D. Precht: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Ja, ich weiss, der Titel dieses Buches könnte von mir stammen. Tut er aber nicht. Leider, einerseits, weil wer fände es schon nicht toll, wenn ein Titel von einem (ein guter noch dazu!) auf ein Buch gedruckt würde? Zum Glück, andererseits, weil sein eigenes Buch unter Pseudonym zu rezensieren, das wäre jetzt sogar für mich ein kleines bisschen zu narzisstisch.

Darum gehts hier jetzt aber überhaupt nicht. Stattdesssen möchte ich der werten LeserInnenschaft, die philosophisch interessiert ist, dieses höchst amüsante und spannende Buch ans Herz legen. Zwar ist es eine Übersicht über die Philosophie, im Gegensatz zu den bisher erhältlichen Büchern zu diesem Thema ist es aber weder eine knochentrockene Abhandlung der verschiedenen Denkschulen und Ismen, noch ein Bombardement von Fakten, das die Lust am eigenen Denken schon im Keim erstickt. Stattdessen kommt es in einer humorvollen, verständigen Sprache daher und richtet sich ganz am konkreten Leben aus: Was ist Wahrheit? Woher weiss ich, wer ich bin? Nicht dass das Buch kugelsichere Antworten auf diese Fragen liefern würde, aber es gibt die richtigen Impulse, um selbst weiter zu denken.

Der Autor führt uns in einer Art philosophischer Weltreise durch die verschiedenen Orte, an denen Philosophie gemacht wurde, verknüpft immer den Titel des jeweiligen Kapitels mit dem Ort, der Person und der Zeit, die auf die jeweilige Frage eine Antwort gefunden zu haben glaubte. Auf diese Weise schafft er es, die zum Teil sehr anspruchsvollen Denksysteme anschaulich darzustellen.

Dschango-Prädikat: Unbedingt empfehlenswert!


Naomi Wolf: Wie zerstört man eine Demokratie – Das 10-Punkte-Programm

Die Autorin geht in ihrem Buch der Frage nach, was es braucht, damit eine Regierung ein Land von einer Demokratie in eine Diktatur verwandeln kann. Sie schildert dies mit einem Brief an einen Freund, in dem sie beschreibt, wie fragil einerseits das ist, was wir als ‘Demokratie’ bezeichnen und wieviel Aufmerksamkeit es von jeder Demokratin, jedem Demokraten auch und besonders heute braucht, damit die Errungenschaften, die unsere Vorfahren mit Blut und Geld erkämpft haben, nicht von billigen Populismen über den Haufen geworfen werden.

Hui, was für ein Satz…

Das 10-Punkte-Programm, wie es Wolf beschreibt, wurde in der Vergangenheit von beinahe jeder Diktatur angewendet. In den USA wurden in der Vergangenheit offenbar sogar angehende südamerikanische Diktatoren gezielt darin ausgebildet, ihre Bevölkerung mit diesen zehn Punkten unter die Knute zu zwingen.

Ja, das Buch ist aus einer sehr USAmerikanischen Warte aus geschrieben und die ständigen Lobreden auf die bestmögliche Demokratie ennet dem grossen Teich wirkt auf europäische Gehirne wohl etwas… naja, naiv vielleicht. Trotzdem hat, was Wolf zu sagen hat, durchaus auch bei uns Gültigkeit. Die Strategien und Techniken, die autoritäre Regimes anwenden, um eine freiheitliche Gesellschaft in Unterdrückung und Angst zu führen, sind während Jahrhunderten erprobt und bewährt und es wäre verwegen zu behaupten, dass solches bei uns nicht möglich wäre.

Bemerkenswert ist Wolfs Einsicht, dass die meisten Diktaturen keineswegs mit gewalttätigen Aktionen an die Macht gekommen sind. In den meisten Fällen liessen sich Diktatoren demokratisch wählen, zumindest aber juristisch legitimieren. Eine Diktatur entsteht nie über Nacht, indem man plötzlich die Stiefeltritte uniformierter Schergen im Treppenhaus hört. Stattdessen ist es ein langsamer, beinahe unmerklicher Prozess, der das Volk soweit bringt, zum Schluss dankbar zu seinem Metzger zu laufen.

