Da haben sich ja zwei gefunden…
Wenn es einen Himmel gibt, dann gibt es auch Beziehnungen, die dort geschlossen worden sein müssen. Ich spreche jetzt nicht von der Hasenliebe, auch wenn diese definitiv in die Kategorie ‘heavenly’ passen würde, nein, es geht mir hier vielmehr um die Medien und ihre enge Beziehungen zu intellektuellen Flachzangen mit grossem Mitteilungsbedürfnis.
Beispiele gefällig? OK.
Die üblichen Verdächtigen sind gut genug
Als erstes möchte ich euch Herrn Roland Näf vorstellen. Ich weiss gar nicht, ob wir über diesen Herrn schon geschrieben haben hier, verdient hat er es sowieso. Herr Näf ist Vizepräsident der SP des Kantons Bern und hat sich auf die Fahne geschrieben, die Welt von Killerspielen zu befreien. Er hat zu diesem Behufe beispielsweise auch schon den Mediamarkt verklagt, weil dieser solche pösen Spiele anbiete – natürlich ist die Klage abgeschmettert worden.
Herrn Näf ehre ich heute mit einem Eintrag in diesem Blog, weil dieser wackere Kämpfer, der nach dem Motto “wenn wir die Wirkung verbieten, wird auch die Ursache von selbst verschwinden” politisiert, offenbar neu auch telepathische Fähigkeiten entwickelt hat. So schrie er, interviewt nach dem Massenmord von Winnenden, in den Medien bereits nach einem Killerspiel-Verbot, als die Polizei den Computer des Mörders noch gar nicht untersucht hatte. Näf zementiert mit seiner sektiererischen, verbissenen Art genau das Image, das seine Partei verzweifelt abzulegen versucht: das einer ängstlichen, verbotsgeilen und bevormundenden Ansammlung von Oberlehrern. Folglich ist das einzige wirkliche Killerspiel, das ich bisher mitverfolgen durfte, dasjenige, das Näf mit den Medien zuungunsten seiner Partei spielt.
Übrigens, Herr Näf: man munkelt, Tischtennis sei das neue Counter-Strike… ihr Engagement ist gefragt!
Kleider machen zwar Leute, aber nicht intelligenter
Ein anderes Beispiel, wie Ignoranz und Durchschnitt unverhältnismässige Wichtigkeit erhalten können, wenn sie nur oft genug in der Medienlandschaft durchgekaut werden, sehen wir am Beispiel Andreas Thiel. Sicher gibt es schlechtere Kabarettisten als ihn, gerade in der Schweiz. Zum Glück wird diesen aber, im Gegensatz zu Thiel, selten Gelegenheit zu öffentlichen Auftritten gegeben, geschweige denn, die eigene Meinung in ganzseitigen Zeitungsberichten der Welt mitzuteilen.
Es geht mir jetzt hier gar nicht darum, dass ich Thiel schlicht nicht lustig weil verdammt platt finde (ok, vielleicht 5% der Gags kommen bei meinem Zwerchfell an). Auch nicht, dass mich sein Gesicht immer wieder an einen Ameisenbären mit selbstgestrickten Ohrenwärmern erinnert. Oder dass die Medien seine “geschliffene Sprache” loben, während es mir jedesmal die Fussnägel hochrollt, wenn Thiel versucht, Bühnenhochdeutsch zu sprechen (Kurz-Tipp: ein ‘ch’ wird niemals als ’sch’ ausgesprochen, auch wenn es nach einem ‘r’ kommt). Und auch, dass Thiel seine politische Gesinnung, die meilenweit von der meinen entfernt ist, zum Hauptverkaufsargument seines Humors macht, ist mir egal. Meinetwegen kann man sich ausgerechnet der Ideologie verschreiben, die uns in die aktuelle Scheisse geritten hat und natürlich profitiert Thiel hier von einem Exoten-Bonus. Ob man das jetzt intelligent finden soll, sei dahingestellt.
Was mich an Thiel aber wirklich nervt ist sein unglaublicher Mangel an Allgemeinbildung. Er ist ja im Solothurnischen aufgewachsen, von dem her habe ich, als Auch-Betroffener des solothurnischen Schulsystems, ein gewisses Verständnis. Gerade an mir, heute weitestgehend erfolgreich in die Restwelt integriert und befähigt, etwas weiter als bis ans Ende meines Rüssels zu denken, lässt sich aber auch aufzeigen, dass man das Stigma einer solchen Schulbildung durchbrechen kann, wenn man nur den Kopf aus dem eigenen Arsch zieht und selbst zu denken beginnt.
