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08/15

Man ist so alt, wie man sich fühlt. Welch ein geflügeltes Wort, man kann es so richtig schnoddrig hinwerfen. Spätestens wenn die Gruppe 18-Jähriger Mädels mit Körpern aus Pfirsich-Granit an einem vorbeigekichert ist, kann man als Mitdreissiger mit leichtem Bauchansatz schon ein wenig ins Grübeln kommen. Da hilft auch kein geflügeltes Wort mehr. Die einen gehen dann panikartig jeden Tag ins Fitnessstudio, Solarium inklusive, kleiden sich und ihren neuen Waschbrettbauch mit Boss-Kopien ein, kaufen sich ein gebrauchtes japanisches Cabrio und daten drei Monate später eine doppelstellige Anzahl von 18-22-Jährigen mit einer Flachlegungserfolgsquote von deutlich über 90 Prozent. Die anderen atmen tief durch, arbeiten durchschnittlich 5,3 Jahre für den gleichen Arbeitgeber am Stück, führen langjährige Beziehungen, richten alle zwei Monate ein Wine and Dine mit Freunden aus und schreiben irgendwas ins Web. Ich gehöre wohl eher zur letzteren Fraktion.

Aber seien wir jetzt nicht kleinlich, denn grundsätzlich bin ich der Meinung, dass jeder sein Glück auf seine Weise finden sollte. Gibt ja kein universelles Glücksrezept, da muss jeder sein eigenes Ding finden. Das schliesst das Ausleben einer für Aussenstehende manchmal leicht irritierenden Vorliebe keineswegs aus. Geht alles völlig in Ordnung, sofern es niemand anderem schadet. Aber es gibt sie, die Leute, die von ihrem effektiven Alter offline sind. Sie sind unter uns, und man erkennt sie. Sie werden älter und älter, aber irgendwie bleiben sie gleich.

Damals, vor ein paar Jahren, hatte ich in Bern an einer dicht befahrenen Kreuzung einen hellen Moment der Erkenntnis, als ich am Fussgängerstreifen wartend einen dieser üblen Stereotypen sah. Ein ganz krasser Fall von angehaltener Zeit, ich würde sagen 80er-Jahre, mit einer Cabrio-Corvette unter dem pilotenbebrillten Hintern und einem blonden und deutlich hässlicheren Peggy-Bundy-Verschnitt auf dem Beifahrersitz, von der Kleidung her vermutlich eine Fachfrau für Beischlaf. Als ich mir die zwei schrägen Vögel an der Ampel ein paar Meter vor mir angeschaut habe, da kam mir der Gedanke: Die Zeit ist jetzt!

Wer nicht mit der Zeit geht, der bleibt zurück. Und dies bezieht sich nicht auf den Zeitgeist im Sinne von Autos, Sonnenbrillen und sexueller Begleitung, sondern es geht um die eigene Biografie. Man tut gut daran, bei der eigenen Lebensgeschichte mit der Zeit zu gehen. Ich fände es jedenfalls recht erniedrigend, als plusminus 50-Jähriger am Samstagabend in einer Corvette mit Flittchen nebendran an einer Ampel in Bern zu stehen, wo ich von einem dahergelaufenen Schweden beobachtet würde, um dann dieses vernichtende Urteil über die eigene Lebensführung zu kassieren. Und das ganze dazu noch im Web! Schön blöd.

Dann lieber die Variante mit langjähriger Beziehung, regelmässigen Ess-Abenden mit Freunden und dem 5,3-Jahres-Arbeitsvertrag. Und Dienstag als Waschtag. Ich habs gerne ein bisschen ruhiger und berechenbar, wohl eine folge der nordschwedischen Herkunft. Würdig altern ist ein bisschen wie an die Jahreszeiten angepasst zu leben. Spätestens wenn nach einem dieser lustigen Abende mit gutem Essen und Trinken unter Freunden am nächsten Tag die Bilanz von fünf Deziliter Wein und sechzehn Zigaretten an der eigenen Substanz nagt, dann sollte man es spüren: Den Zahn der Zeit, das Wasser auf unseren Mühlen. Jede Stunde, jeder Tag und jede weitere Erfahrung gerbt und schleift uns, verändert unsere Sicht auf uns selbst und die Welt.

Ja, liebe LeserInnen, man tut gut daran, sich irgendwann für die eigene Kragenweite zu entscheiden. Das war wohl der springende Punkt, den unser Corvette-Fahrer vergessen hat. Aber eben, es ist nicht einfach, man muss da immer dran bleiben, will man nicht ins hintertreffen geraten. In dem Fall ist die Aussage “Man ist so alt wie man sich fühlt” kompletter Unsinn. Man ist in erster Linie so alt wie die Anzahl Lebensjahre, die man gelebt hat. Ist ja schlecht zu Widerlegen, gell?  Wie man sich fühlt ist eine ganz andere Baustelle.

Darauf trinke ich jetzt ein Gläschen. Skål!