Ein wichtiger Appell an das Demokratieverständnis jedes Einzelnen.

Dschango-Prädikat: Sollte beim Erreichen des Stimmrechtsalters Pflichtlektüre sein.

So, genug von all dem klugen Zeugs, hier noch ein bisschen Belletristik:


T.C. Boyle: Zähne und Klauen

Boyle begleitet mich schon seit bald 20 Jahren, war sogar mal mein absoluter Lieblingsautor (“America” war eine Offenbarung). Diesen Status musste er zwar leider abgeben (es wird ihn bitter reuen), noch immer aber schreibt er durchaus lesenswert.

Die Kurzgeschichtensammlung “Zähne und Klauen” beschreibt den Menschen als Spielball zwischen Ratio und Trieb, zwischen Dekadenz und Infantilität, zwischen Sinn und Unsinn. Seine Helden sind Säufer, Aussteiger und durchgeknallte Verlierer der Gesellschaft. Absurde Situationen treffen auf absurde Figuren, oder umgekehrt, je nachdem. Und Boyle schafft es, dass wir auch die grössten Deppen dafür bewundern, wie sie es schaffen, ihr seltsames Leben zu leben.

Dies ist sicherlich eines der grössten Talente von Boyle: man schliesst seine Figuren ins Herz. Boyle trifft, vor allem in seinen Kurzgeschichten, genau den Ton, genau die Balance zwischen Witz und Intellekt, die dazu führen, dass man sein als “Zwüschedüre”-Literatur geplantes Buch in wenigen Stunden wegliest. Die Boyleschen Verlierer machen süchtig, genauso wie sein süffiger, immer mit einem spitzbübischen Grinsen versehener Stil. Zynismus seinen Figuren gegenüber ist Boyle fern und es ist genau dieses Liebevolle, das ihn in meinen Augen zu einem der grössten seiner Zeit macht.

Dschango-Prädikat: Nicht nur fürs Nachttischli geeignet.


Sven Regener: der kleine Bruder

Ja, der Herr Lehmann ist wieder da! Das dünne Büchlein enttäuscht zwar vom Umfang her (seit ‘Neue Vahr Süd’ sind meine Standards gestiegen), aber trotzdem: ein höchst vergnügliches Lesewerk hat der Herr Regener da wieder abgeliefert.

Das Buch spielt zwischen ‘Herr Lehmann’ und ‘Neue Vahr Süd’. Frank Lehmann wurde gerade aus der Bundeswehr entlassen und fährt mit seinem Punk-Kumpel Wolli ins Berlin paar Jahre vor dem Mauerfall, um da zu seinem Bruder Manni zu ziehen. Regener führt uns durch den Alltag der Hausbesetzer- und Anarcho-Szene in Berlin, ihre Auseinandersetzungen, ihre (faulen) Kompromisse, letztlich auch ihr Scheitern vor dem real existierenden Kapitalismus.

Ja, das Buch ist zum Brüllen lustig. Kaum eine Seite, auf der ich nicht in lautes Lachen ausgebrochen bin. Die Figur Frank Lehmann oszilliert ständig zwischen Naivität und Weltgewandtheit, stösst als Landei in Berlin zwar dauernd auf Mitleid, entpuppt sich aber, wenn es wirklich hart auf hart kommt, durchaus als der einzige, der einigermassen seine Hirnzellen zusammenreissen kann.

‘Der kleine Bruder’ ist einerseits ein Lobgesang auf ein Leben abseits aller Konventionen, andererseits auch dessen Schwanengesang, weil auch der autonomste Kapuzenjackenträger über kurz oder lang von der Gesellschaft abhängig ist, gegen die er, am liebsten unter Mamis Rock hervor, revoltiert.

Hase hat das Buch auch gelesen und fand es nur “soso, lala”. Es ist irgendwie ein Männerbuch, ja. Es beschreibt die seltsamen Rituale von XY-Trägern, ihre eigenartige Logik, ihr befremdliches Paarungsverhalten und ihre noch viel befremdlicheren Initiationsriten. Es entlarvt uns Männer (vor allem diejenigen, die sich gerne als links, anarchistisch, autonom und/oder feministisch sehen) als weinerliche Testosteronhaufen, die den Schwanz wortwörtlich einklemmen, sobald das eigene Weltbild ins Wanken gerät.

