Go Westside!

Es kann nicht gut sein, wenn man sich dauernd nur im intellektuellen Elfenbeinturm austobt, von oben herab über die Welt doziert und keinen Anteil mehr am Leben des gewöhnlichen Volkes nimmt. Um sich mal wieder ein Bild davon zu machen, was die Welt als ‘normal’ bezeichnet, hat sich Dschango entschlossen, bei der Eröffnung des neuen Einkaufszentrums ‘Westside’ dabei zu sein.

Ganz am Anfang, so gegen neun Uhr früh, stand also Dschango da und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Ich habe mir ja vorgestellt, dass ich mit Gratisprodukten überschüttet werden würde. Die einzige Ausbeute waren aber ein (relativ feines) Gipfeli und ein (grottenschlechter) Kaffee, die mir zum ‘Countdown’ überreicht wurden. Nein, es wurden keine Raketen aufs benachbarte Coop abgefeuert, was ich schade fand, sondern es ging nur darum, dass dann bei ‘Null!’ alle gleichzeitig ins Westside rennen sollten. So ähnlich wie damals wohl, als die erste Ikea in Russland aufging.

Die Stimmung hielt sich aber in Grenzen, weil vorerst nur Krawattenträger und blondierte Raumdüfte auf dem Platz waren. Alle waren wahnsinnig wichtig und total beleidigt, wenn man das nicht bemerkte. Herr Gäumann, dem das ganze Westside gehört, musste die Eröffnung jahrelang so planen, dass sie dann auf seinen Geburtstag fällt. Hat sich wohl clever gedacht, dass da dann wenigstens ein Haufen Leute kommt, die ihm alle gratulieren und Geschenke mitbringen. Ha! Als er dann allen von der Bühne herab gesagt hat, dass er Geburtstag hat, da hat gar niemand ‘Happy Birthday’ gesungen. Da tat er mir ein bisschen leid.

Das Bullshit-Bingo war übrigens schon nach fünf Minuten fertig (Siegerin: die Moderatorin). Ich habe selten einen derart inflationären Gebrauch von Worthülsen wie “visionär”, “fortschrittlich”, “grün” und “Win-Win-Situation” gehört. Letzterer kam allerdings von der Frau Baudirektorin Rytz. Laut gelacht habe ich trotzdem.

Mit der Zeit füllte sich der Platz dann mit der speziellen Mischung, die hier unter “Bümpliz Melange” bekannt ist: Jugos, Faschos, Senioren, Arbeitslose, Büezer und Secondo-Tussis. Das machte wenigstens die ganzen Krawatten-Pflaumen etwas erträglicher.

Danach hüpften Frauen mit roten Pyjamas und Gesichtslähmung herum, die goldene Bettlaken im Wind flattern liessen. Die Frauen mussten auf Drogen sein, weil so derart kompromisslos abgrinsen kann man sonst doch nicht so lange. Dazu lief gute Musik, Dschango wippte ein bisschen mit. Die Darbietung sollte wohl irgendwas zwischen Akrobatik und Kunst sein. Weils aber fürs erste zu wenig akrobatisch und fürs zweite zu wenig künstlich war, blieb die Message offen.

Später drückten der Stadtschäppräsident, der Herr Gäumann und der Herr Libeskind auf einen grossen, roten Gullydeckel und der Vorhang ging auf. Herr Libeskind sieht übrigens wirklich so bärig-knuddlig aus wie auf den Fotos und er hat Bern ganz doll lieb. Jedenfalls stürzte die Menge (naja, sie mäanderte eher) durch den Eingang und versuchte, den Heerscharen von zürcherischem Verkaufspersonal aus dem Weg zu gehen, das seinerseits versuchte, die kaufwillige Kundschaft zum Betreten ihres Ladens zu nötigen. Aber auch hier gab es nichts gratis, Dschango war sehr enttäuscht.