Thiel nutzt den Trick aller Populisten: er vereinfacht. Was nicht ausserhalb seiner (zugegebenermassen beeindruckenden) Nasenspitze geschieht, wird ausgeblendet. So war er sich nicht zu blöde, sich selbst in einem 10vor10-Bericht als einen der wenigen (ich meine sogar, er sagte “einzige”) wirklich freien Bühnenkünstler zu bezeichnen. Warum? Ganz einfach, weil er noch nie Subventionen oder staatlich Unterstützung angefordert oder bezogen habe.
Bei wem schellt der Bullshit-Alarm jetzt auf Stufe 10? Gut so. Wer auch nur eine halbe Millisekunde überlegt, merkt, was an dieser Aussage faul ist. Natürlich bekommt Thiel nicht direkt Geld vom Staat. Natürlich wird er nicht subventioniert (er gibt ja auch keine Milch). Aber schon mal dran gedacht, dass die allermeisten Orte, an denen er auftritt, durchaus am Rockzipfel des Staates hängen? Momentan gastiert er im Berner La Capella – hat ihm wohl jemand gesagt, dass dieser Veranstaltungsort nur dank den Subventionen, die der Stadtrat letztes Jahr bewilligt hat, überhaupt noch existiert? Thiel macht es sich so einfach wie die Schweizer Rüstungsindustrie, die zwar Waffen in Kriegsgebiete schickt, aber sämtliche Verantwortung ablehnt, was mit diesen Waffen geschieht – man selbst drückt ja nicht ab.
Die gute Nachricht kam aber diese Woche in der Berner Zeitung: Thiel plant seinen Umzug nach Island, zwecks Auswanderung. Ist zwar schade für diese Insel und ihre Bewohner, die gerade in der letzten Zeit wirklich genug gelitten haben, aber was solls, Island ist ja gross. Er stellt sich vor, ein- oder zweimal pro Monat für Auftritte (an subventionierten Bühnen) in die Schweiz zu kommen. Offenbar weiss er nicht, dass Flüge nach und von Island notorisch verspätet sind oder ausfallen – wir dürfen uns ab Mai also über zahlreiche “Vorstellung fällt aus”-Meldungen in Zusammenhang mit Thiel freuen. Spassig ist in diesem Zusammenhang Thiels Aussage, in der Schweiz gebe es einfach “zu viele Dealer und Pisser”. Nunja, zumindest von Letzteren gibt es ab Mai einen weniger hier.
Noch ein kleiner Tipp: in Island kommt es momentan nicht sehr gut an, wenn man mit Sprüchen wie “weniger Staat, mehr unternehmerische Freiheit” unterwegs ist. Isländer sind zwar extrem cool (im wahrsten Sinne) und auch wahnsinnig (ebenfalls im wahrsten Sinne) nett, ich würde Herrn Thiel aber empfehlen, sich hier vielleicht ein bisschen bedeckt zu halten. Wir wollen ja nicht, dass plötzlich ein Schweizer Kabarettist mit dem Gesicht nach unten in der Bucht von Reykjavik treibt.
Lieber beten als denken (oder gar handeln)
Den Preis für Ignoranz und Verbohrtheit gewinnt diese Woche aber klar die deutsche Bundeskanzlerin Merkel mit ihrem Statement zum Massenmord in Winnenden, sie würde “dem Bundesland alle nötige Hilfe zukommen lassen und für die Angehörigen beten”, das von allen Tagesschauen freudig verbreitet wurde. Ja, klar, mit Beten wird den Angehörigen sicher geholfen. Was ist eigentlich der Witz daran, wenn jemand sagt, er oder sie bete für einen? Will der Betende damit sagen, dass er einen direkten Draht zu Gott habe? Dass sich Gott durch die Gebete irgendwelcher Nacktaffen dazu genötigt fühlen könnte, die Toten umgehend wieder auferstehen zu lassen? Oder ist es halt doch nichts weiter als akkustisches Nasenbohren, das umso besser ankommt, wenn man die bittersäuerliche Trauermiene aufsetzt, in der Merkel Weltmeisterin ist?
