DDR mit Hamilton-Optik
Weichzeichnerei im Rahmen von Geschichtsschreibung ist etwas ganz Beschissenes. Und doch scheinen Massen von Ostdeutschen genau das zu betreiben. Offenbar tun sie dies, um ihre historische Identität und das damit verbundene Gefühl zu schützen.
Ich kenne den Effekt. Unser tolles Gehirn hat ja das eingebaute Feature, dass mit der Zeit die negativen Erinnerungen aus einem Erlebniskomplex verschwinden, je effizienter desto mehr Zeit vergeht. Klar, sonst würde ja der Besuch jedes Schulraumes den leidgeprüften Ex-Schülern ihre schmerzlichen Erinnerungen aus der Steinzeit des Bildungswesens wieder in den Stirnlappen drücken, und wir würden alle bei der Erwachsenenbildung gepflegt durchdrehen. So oder ähnlich dürfte sich das dann abspielen.
Darum haben wir einen Erinnerungs-Weichzeichner im Gehirn. Ich persönlich schätze dieses Feature ausserordentlich, erlaubt es mir doch beispielsweise alten Arbeitskollegen freundlich und entspannt zu begegnen. Wenn ich mich noch an jedes Detail meiner Empfindungen aus der damaligen Zeit erinnern könnte, würde ich dem einen oder anderen glatt das Fressbett polieren wollen. Aber mit Weichzeichner im Gehirn wird man zum freundlichen Lamm.
Oder zum DDR-Zombie, um mal beim Thema zu bleiben. Der verlinkte SPON-Artikel hat auch ein kleines Forum mit mittlerweile über tausend Einträgen, welch ein Kabinett des Schreckens. Die Stimmen, die die Verklärer der DDR ins Pfefferland respektive in die Psychiatrie wünschen, sind selten, die meisten glänzen mit Ignoranz, Trotz, Merkbefreitheit und seltsamem Erinnerungs-Patriotismus.
Damit wir uns richtig verstehen: Ich habe nicht das Gefühl, in einer marktwirtschaftlichen Sozial-Utopie zu leben. Ich sehe genug Änderungsbedarf in unserer Gesellschaft und an der Art und Weise, wie wir auf diesem wunderbaren Planeten leben. Und ja, wir haben gewissermassen eine Art Diktatur des Kapitals, wie auch immer die geartet sein mag. Wir können aber mal einen Auszug dessen machen, was wir nicht haben, denn die negative Auswahl hilft oftmals auch weiter:
- Grenzmauer.
- Ausreisebeschränkungen.
- Selbstschussanlagen an der Grenze.
- Geheimgefängnisse.
- Bespitzelung durch die eigenen Reihen auf breiter Basis (wird jetzt freiwillig und butalstmöglich auf Facebook gemacht, wer braucht da noch Geheimdienste…).
- Ein Volk – eine Partei.
- Mangelwirtschaft.
- Leere Regale im Supermarkt.
- Qualitativ schlechte Lebensprodukte des Alltags.
Die Liste könnte auch noch länger sein, das macht hier aber keinen Sinn. Was lernen wir aus dieser Diskussion? Dass die Geschichte und deren Aufarbeitung nie neutral sein kann, aber sehr wohl professionell sein muss. Da können wir hierzulande immer noch vom hervorragenden Bergier-Bericht zehren, die Ostdeutsche Geschichte bräuchte etwas ähnlich geballtes. Aber da fehlt unserem nördlichen Nachbar wohl die Kohle. Eigentlich Schade…

Juli 1st, 2009 at 9:33
Herr Magnussen, wundern dürfen Sie sich. Ich wundere mich auch, jeden Tag. Aber mit dem Urteilen ist das so eine Sache.
Haben Sie mal an einem Ort mit mehr als 50% Arbeitslosigkeit gelebt? Haben Sie mal so ein, zwei, zehn Jahre auf Ihre(n) Partner(in) verzichtet, weil diese(r) 1000km weit weg arbeitet, während Sie zu Hause auf die Kinder aufpassen? Und wissen Sie, wie weit man ausreisen kann, wenn man nicht einmal weiss, womit man die paar lumpigen Reisekosten bezahlen soll?
Dass es Verklärung gibt und dass diese ein Massenphänomen ist, beidseitig des ehemaligen Eisernen Vorhangs wohlgemerkt, ist unbestritten. Dass es ebensoviel und womöglich noch mehr Unverständnis, Verkennung und Überschätzung unserer aktuellen Welt gibt, ebenso. Ich erkläre dies allerdings (mir selbst) hauptsächlich mit mangelndem Integrationsvermögen. Alle diejenigen, die dort ihre Schwierigkeiten haben, die verklären, nicht verstehen (können oder wollen), straucheln, am Ende auch scheitern, sind letztendlich nicht im Heute angekommen, d.h. andererseits aber auch, das Heute hat sie nicht aufzunehmen vermocht, draussen ge- und sich selbst übergelassen.
Im Übrigen, zu ihrer Liste möchte ich anmerken, viele Produkte, die in der DDR hergestellt wurden, funktionieren in meinem Haushalt noch immer völlig einwandfrei, Elektronik und Haushaltsgeräte beispielsweise. Ihre Qualität übersteigt heute Übliches bei weitem! Sie sind nämlich nicht zum Kaputtgehen konzipiert worden, ganz im Gegenteil, damals entwickelte man nach grundlegend anderen Prinzipien. Und was das Stichwort Mangelwirtschaft betrifft, Sie wandeln da mit “was wir nicht haben” tatsächlich auf verdammt dünnem Eis. Man darf sich von allgegenwärtiger, bunt glitzernder, brüllender Quantität, Mode und Lifestyle nicht die Augen verkleistern lassen.
Juli 1st, 2009 at 10:11
Werter Herr Müller, schönen dank für Ihren Kommentar. Es ist schwierig, innerhalb von 2′448 Zeichen ein differenziertes Bild zu malen, wir sind ja schliesslich am Bloggen. Lassen Sie mich Ihnen versichern, dass ich weder eine Trendhure noch ein Fan von Geglitzer bin. Ich habe ja auch kurz über unsere Gesellschaft und unser System reflektiert, meine Haltung kann als differenziert bezeichnet werden, Meinungsterror hin oder her.
Zum Werten: Als Meinungskolumnist, so verstehe ich meine “Arbeit” hier, muss man urteilen, das gibt dem Ganzen erst die Würze. Dass das immer auf Kosten von irgendwas oder irgendwem geht, versteht sich von selbst. Da traue ich Ihnen zu, damit umzugehen.
Dass es bei Ihnen Güter gegeben hat, die quasi unzerstörbar sind/waren, glaube ich Ihnen gerne. Ich habe auch schon mal eine russiches Raumschif von innen gesehen, mit all den Kippschaltern und Hebeln, wo wir “im Westen” wohl nur einen deutlich diffizileren Folienschalter eingebaut hätten.
Trotzdem: Nur zu gut erinnere ich mich, wie ich als Dreikösehoch im TV irgend einen Bericht über die DDR sah und meinen Vater ganz naiv fragte: “Warum haben die dort alle so alte Autos?”, worauf mein Vater antwortete: “Die sind nicht alt, die haben einfach weniger Geld und weniger gute Technologie wie wir, darum sehen die so aus.”. Der erste Eindruck zählt halt nach wie vor, egal wie gut oder stabil etwas ist.