Es ist eine Krux mit den zeitgenössischen helvetischen Sängern: Seichte Texte über zigmal gehörte Themen, unterstrichen durch ein Popgeplänkel, welches zeitweilig den Ausdruck Ohrenterror mehr als verdient hat. Vom heimwehgeplagten Bergler in der Stadt bis zum Büezer, der über den Spangen tragenden Schwan sinniert: Mal ehrlich, wo sind die etwas anspruchsvolleren Texter geblieben, welche das Wort lieben und sich nicht in erster Linie über eine Platzierung in den Charts definieren? Mit Ausnahme von Künstlern wie Stephan Eicher oder Kuno’s Truppe, sind sie leider rar geworden, die Troubadours der heutigen Zeit.
Dies ist mir bewusst geworden, als ich vor kurzem beim Herumstöbern auf eine Mani Matter LP gestossen bin (ja Kinders, das ist das grosse schwarze Ding mit Rillen, ein Relikt aus Aga’s Jugend…). Mit einem Schlag wurde ich sowas von in meine Kindheit zurückversetzt und ich erinnerte mich, wie mein Bruder und ich sämtliche Texte auswendig konnten. Irgendwo existiert sogar noch kompromittierendes Tonmaterial, worauf ich lautstark (und vor allem wohl in schiefer Tonlage) geschlagene 90 Minuten die Matter Lieder am trällern bin (muss glaub mal ein ernsthaftes Wort mit meinen Eltern sprechen – so von wegen Beweismaterialvernichtung und so…) Kurzum: Mani Matter war unser Held.
Zugegeben, der grosse Musiker war er nicht aber die Kunst des Wortes hat er wie kein anderer beherrscht. Hab ich als Kind über die Texte gelacht (“zwe Boxer im Ring, gä enang ufe Gring…”), war ich als Erwachsene beeindruckt von den gesellschaftskritischen Seitenhieben und der Gabe, das Leben stets mit einem Augenzwinkern zu betrachten. So staunte ich nicht schlecht als mein vierjähriges Patenkind kürzlich ihr Sangestalent unter Beweis stellen wollte und mir lautstark folgendes Liedchen zum Besten gab:
Är isch vom Amt ufbotte gsy, am Fritig vor de nüne,
by Schtraf, im Unterlassigsfall, im Houptgebäud, Block zwo,
Im Büro 146 persönlich ga z’erschiine,
Und isch zum Houptiigang am haubi nüüni inecho.
Vom Iigang, d’Schtäge uf, und de nach rächts het är sech gwändet,
isch dürne länge Gang, de wider rächts und de graduus,
de zrügg, und wider links, bis wo der Korridor het gändet,
de wider zrügg und gradus – witer meh und meh konfus.
I sött doch – het er dür die lääre Gäng grüeft – vor de Nüne,
by Schtraf im Ungerlassigsfall im Houptgebäud Block Zwo,
im Büro 146 persönlech ga erschiine und dür die lääre Gäng
da het me s’Echo ghört dervo.
Hie bini- het är dänkt – scho gsy, nei dert bim Egge chumme
ni villech wider… nei s’isch anders – warum geit’s jetz da,
i ha doch gmeint… aha.. jetz no dert vorne einisch ume,
was isch de das, da geits… jetz weis i nümme woni schtah.
Und dä wo isch ufbotte gsy am Fritig vor de nüne,
by Schtraf im Ungerlassigsfall im Houptgebäud Block Zwo,
im Büro 146 persönlech ga z’erschiine,
isch immer witergloffe und isch nie meh ume cho.
Weniger die Tatsache, dass ein vierjähriges Mädchen einen solchen Text zum Besten gab sondern vielmehr, dass Mani Matter auch heute noch mit seiner Mundartpoesie begeistern kann, lässt mich hoffen, dass dieser auch bei der jüngeren Generation nicht in Vergessenheit gerät. Zgrächtem nid, himmustärne!