Ich bin ja auch gespannt, wie die Hilfe konkret aussehen wird, insbesondere dann, wenn sie, im Gegensatz zum Beschwören eingebildeter Freunde, mit Kosten verbunden sein sollte. Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass Frau Merkel tatsächlich eine 180°-Kehrtwende macht und nun vermehrt Gelder für so unnütze Dinge wie schulpsychologische Dienste und Bildung (kleinere Klassen, mehr und besser ausgebildete LehrerInnen, bessere Infrastruktur, Tagesschulen etc, etc, etc) fliessen. Höchstwahrscheinlich war das aber auch nur mal wieder medienwirksames Betroffenheits-Geseier ohne Sinn und rationale Basis – von dem her passt es ja auch wieder zur Beterei. Oder wie sagte mal ein guter Freund von mir:
“To say ‘I pray for you’ is polite for ‘fuck off’”.
In diesem Sinne, an all die Näfs, Thiels, Merkels und sonstigen Experten, Genies und Führer sowie ihre willfährigen Speichellecker, die Medien: ich bete für euch bis ans Ende meiner Tage…

März 13th, 2009 at 17:25
Ich habe immer so meine Mühe, mit eindimensionaler Sichtweise. Natürlich kann ein solch grässlicher Amok nicht ursächlich nur auf ein oder mehrere Ballerspiele zurück geführt werden. Der Mensch ist ein “vernetztes” Wesen, auch was Gehirnfunktionen anbelangt. Aber potentiell gefährdete Menschen, die zu einer solchen Gewalttat fähig sind (und die Ursachen dazu manigfaltig sind – genetisch wie sozial), werden sich aber an solchen Spielen “aufgeilen”, ihre Tendenzen also “ausleben” können. Solange sie das im virtuellen Bereich tun, ist nichts zu sagen. Wenn aber dann eine weitere Persönlichkeitsstörung dazukommt, die zwischen Virtualität und Realität nicht mehr unterscheiden kann, wird es brandgefährlich. Nein, ich bin auch gegen Verbot solcher Spiele – aber ich bin auch gegen das naive Argument, Ballerspiele habe nichts, aber auch gar nichts mit solchen Taten zu tun – aus den kurz dargelegten Gründen oben.
März 14th, 2009 at 0:24
es greift eben nicht. wenn geistige störungen schlimm genug werden, dann kann ein alles und jedes zum katalysator werden. und nochmals: waffen benutzen lernt man nicht in videospielen, wohl aber im schützenverein. und leute mit waffen unterm kissen oder im nachttisch verletzen ihre sorgfaltspflicht. nicht die psychische störung ist das problem, sondern das umfeld und der zugang zu entsprechenden mitteln. computerspiele sind nur ein billiger platzhalter für das eminente problem vom adäquaten umgang mit psychischen erkrankungen in unserer tabuisierenden gesellschaft. and then some…
März 18th, 2009 at 18:48
Da ist Ihr geliebter Näf mit einer Frage: Wie wäre es, wenn Sie einfach sachlich die verschiedenen Argumente diskutierten statt Andersdenkende als dumm und ignorant zu disqualifizieren? Gerne unterstütze ich Ihren Diskurs mit einer umfassenden Bibliographie der wichtigsten Wirkungsstudien medialer Gewalt. Aufgeführt sind jene Studien, welche in angesehenen wissenschaftlichen Zeitschrift publiziert wurden, und zwar unabhängig von der politischen Diskussion. Lesen Sie doch bitte ein paar Studien, statt verbal und virtuelle herumzuballern! Hier also die Bibliographie:
http://www.medienheft.ch/dossier/bibliothek/d08_Games_Literatur.pdf
März 19th, 2009 at 0:04
Jahaha, Herr Näf, ganz toll!!!