Vielleicht ist das Lesevergnügen für Frauen nicht so gewährleistet. Wenn man aber als Mann zwischen 18 und 25 Jahren in alternativen Szenen aufgewachsen ist und sich auch im hohen Alter noch nicht vollständig vom Geruch von Freiheit, Tränengas und Bierdunst lösen kann, erkennt man sich und seine damalige Umwelt auf jeder Seite wieder. Frank Lehmann ist so, wie ich mich zu sein erinnern glaube, und ich denke, das geht jedem so, der eine ähnliche Biografie hat.

Einziger Kritikpunkt: ZU KURZ, VERDAMMT!

Dschango-Prädikat: Ja, wie jetzt? Muss doch sein, oder?




Darmsaugen

Klistier war gestern

Klistier war gestern

Der Begriff des ‘Augenoptikers’, ich kann es nicht oft genug sagen, ist mir ein Gräuel. Welche Form des Optikers, so schreit es jeweils in mir, wenn ich jemanden dieses Unwort benutzen höre, gibt es denn sonst noch!? Ein Ohrenoptiker macht wenig Sinn und Muschioptiker haben mit ‘Gynäkologe’ bereits ein viel schöneres Wort, was soll dieses bescheuerte ‘Augenoptiker’ also? Könnte man nicht verantwortunsbewusster mit Buchstaben umgehen und in diesem Fall, gerade in Hinblick auf Klimaerwärmung und Finanzkrise, einfach fünf davon einsparen? ‘AUGEN’ gibt in Scrabble nämlich nur sieben Punkte, es kann also gar nicht so besonders sein. Mein Plädoyer (das ist mal ein Wort, mindestens 27 Punkte und wahrscheinlich auch noch der 50er Bonus, von den roten und blauen Bonus-Dingsens gar nicht zu sprechen! Leider habe ich es bisher noch nie legen können) lautet also: verschont die OptikerInnen vor den Augen – unserer aller Augen zuliebe.

In diesem Fall wurde aber der Vogel (hier wohl eher: Steinbock) derart abgeschossen, dass er kaum mehr als solcher zu erkennen ist. Klar, dem Optiker kann man hier eine gewisse Betriebsblindheit seinem Namen gegenüber attestieren. Aber welcher sadistische Legastheniker und typografische Tiefflieger von einem Schildermaler hat dieses Verbrechen begangen? Oder ist dies ein Beispiel dafür, dass man Lehrlinge nicht unbeaufsichtigt Kundenaufträge erledigen sollte?

Lehrling 1: Kannst du vergessen… so kommt das niemals auf ein Poschi…
Lehrling 2: Wetten, dass…?
Lehrling 1: LOL!

Und nein, es liegt nicht an meiner bizarren Fantasie, auch Hase hat spontan ‘Darmsaugen’ gelesen.

Wollte ich nur noch gesagt haben.




White Power (the good kind)

Meistens sind Sachen, die neu sind, ja nicht automatisch gut. Und oft ist das einzig Neue dann die Verpackung, was zur Folge hat, dass ich stunden- und tagelang im Migros herumirre, um so triviale Sachen wie Tofu oder Alpenkräuter-Tee zu finden.

Rrrrrrrrh...!!

Rrrrrrrrh...!!

Jetzt hat die Migros aber mal wieder einen Volltreffer bei mir gelandet, mit der “Crema Catalana”-Schoggi von Frey.

Halt, Stop, nicht aufschreien, liebe LeserInnenschaft. Ich weiss, Frey ist nicht wirklich bekannt für gute Schoggi. Und auf Diskussionen, ob weisse Schoggi jetzt wirklich Schokolade im engeren Sinne (ja, ist sie) und ob sie nicht total unmännlich sei (nein, ist sie nicht), lasse ich mich hier gar nicht ein.

Fakt ist: wer weisse Schoggi mag (hier!) und Crème Catalane als eines seiner Lieblingsdesserts deklariert (hierhierhier!!), ist mit diesem Produkt bestens bedient. Hase hat mich letzten Samstag da drauf aufmerksam gemacht und der Dschango, der olle Fresssack, hat die Tafel innerhalb einer Stunde verputzt.

