Das Konsensationslager wählt
So, am Mittwoch ist es endlich soweit: die Wägsten und Besten des Landes steigen in den Ring der vereinigten Bundesversammlung, damit aus ihren Reihen neue Landesväter und/oder -mütter gewählt werden. Im Vorfeld dieser schönen eidgenössischen Tradition hat man ja einiges von den Kandidierenden erfahren: dass Frau Sommaruga beispielsweise schon mal Hasch-Guetsli gebacken hat oder dass Johann Schneider-Ammann nie lügt. Beides rudimentäre Voraussetzungen, um dem bundesrätlichen Stellenprofil zu genügen.
Gesucht ist, wie übrigens meistens, die eierlegende Polit-Wollmilchsau: möglichst jung (muss aber trotzdem seriös wirken), möglichst eine Führungspersönlichkeit, möglichst viel Charisma (aber nicht zu viel!), möglichst dossierfest, möglichst konsensorientiert, trotzdem zielstrebig, konfliktfähig, ausgleichend, intelligent (aber nicht zu sehr!), volksnah, wenn Frau: nicht allzu hässlich (aber ja auch nicht zu hübsch!), mit mindestens einem BWL- und einem Jus-Abschluss, Erfahrung in der Privatwirtschaft wäre von Vorteil. Die Beherrschung aller vier Landessprachen wird vorausgesetzt, die Beherrschung von Englisch hingegen nicht. Und schön wärs, wenn der/die KandidatIn in ungefähr fünfzehn Kantonen gleichzeitig Wohnsitz hätte. Und als Frau zählt, aber Mann ist.
Bekommen werden wir, wie auch meistens, im besten Fall (und nur in diesem) viel guten Willen im Sinne von “gibt sich und hat Mühe”. Und vielleicht mal ein Hasch-Guetsli von der Frau Sommaruga, was ja immerhin schon mal was wäre. Würde die Bundesratssitzungen auf jeden Fall auflockern; ich weiss da, wovon ich rede.
Doch halt: ich will jetzt nicht den Eindruck erwecken, dass die Politik im Bundeshaus von unfähigen, blinden und tauben Einbeinigen gemacht wird! Zwar haben die Bundesparlamente wie erwartet sowohl beim Mietrecht wie auch bei der Wafffeninitiative komplett versagt, aber immerhin gibt es noch Volksvertreterinnen, die Prioritäten zu setzen wissen und die wirklich brennenden Issues unserer Gesellschaft schonungslos aufs Tapet bringen. Ja, Frau Ada Marra hat per Motion durchgebracht, dass künftig zu Beginn der Bundesversammlung die Nationalhymne gesungen wird. Endlich, sage ich da nur! Wenn sie schon sonst nichts Schlaues auf die Reihe bringen, sollen sie wenigstens Singen dürfen. Ist ja wie damals in der Schule, wo einem der Lehrer gesagt hat, dass zwar nichts aus einem werden würde im Leben, er aber froh wäre, wenn man im Schulchor mitsingen würde, weil man der einzige ist, der die Töne preicht. Aber einewä, das Beachtliche an dieser Motion ist, dass sie aus den Reihen der SP kommt. Und nein, ich habe jetzt kein “V” vergessen: es ist offenbar wirklich eine SP-Nationalrätin, die auf folgende Zeilen abgeht wie ein Zäpfchen:
Betet, freie Schweizer, betet!
Eure fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.
Sozialdemokratie in Reimform, sozusagen. Seltsam? Nein, Politik.
Und wie wir ja eh schon bei dieser sind: Letzthin habe ich in der Stadt eine junge Frau gesehen, die hat ein T-Shirt getragen. Das ist bereits recht beachtlich, weil die Temperaturen waren in der Stadt mitunter in letzter Zeit keineswegs Tiischi-tauglich. Aber item. Ich habe das T-Shirt gesehen und mir gedacht, hm, wenn ich jetzt nur ein bisschen bessere Beziehungen zum französischen Präsidenten hätte, ich würde ihn grad sofort anrufen und sagen, ich hätte ihm dann übrigens noch was zum Anziehen, so zwecks Imagepolitur bei der EU. Und kleidsam wärs sowieso:
Man nehme übrigens mal wieder die gnadenlos geilen Gimp-Skills vom Dschango zur Kenntnis.
Eigentlich wollte ich ja noch über einen anderen regelmässigen Daumenschraube-Gast schreiben, der diese Woche wieder mal was von sich hören hat lassen: René Kuhn, seines Zeichens gewesene SVP-Knallerbse und Pussy Magnet qua Selbstbild, ruft gemeinsam mit anderen Opfern weiblicher Gewaltherrschaft zum ersten Antifeminismus-Treffen auf. Kommt mir jetzt aber irgendwie vor, wie wenn ein Diabetiker zur Zuckerboykott-Demo aufrufen würde, also lassen wir es halt.
Letzthin beim Zappen im Prekariats-TV übrigens so eine Doku über irgendeine am Rande der Gesellschaft lebende Familie gesehen, die irgendwas auf die Reihe gebracht hat, was der TV-Station immerhin 49 Minuten Sendezeit wert war, interessant war es trotzdem nicht. Aber als dann im Verlaufe der Sendung der Name des jüngeren Sohnes fiel, habe ich gemeint, ich hör nicht recht. Tat ich dann aber doch, wie sich dank moderner MAZ-Technik bald zeigte:
Das T-Shirt, das der junge Mann trägt, beschreibt übrigens ziemlich genau meine Reaktion auf seinen Namen. Man verstehe mich jetzt ja wirklich nicht miss: ich bin sehr dafür, Kindern möglichst exotische, schräge oder sonstwie belastende Vornamen zu geben. Das macht sie hart fürs Leben, ganz nach dem Cash’schen Motto des “Boy named Sue”. Aber wenn man bereits einen Nachnamen einbringt, der eigentlich schon Hypothek genug ist, muss man doch nicht noch… oder?
Da fällt mir ein: ist euch eigentlich schon mal aufgefallen, dass es den Begriff der “konsensorientierten Politik” ungefähr solange gibt, wie es konsensorientierte Politik als solche nicht mehr gibt? Finde ich noch interessant, irgendwie.
Aber noch etwas Erfreuliches zum Schluss. Habe soeben “Dr Goalie bin ig” von Pedro Lenz fertiggelesen. Und bin schlicht und ergreifend begeistert. Nicht nur, weil Lenz in einem mir nahen Idiom schreibt (O-Ton Hase: “Hihi, dä schriibt fasch so komisch wie du redsch!”), und auch nicht nur, weil er in real ein bisschen so aussieht wie der Dschango auf seinem Daumenschraube-Föteli, sondern vor allem, weil er ein begnadeter Erzähler sowie ein grandioser Beobachter ist, der zusätzlich noch je einen grossen Haufen Humor und Menschenliebe im Rucksack dabei hat. Endlich mal wieder ein Buch, bei dem jeder Satz, jedes Wort und jedes Satzzeichen dort steht, weil es dort stehen muss. Vor gefühlten hunderttausend Jahren hat sich der junge Dschango zum Ziel gesetzt, irgendwann mal die Schweizer Version von “Trainspotting” zu schreiben. Mit viel Neid, aber noch viel mehr Freude stellt der altersmilde Dschango heute fest, dass Lenz genau dies gelungen ist – besser und authentischer, als es der olle Zigeuner je hingebracht hätte.
Kaufen, lesen, lieben.