Bzw. merci Herr Beinhart, besser könnte man den Fall dieses fleissigen Eigengoal-Schützen nicht beschreiben. Ich plus einige Kollegen haben die SP ja auch zusehends nur noch aus reiner Schadensbegrenzung gewählt, aber dieser Hinterbänkler hat das Fass dann endlich zum Überlaufen gebracht. Ich meine, wenn ich Zensur und Polizeistaat will, kann ich gleich die SVP wählen, die wollen mir wenigstens nicht das Autofahren verbieten; so rein theoretisch gesprochen jetzt…
März 19th, 2009 at 13:22
@Roland Näf
Herzlichen Dank, dass Sie Zeit gefunden haben, unser kleines Daumenschräubchen mit Ihrem Kommentar zu beglücken. Für Sie, meinen “geliebten Näf” (da ist wohl ein bisschen das Wunschdenken mit Ihnen durchgegangen, Sie Sürmel Sie!), gebe ich sogar eine Kommentar-Antwort.
Ich verstehe zwar, dass Sie gerne die Diskussion vom Artikel wegbringen und zu Ihren Kernthemen verlagern wollen. Leider werden aber auch noch so viele Studien nichts daran ändern, dass Sie hier Ursache und Wirkung verwechseln. Das passiert in den besten Familien, sogar mir ab und zu, ist also kein Beinbruch.
Viel mehr als Ihre Bibliographe hätte mich interessiert, woher Sie ihre telepathischen Fähigkeiten haben. Oder ob Sie jetzt auch Tischtennis und Opern verbieten wollen (zumindest für zweiteres würde ich in begrenztem Rahmen Hand bieten). Aber henusode.
Um allenfalls auftretende Verständnisprobleme in Zukunft zu vermeiden, bitte ich Sie, den Untertitel dieses Blogs (ganz oben, zwischen “Daumenschraube.ch” und dem verschwommenen Zeugs) noch mal gut durchzulesen und zu verinnerlichen.
Diesbezüglich zu Ihrer Frage:
Der Vorschlag wurde redaktionsintern geprüft, diskutiert und verworfen. Trotzdem danke, dass Sie versucht haben, sich einzubringen!
März 20th, 2009 at 22:01
Beim Lesen dieses Artikels fand ich einfach nur noch diesen Ausdruck: Sehr gut geschrieben. Ich wollt, ich könnte so.
März 28th, 2009 at 15:36
@ Roland Nä. Wie zum Gugger sind Sie auf diese Site geraten? Ist doch nicht ganz Ihre Welt. Selfgoogeling jeden Morgen zwischen Frühmette und Gassigang mit Hündchen Tina bis vor die Tore des Mediamarkts? Mit besorgten Grüssen – und konstatierend, dass in Ihrem Namen der Unterschied zwischen “ä” und “e” nicht genügend Gewähr bietet, wirrfei zu sein.
März 31st, 2009 at 15:32
Der liebe Herr Näf hat einfach ein kleines Logik-Problem.
Wer die letzten 30 Jahre nicht unter einem grossen Stein verbracht hat wird bemerkt haben, dass eine grosse Mehrzahl von jungen Menschen sich mit Computerspielen beschäftigen, wovon Spiele welche Gewalt beinhalten das womöglich grösste Genre darstellen.
Das heisst, fast jeder Mensch unter 35 Jahren hat schon solche Spiele gespielt, viele davon besitzen selber solche Spiele. Der Einfachheit halber sagen wir mal, in 60% der Haushalte befinden sich sogenannte Killerspiele.
Wenn also einer Amok läuft, ist die Wahrscheinlichkeit bei 60%, dass in seiner Wohnung solche Spiele gefunden werden, damit ist diese Korrelation wertlos.
Genauso gut könnte ich behaupten, Coca Cola trinken macht Leute zu Killern, nahezu jeder Mörder wird in seinem Leben mehr oder weniger Cola getrunken haben.
Man kann das töten wahlweise auch mit Muttermilch oder Fleischkonsum korrelieren (was übrigens ebenfalls allen Ernstes schon gemacht wurde).
Um jetzt noch anstandshalber auf Argumente einzugehen:
Es ist nicht auszuschliessen, dass Leute mit ohnehin gewalttätigen Tendenzen mittels virtueller Gewalt ihre Hemmschwelle senken können. Nur töten werden sie nachher mit einer echten Waffe und die Hemmschwelle einen Abzugsfinger zu krümmen oder jemanden mit einem Küchenmesser niederzustrecken ist doch ebenfalls recht unterschiedlich. Also, verbietet alle unnötigen Schusswaffen und schickt auch nicht jeden noch so labilen Deppen ins Militär, wo er sich dann mit der Waffe in der Hand das erste Mal wichtig vorkommen kann.