Ich hoffe jetzt nur, dass das Zeug noch jemand anders auch mag. Es würde mich in Depressionen treiben, wenn dieses vorzügliche Produkt, wie so viele davor, plötzlich aus dem Migros-Regal verschwinden würde.

So, ich wär dann mal am Futtern…




Zu intim!

Da rief letzthin eine meinem Hasen geschäftlich bekannte Person bei uns zuhause an und fragte, Hasens Vornamen erwähnend, nach ihr. Anständig und zuvorkommend wie ich bin, gab ich die korrekte Auskunft, nämlich dass Hase unter der Dusche sei und in wenigen Minuten zurückrufen würde. Die Frau am Telefon fand das offenbar amüsant, konnte ich doch geradezu hören, wie sich ihre Mundwinkel hochzogen, während sie ein “merci, uf Widerhöhre!” ins Telefon trällerte. Mich irritierte das leicht und ich beschloss, den Hasen darauf anzusprechen.

Ich sag nur soviel: Pandoras Büchse ist dagegen Pipifax.

Mir ist ja klar, dass ich am Telefon nicht unbedingt mitteile, wenn Hase für kleine oder grosse Hasen muss. Ich habe mittlerweile gelernt, dass gewisse Menschen mit Wörtern wie “Toilette”, “scheissen” oder “onanieren” Probleme haben, obwohl Konsens darüber besteht, dass 99% der Menschheit mindestens zwei dieser Worte täglich einmal aktiv benutzt. Schon das Wort “Klo” provoziert bei manchen Personen hysterisches Kichern, ein Wort wie “Furz” kann einer Party eine komplett neue Wendung geben. Offenbar herrscht gesellschaftlicher Konsens darüber, dass man all das, was mit menschlichen Ausscheidungen zu tun hat, nicht kommuniziert. Sogar ich, der im Wohnwagen aufgewachsen ist, kann das am Rande nachvollziehen. Aber hey… Dusche?? Welches seltsame Tabu verletzt das denn?

Meine Libertin-Seele schlug natürlich sofort Alarm: US-amerikanische Sitten reissen ein! Man darf nicht mehr seichen gehen, sondern muss “Hände waschen”. Man darf nicht mehr abkacken, sondern geht sich “frisch machen”. Und man muss sich dafür entschuldigen, wenn man niesen muss. Was kommt als nächstes? Ein Warnblinker, wenn ich einen Ständer kriege?

Aber wie für alles andere hat Hase auch dafür eine höchst logische Erklärung. Es sei halt unangenehm, meinte sie, wenn man sich vorstelle, dass sich der andere (der am Telefon) vorstelle, dass man nackt unter der Dusche stehe. Und dass es für den oder die AnrufendeN noch viel unangenehmer sei, weil er/sie sich vorstelle, dass die Person unter der Dusche sich jetzt sicher vorstelle, dass er/sie sich vorstelle, dass er/sie unter der Dusche sei. Und das erst noch nackig (shocking!). Und, verblüffenderweise, sobald man sich vorstelle, dass sich der andere vorstelle, dass man sich vorstelle, dass der andere unter der Dusche sei – just in dem Moment täte man das ja auch!

OK, Hase hat mir das wirklich sehr einfühlsam und gründlich erklärt. Kapiert habe ich es zwar nicht, ich werde aber in Zukunft darauf verzichten, Positionsangaben des Hasen in der Welt zu verbreiten, solange die Koordinaten in oder um unser Badezimmer herum sind. Zum Glück muss ich nicht alles verstehen, um Hase glücklich zu machen.

Neulich, Hase war im Training, rief ihr Chef bei uns zuhause an und wollte sie sprechen. Da es nichts mit Ausscheidungen zu tun hatte war ich auf der sicheren Seite und gab völlig korrekt und höchst diskret Auskunft. Ich weiss nicht, warum der arme Mann trotzdem hörbar erbleichte, als ich meinte: “Sie schlägt gerade anderen Frauen die Fresse ein – kann sie Sie danach zurückrufen?”