Drinnen im Westside sieht es genauso aus wie in jedem anderen Einkaufszentrum. OK, die Architektur ist schöner, so ein bisschen wie im Jüdischen Museum in Berlin, aber das erstaunt ja nicht. Ausserdem hat es im Jüdischen Museum weder einen Starbucks noch einen H&M, obwohl man vielleicht gerne noch ein Blusli kaufen würde, wenn man die ganze jüdische Geschichte angeschaut hat. Von dem her punktet Westside klar. Oh, und die WCs sind wie im Raumschiff Enterprise, so mit automatischen Schiebetüren. Man erwartet direkt, dass sich die Tür bedankt, wenn man durch sie durchgeht, aber das wäre jetzt der komplett falsche Film.

Am Schluss ass Dschango noch Ramen, in einem Nudellokal, in dem eine Frau arbeitet, die ein bisschen aussieht wie die junge Sophie Marceau, wenn selbige einen chinesischen Vater gehabt hätte. Oder sonst einen Asiaten, ich konnte das nicht so genau feststellen. War ja auch nur wegen den Nudeln da, nicht für einen Gentest.

Ach ja, und ein Kino hat es unten auch noch. Es lief grad der Film ‘Willy’, den Kollega Banana kürzlich zusammengefasst hat. Ich fand das noch einen erstaunlichen Zufall. Im Erlebnisbad war ich dann nicht, weil erstens hatte ich keine Badehose mit und zweitens hab ich grad vorher geduscht. Sah aber lustig aus, wie die Leute sich im Wasser vergnügen. War ein bisschen wie im Zoo die Eisbären anschauen. Einfach dann, wenn die Bären ihren Pelz an den Nagel hängen.

Fazit: Westside ist schön! Die Läden müssten nicht unbedingt sein und den Maserati im Keller wollten sie mir partout nicht für eine Probefahrt ausleihen. Überhaupt war der Gratis-Anteil für eine Eröffnung enttäuschend. Die Nudeln waren aber lecker!


One Response to “Go Westside!”

  1. yesyesso



    Hello Dschango
    Wirklich froh bin ich über deine Berichterstattung – Danke!! Einem pflichtbewussten Vater ist es leider nicht möglich am heiterhellen Tag in der Mitte der Woche den Wellen der Zivilisation zu lauschen… Dschangos muss es halt auch geben. ;-) Die Frauen unter Drogen und das Mädi mit den Schlitzaugen haben dir offenbar mehr Wärme einhauchen können, als die Schoggi in der M oder MM oder sogar MMM (wann kommt wohl das erste M^4?). Für die gute Musik wären wohl die Petshop Boys die Richtigen gewesen – aber die kreativen Ideen überlassen wir wohl eher den Profis – den Konsum dürfen wir für uns alleine behalten… bei diesem $ Kurs und den tiefesten Spritpreisen seid 17 Monaten lohnt sich der Aufwand fürs Westside schon fast nicht mehr. GRATIS? kaufen oder verkaufen? Ich komme da leider nicht mehr mit. Früher haben sie Kirchen gebaut – heute sind es Konsumtempel. Hat es denn auch nette Plätzchen, wo sich die Menschen unterhalten können? Es scheint mir schon fast so als sein Dschango auf dem Weg zum Erzkonsumist, ganz im Sinne der Religion der Konsumisten => eine ganz neue Bewegung! Der Konsument, welcher sich mehr zu den andern Menschen hingezogen fühlt als zum Einkaufserlebnis an sich. Ups, wenn das die Ms, H&Ms und Co wüssten!!! Endlich haben die Menschen wieder einen luxuriösen Bau, viel Raum und andere von derselben Spezies (sogar im Badkleid) zum Auskosten. Wie weit ist es da zum Funken der Revolution? BastelEcken, PhilosopieRunden und RhythmusSphären entsprechen doch wohl eher der menschlichen Evolution. Happy Birthday!
    peace + be wild!

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