Das auserwählte Volk
Schon mal überlegt, warum die Klorolle im Büro-WC immer dann leer ist, wenn du auf dem Pott hockst? Oder schon mal gestutzt, weil immer du der- oder diejenige bist, dem/der die Tauben auf den Kopf scheissen? Dass in der Beiz immer du vom Personal übersehen wirst? Kann das einfach nur Zufall sein? Natürlich nicht, du gehörst einfach nicht zum Auserwählten Volk.
Es gibt ja einige Gruppen, die von sich behaupten, von Gott auserwählt zu sein. Im Grunde genommen behaupten das auch alle Religionsgemeinschaften von sich, mal mit mehr, mal mit weniger Offenheit und Vehemenz. Allen voran natürlich die Juden, die die Auserwähltheit quasi erfunden haben und die diese Idee bis heute durchziehen. Man kann (und soll) sich jetzt natürlich fragen, ob es unbedingt einen Holocaust, verstümmelte Shnibbeles und Katjuscha-Raketen braucht, damit Gott einem zeigen kann, wie ganz doll lieb er einen hat. Eher nicht, denk ich mir jetzt mal.
Die Muslime hingegen leben mehrheitlich unter grausligen Verhältnissen, bekommen israelische Bomben zum Frühstück und haben Schiss vor Schnaps und Frauen. Und die Shnibbele-Geschichte gilt auch hier. Also die Muslime können wir bezüglich Auserwähltheit wohl ebenfalls knicken.
Dann noch die Christen. Rein vom ökonomischen (lies: calvinistischen) Standpunkt her könnten sie ja auserwählt sein: Wohlstand einer breiten Bevölkerung kommt primär in christlich geprägten Ländern vor. Sie müssen sich auch nicht von Geistlichen an ihren juvenilen Genitalien rumsäbeln lassen, das passt auch. Die besten Gegenargumente hierzu: Weltwirtschaftskrise und katholische Priester. Ausserdem gibt es mittlerweile so viele Abspaltungen, Sekten und Kleinbibelgruppen christlichen Flavours, dass ich darauf wette, nicht mal Gott selbst hätte noch die Übersicht darüber, welche er jetzt genau als auserwählt ansehen würde.
Wenn man lange genug über dieses Thema nachdenkt, kommt man zwangsläufig zu diesem Schluss: Das Auserwählte Volk, meine lieben Leserinnen und Leser, das wirklich und wahrhaftig von Gott Auserwählte Volk, das sind die Zahnärzte dieser Welt.
Mir kam dieser Gedanke, als ich mir vorgestern Nacht mal wieder die Füllung von Molar 17 ausgebissen habe. Molar 17 und ich teilen eine lange, nicht immer erfreuliche Geschichte. Zig Füllungen (Amalgan, Porzellan, Plastik, Araldit, Weisses-Zeug-aus-der-Tube-womit-man-Löcher-in-der-Wand-zustopft), Wurzelbehandlungen, Spülungen und was weiss ich noch alles habe ich diesem verfluchten Zahn geschenkt. Und was kam zurück? Schmerzen und noch mehr Schmerzen. OK, vielleicht war es ja auch mein Fehler, weil wirkliche Aufmerksamkeit habe ich Molar 17 (oder ‘17′, wie mein Zahnarzt und ich ihn liebevoll nennen) nur dann zukommen lassen, wenn er mir mal wieder eine Eiterbeule bescherte, die mein Gesicht leicht rechtslastig wirken liess. Tatsache ist aber: mein Zahnarzt hat sich dank 17 eine Golfausrüstung, ein vergoldetes iPhone und eine Scheidung leisten können. Für einen simplen Backenzahn eine ganz beachtliche Leistung.
Habe ich eigentlich schon mal von meinem Zahnarzt erzählt? Ich mag ihn sehr gut leiden. Bedenkt man, dass wir ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis zueinander haben (ich möchte gerne auch morgen noch kraftvoll zubeissen können, er möchte sein Handicap verbessern), kann man sogar sagen, dass wir in einer fröhlichen Symbiose zueinander leben. Er hat es geschafft, dass ich locker und entspannt auf dem Zahnarztstuhl hocken kann und mir nicht mehr die (metaphorische) Seele aus dem Leib schwitze, sobald ich seine Folterwerkzeuge sehe. Er bohrt wie der Teufel und wenn er mir sagt, dass ich keine Spritze brauche, dann ist das auch so. Da ich sehr viel Zeit auf dem Zahnarztstuhl verbringe, habe ich mir auch einige Grundkenntnisse der dentalassistentischen Tätigkeiten angeeinet: absaugen und Füllungs-Pistole nachladen sowie Röntgenaufnahmen meines Gebisses anfertigen kann ich mittlerweile weitestgehend autonom. Ich halte meinem Med. Dent. auch gerne die Werkzeuge. Oder packe ihn am Kragen, damit er mir beim Füllungsaufbau nicht ins Maul fällt.
Wie ich also vorgestern die – im Übrigen erstaunlich schwere – Ex-Füllung meines Zahns in der Hand hielt, ging ich folgendem Gedankengang nach:
Wenn Gott existiert, hat er sich etwas dabei überlegt, als er uns gemacht hat. Es kann also nicht sein, dass unsere für das Leben im Zuckerparadies des 21. Jahrhunderts schlecht angepassten Zähne durch Zufall oder gar – oh Schreck! – ein fehlerhaftes Design entstanden sein können. Sowieso: etwas derart Kompliziertes wie ein Zahn kann gar nicht durch Zufall entstanden sein. Immerhin braucht es da drinnen einen Nerv, dessen Aufgabe es ist, Unruhe in der Mundhöhle zu stiften und seinen Besitzer regelmässig daran zu erinnern, Gott für seinen tollen Job zu loben.
Nebst diesem – zugegebenermassen ehrenvollen – Zweck hat ein Zahn aber auch noch die Aufgabe, mindestens einem Zahnarzt einen gewissen Lebensstandard zu ermöglichen. So schlau war Gott, als er die Welt schuf, dass er schon daran gedacht hat, was er wohl mit den Zahnärzten macht, die sonst nur den ganzen Tag rumhängen und Golf spielen. Müssen Gott ordentlich auf den Sack gegangen sein, all die Golfbälle, die den ganzen Tag durchs Paradies flogen. Und so sehr liebte er die Zahnärzte, dass er schuf den Zahnnerv und den Karies, und Saure Zungen und Sugus, an denen Füllungen kleben bleiben und dann mit diesen zusammen beim TV schauen mit einem lauten Knirschen wieder rauskommen. Und Gott sah, dass es gut war. Vor allem der Part mit Dschango, der im Monatsturnus spuckte und fluchte, gefiel ihm ganz ausgezeichnet und er lachte sich den Ranzen voll.
Molar 17 hat sich nun zur letzten Reise aufgemacht. Mein Lieblings-Folterknecht hat ihn mit einem Gartenkralle-ähnlichen Werkzeug aus dem Kiefer gebrochen, in kleine, handliche Stücke zerkleinert und im Sondermüll entsorgt. Es war eine blutige, trotzdem befriedigende Angelegenheit für alle Beteiligten.
Er ruhe in Frieden, der kleine Sauhund.

