Entscheidend ist, was hinten raus kommt
Neulich, auf der mittäglichen Pilgerreise zum Migros. Arscheskälte, dieser zufolge vereiste Wege und Schneehaufen überall. Mitten in dem ganzen Elend ein uraltes Manndli, an der Leine sein Pudel. Der Köter leidet mutmasslich unter Verstopfung und quält sich unter grossen Anstrengungen ein offenbar steinhartes, horziontal aus seinem Anus herausragendes, längliches Kötelchen ab, das sich nicht abschütteln lässt. Der Hund, sich wohl nicht in ausreichendem Masse erleichtert gefühlt habend, schaut nach hinten, sieht da was in seinem Popo stecken – und dreht komplett ab. Erst rennt er seinem eigenen Hintern nach, wobei er sein Herrchen, selbiges auf eisigem Untergrund höchst instabil, mit der Leine umwickelt. Dann beginnt der Hund, den Kötel in seinem Arsch anzubellen. Anzuknurren. Läuft vor ihm weg. Winselt. Dreht sich wieder im Kreis. Und im Zentrum das alte, magere Manndli in seinem grauen Kamelhaarmäntelchen und der Fellmütze, das die ganze Zeit “jetz hör doch uuf, hör jetz uuf! Was bisch du für ne Tschumpu! Hör jetz ändlech uuf!” schreit, sich mit der Leine in der Hand um die eigene Achse dreht und dabei nur mühsam das Gleichgewicht halten kann. Was auf der anderen Seite den Köter auch wieder zu Höchstleistungen anspornt. Es war so ungefähr das Maximum, das ich an Weihnachtswunder dieses Jahr erwarten darf, und es zauberte mir tatsächlich noch Tage danach ein Lächeln aufs Gesicht.
Als ich den Hund, der Angst vor seinem eigenen Arsch entwickelte, so anschaute, musste ich an die Politik denken. Und tatsächlich sah ich heute Morgen im Bund den alljährlichen Lobpreiset-die-Heilsarmee-denn-wir-wissen-ja-nicht-was-sie-tun-Artikel. Wir durften dort lesen, dass die Edith Olibet, ihres Zeichens Gemeinderätin der Stadt Bern, einerseits die diesjährige Stopfkollekte eröffnet, bei der Gelegenheit eine “stark zusammengefaltete” (!) Hunderternote in den Topf steckt und nicht müde wird zu betonen, wieviel Gutes die liebe, liebe Heilsarmee so macht.
Nunja. Warum der Faltgrad der Hunderternote dem Bund-Schurni derart viel Eindruck machte, muss wohl Redaktionsgeheimnis bleiben – wahrscheinlich haben einfach noch 23 Zeichen im Artikel gefehlt. Was aber sowohl Bund als auch Frau Olibet zu erwähnen vergessen, ist die Tatsache, dass sich die Heilsarmee den weitaus grössten Teil ihrer tollen Arbeit für die Bedürftigen von Staat, Kanton und Gemeinde zu marktüblichen Tarifen entlöhnen lässt. Und ihrerseits dann die tatsächliche Arbeit zum grössten Teil durch Freiwilligenarbeit erledigen lässt. DAS nenne ich mal ein Geschäftsmodell! Und dass die Heilsarmee selbst nicht den Einsatz für die Bedürftigen, sondern ganz klar die Missionierung als erste und oberste Priorität sieht, muss man ja auch nicht in den Zeitungen lesen, dafür gibt es ja die Schraube.
Und wenn wir schon bei Belästigung durch religiöse Spinner sind, wir haben seit letztem Sonntag ja ein Tram, das nach Bümpliz fährt, und weiter westwärts, sogar. Aufgefallen ist mir einerseits das schönste öffentliche Klo, das ich je gesehen habe (Bümpliz Endstation, war derart überwältigt, dass ich vergessen habe zu fotografieren), andererseits die extreme Präsenz, welche die verschiedenen Jesus- und sonstwie UnsichtbarerFreund-Vereine an diesem Eröffnungsfest hatten. Der Stand des Hauses der Religionen war beispielsweise lustig, weil sie so bunte Fetzen aufgehängt haben, die alle Hirnkrankheiten symbolisieren sollten, welche dann in dem noch zu bauenden Haus einziehen sollen. Entlarvend war, dass es zwar eine reformierte, eine katholische und eine christkatholische Kirche gibt, hingegen nur je einen Islam, Hinduismus und Buddhismus. Wahrscheinlich hätte das bei der Christenfraktion die Vielfalt in der Einfalt symbolisieren sollen, schliesslich stehen die auf so Symbol-Scheiss.
Aber damit nicht genug: an praktisch jeder Haltestelle der neuen Tramlinie waren temporäre Plakatwände aufgestellt, die irgendwie einen Bezug zum Tram und/oder Quartier versprachen, primär aber den Zweck hatten, einen Bibelspruch prominent in der Mitte zu platzieren. Und tatsächlich wurde diese tolle Aktion von den Landeskirchen der Schweiz gesponsert.
Wir fassen zusammen: mittlerweile macht BernMobil ja keine religiöse Werbung mehr in Tram und Bussen – die Plakate der Heilsarmee zählen nicht dazu, nenein, genausowenig die Plakate für die “Nacht der Religionen” natürlich auch nicht, eh klar, wo soll hier auch der religiöse Bezug erkennbar sein? – dafür lassen sie sich das Tram-Eröffnungsfest von den Kirchen sponsern und pflastertn zum Dank sämtliche Haltestellen mit Verkündigung voll. Wieder: ein tolles Geschäftsmodell! Würde darauf wetten, dass Olibets gemeinderätlich-kollegiale Grinsmaschine Rytz dahintersteckt.
Ich habe mir vorgenommen, das nächste Mal, wenn ein neues Tram gebaut wird, dann werde ich auch was anbieten. Und ich werde mich ans Beispiel der Methodistischen Kirche halten, die als Attraktion (sic!) einen “Raum der Stille” anbot. Ich meine, wie schäbig geht’s eigentlich noch? Im Luftschutzkeller ein Kerzli anzünden, fertig ist der Raum der Stille. Die Methodistischen Kirche verdient den “Prix Économique” dafür, mit nicht nennenswertem Aufwand sowas ähnliches wie einen Event geschaffen zu haben.
Am Schluss zählt, eben, was hinten rauskommt. Das wissen Pudel genau so gut wie Gemeinderätinnen. Und die Heilsarmee sowieso.


