Heute schon ein totes Tier im Schuh gehabt?
Dieser Artikel beginnt mit einem Geständnis: Ich, Dschango Beinhart, gestehe hiermit, Käsefüsse zu haben. Und nicht Käse so aus der Gouda-Light-Abteilung, sondern richtig üble Fine Food Quanten, im Aroma oszillierend zwischen einem gut abgereiften Camenbert aus der Normandie und einer würzigen, ungarischen Salami. Das sind wohl meine Gene, die jahrhundertelang in allen Ecken Europas herumflottiert sind, um dann schliesslich in meinen Füssen fröhliche Zusammenkunft zu feiern. Ist jetzt nicht so schlimm wie, sagen wir mal, Haarausfall im Jugendalter (hier liebe ich meine Gene!), weil ein Fusstoupet ist etwas ganz Normales, während ein Toupet auf dem Kopf immer wieder Anlass für derbe Spässe an Geschäftsweihnachtsessen ist.
Und spart euch all die guten Tipps. Alles ausprobiert, Erfolg mässig bis nicht vorhanden. Egal welches Fasergemisch für die Socken, egal wie oft oder wie selten mit welchen Emulsionen, Meersalzen und ätherischen Ölen eingerieben, gereinigt und gepudert, es läuft immer auf dasselbe hinaus: Falls mal jemand eine gefechtsfähige Geruchskanone entwickelt, wird er garantiert früher oder später bei Dschango vorbeikommen.
Da ich es vermeide, bei Besuch o.ä. meine Schuhe auszuziehen (meine wenigen Freunde will ich nicht auch noch verlieren) ist es im Grunde genommen nur Hase, die darunter leidet. Dies jedoch sehr. Und wer schon mal versucht hat, eine Frau, die grün im Gesicht ist, zu einem Schäferstündchen zu verführen, weiss, dass es höchst kontraproduktiv für einen entspannten Koitus ist, wenn die Frau darauf besteht, beim Akt den Kopf aus dem Fenster zu halten. Aber zum Glück gibt es heute, wo keine definierbare Zielgruppe von Marketingaktivitäten und auf sie zugeschnittenen Angeboten verschont wird, auch für Käsefussbesitzer und ihre Hasen eine Lösung: Geox, der Schuh der atmet!
Ich bin (bzw Hase ist) ja ein treuer Kunde dieser Firma, die mit dem gesellschaftlichen Tabu des Körpergeruchs ein Schweinegeld erwirtschaftet. Hatte bisher ein paar Sommerschuhe von denen, die auch tatsächlich das hielten, was sie versprachen: weniger Fussschweiss, daraus resultierend weniger Fussgeruch, daraus resultierend mehr und besseren Sex. OK, das Letzte habe ich jetzt frei hineininterpretiert, aber bei mir läuft es mehr oder weniger darauf hinaus.
Nunja.
Neulich war Zeit für einen Schuhwechsel, zielstrebig steuerten wir den Geox-Laden an und Dschango hatte die Aufgabe, von dem ausgestellten Schuhwerk ein Paar auszuwählen, das seinem Gusto entsprach. Das geschah auch recht flott – das Kriterium ’schwarz’ reduziert das Angebot in der Regel auf unter 50%, ‘ohne jeglichen Schischi’ auf maximal 5% und bei ‘ich sagte doch, ohne jeglichen Schischi, gopfertami!’ bleibt dann meist nur noch ein Schuh übrig. Die nette Verkäuferin meinte noch aufgeregt, der Schuh sei einmalig, weil erstmals auch von oben her wasserdicht (“die Membrane ist bis oben durchgezogen!”) und wir wurden uns schnell handelseinig. Zweihundert Franken abgedrückt, eine tolle Tüte mitbekommen, meine Füsse hatten ein kältefestes, schweissresistentes Winterquartier – was konnte da noch passieren?
Also, mal das Positive vorweg: der Schuh ist sau bequem. Wie Finkli schmiegen sich die Teile an meine strapazierten Treterchen, sie sind wohlig warm und tatsächlich kann man sich sogar eine Schneeballschlacht mit den Büro-Dudes geben, ohne dass Wasser von aussen reinkäme. Aufmerksame LeserInnen merken hier: da kann etwas nicht stimmen. Und ihr habt natürlich völlig recht, ihr aufmerksamen LeserInnen ihr!
Es geschah ein paar Tage nach dem Kauf, als Dschango abends noch vor dem Computer sass. Irgendwas roch da eigenartig. Undefinierbar, aber doch eindeutig unangenehm. Subtil, aber doch störend. Das Gemeine war: hätte es nach Käsefuss gerochen, hätten bei mir sofort alle Alarmglocken geschellt und ich hätte mir Müllsäcke über die Schuhe gezogen. Bei diesem Geruch dauerte es aber eine Weile, bis der Ursprung ausgemacht wurde. Er erinnerte mich an etwas Totes, das irgendwo in einer Ecke vor sich hinrottet und geduldig darauf wartet, zu Staub zu zerfallen. Nachdem ich eine Stunde lang unter allen Möbelstücken die vermeintliche Ex-Maus gesucht und die Katzen mit bösen Blicken verunsichert habe, merkte ich, dass mir der Geruch folgt. Dass er immer da ist, wo ich bin. Das gab mir dann doch zu denken.
Also. Der Schuh ist tatsächlich dicht. Er ist dichter, als ich es je war. Er atmet bestimmt irgendwie – vielleicht einmal pro Minute, so wie ein Wal. Das reicht jedoch bei weitem nicht, original osteuropäischen Zigeunerfussschweiss auszuweisen. Mit einem Emmentaler Bauernfuss wäre der Schuh bestimmt klar gekommen, vielleicht sogar mit einem Freiburger Pied Vacherin, bei mir streckt er aber die Waffen, schreit laut “Erbarmen!” zu mir hoch und die Dampfwölkchen, die in der Werbung immer so lustig paff-paff machen, bleiben bei mir ganz aus. Witzigerweise schafft es der Geruch, die ach so dichte Membrane (“bis oben hin durchgezogen!”) auszutricksen. Wahrlich ein Meisterwerk schuhmacherischer Ingenieurskunst!
Ganz übel ist es, wenn der Schuh eine Nacht ‘ausatmen’ kann. Der Geruch, der dem Teil am nächsten Morgen entströmt, ist sogar für meine Nase eine Note zu exotisch. Ich war schon an wirklich üblen Orten unterwegs, habe schon ganz, ganz elende Gerüche eingeatmet, habe nie auch nur die geringsten Berührungsängste gegenüber menschlichen Ausdünstungen gezeigt, aber dieser Mief ist wirklich, wirklich unter jeglicher Sau. Kein totes Tier auf dieser Welt kann derart bestialisch stinken.
Damit könnte ich ja noch leben. Letzthin, als es gerade arschkalt war, zeigte der Schuh aber noch ein neues, weitaus perfideres Gesicht: die Dinger sind nicht eistauglich. Ja, werte LeserInnen, richtig gelesen: nicht eistauglich! Ihr erinnert euch an letzte Woche, als die Strassen und Trottoirs alle gefroren waren? Da hättet ihr den Dschango sehen sollen, wie er verzweifelt versuchte, spät in der Nacht auf seinen rutschenden Tretern einen vereisten Hügel hochzukommen: ein Schritt vor, zwei Schritt zurück, Hopplarutsch, und das während etwa einer halben Stunde. Am Schluss krabbelte ich auf allen Vieren, die Fingernägel ins Eis hackend und mich daran den Hügel hochziehend. Wäre es jemand anderem passiert und hätte ich es gesehen, ich hätte mich bestimmt kaputtgelacht.
Die Nachbarn reden übrigens seit Neustem nicht mehr mit uns. Ich vermute, das ist, weil sie zweimal pro Tag im Treppenhaus an meinen in den letzten Zügen vor sich hinröchelnden Geox-Schuhen vorbeimüssen und sich fragen, warum der verfluchte Beinhart nicht endlich das sterbende Tier aus seinen Latschen entfernt.
Und verdammt, ich kann sie irgendwie verstehen.

Januar 8th, 2009 at 15:14
Also ich habe das Problem ein für alle Mal gelöst: Ab einer Mindesttemperatur von ca. +10°C trage ich keine Schuhe mehr. Sieht eh besser aus, zumindest wenn man so schmucke Treterchen hat, wie ich.